Ein Zürcher auf Spurensuche im Fussballsumpf

Der Ex-SVP-Staatsanwalt Cornel Borbély jagt für die Fifa korrupte Funktionäre. Der 36-Jährige verliert keine Zeit.

Ein Zürcher Anwalt untersucht, ob es vor der WM-Vergabe zu krummen Geschäften kam: Am Fifa-Hauptsitz in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Ein Zürcher Anwalt untersucht, ob es vor der WM-Vergabe zu krummen Geschäften kam: Am Fifa-Hauptsitz in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Wie kam es nur, dass der Wüstenstaat Katar die Fussball-WM 2022 zugesprochen erhielt? Ist Schmiergeld geflossen? Wenn ja, wie viel? Was ist mit Russland, wo das Turnier 2018 stattfinden soll? Half da jemand nach? Und wie verhielten sich die anderen Länder, die sich bewarben – Grossbritannien, Australien, die USA? Spielten die fair?

Es gibt bei der Fifa zwei Männer, die die Antworten auf diese Fragen kennen. Der erste ist weithin bekannt: Er heisst Michael Garcia und stammt aus New York, wo er für eine grosse Anwaltskanzlei arbeitet. Er leitet den Untersuchungsausschuss der Fifa-Ethikkommission, ist eine Art interner Wachhund. Den zweiten Mann, Garcias Stellvertreter, kennt kaum jemand. Er heisst Cornel Borbély und stammt aus dem Zürcher Oberland, irgendwo hinter Uster. Die beiden haben die WM-Vergaben 2018 und 2022 durchleuchtet. Der Amerikaner Garcia tritt oft öffentlich auf und gibt Interviews. Der Schweizer Borbély dagegen schweigt. Es gehe ihm nur um die Sache, lässt er ausrichten. Ein Gespräch lehnt er ab. Auch die Zürcher Anwaltskanzlei Delnon und Rüdy, für die er arbeitet, gibt keine Auskunft. Wer ist dieser Cornel Borbély?

Zum Spitzenjuristen im Eiltempo

Jung ist er, 36-jährig, gross gewachsen, die Haare trägt er militärisch kurz. Nur keine Zeit verschwenden, scheinen Frisur und Lebenslauf zu sagen: Matura, vier Jahre Grossbank, parallel Jurastudium in Zürich, Doktorarbeit, Anwaltspatent, Staatsanwalt für die SVP – mit 29 Jahren. Es geht weiter im selben Takt. Borbély wechselt zu den Spezialisten für Wirtschaftskriminalität, wo er 2011 bereits eine Gruppe leitet. 2013 holt ihn die Fifa ins Ethikkomitee, wenige Monate später verlässt er den Staatsdienst. In seiner Dissertation zitiert er Lord Baden-Powell, den Gründer der Pfadi-Bewegung: «Eine Schwierigkeit hört auf, eine solche zu sein, sobald man darüber lächelt und sie in Angriff nimmt.»

Garcia und Borbély werden in den letzten Monaten viel gelächelt haben. Gemeinsam schrieben sie den Report über die krummen Geschäfte vor der WM-Vergabe. Sie führten Dutzende Interviews rund um den Globus, «Zehntausende Dokumente» hätten sie durchgeackert, sagte Garcia einmal. Unter anderem nahmen sie jene zwei Dutzend Funktionäre in die Zange, die 2010 über die Vergabe der WM abgestimmt hatten – auch Franz Beckenbauer, der sich anfangs gesträubt hatte, angeblich, weil die Fragen nicht auf Deutsch gestellt worden waren. Im September werden Garcia und Borbély ihren Bericht der Urteilskammer der Ethikkommission vorlegen. Die muss dann über Sanktionen gegen korrupte Funktionäre entscheiden. Indirekt hat der Bericht Einfluss auf die ganz grosse Frage: Muss man Katar oder gar Russland die WM entziehen?

Kritik aus England

Und so findet sich Borbély plötzlich mitten im Gewühl der globalen Fussballpolitik wieder. Aus England kommt bereits Kritik, Garcia und er würden nicht tief genug graben und die Beweise gegen Katar, welche die «Sunday Times» publik gemacht hat, nicht ernst genug nehmen.

Es könnte sein, dass der Report wie ein hart getretener Penalty einschlägt und in der Fifa die nächste Reformwelle auslöst. Es könnte aber auch sein, dass der Bericht am Ende in einer Schublade verschwindet, ohne grosse Wirkung entfaltet zu haben. Das wäre wohl das Schlimmste für Borbély. Denn dann hätte er bei der Fifa Zeit verschwendet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2014, 07:57 Uhr

Cornel Borbély.

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