«Ein Zyniker als oberster IV-Chef»

IV-Chef Stefan Ritler überrascht mit unzimperlichen Aussagen an die Adresse von IV-Rentnern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leser reagieren empört.

17'000 IV-Rentner werden in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert: Aufnahme aus der Küche des St. Galler Hotels Dom, das Arbeits- und Ausbildungsplätze für Behinderte anbietet.

17'000 IV-Rentner werden in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert: Aufnahme aus der Küche des St. Galler Hotels Dom, das Arbeits- und Ausbildungsplätze für Behinderte anbietet. Bild: Keystone

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Die Diagnose Schleudertrauma werde vor allem im Grossraum Basel–Zürich gestellt, «wo die sogenannten Geschädigtenanwälte ihre Büros haben», sagte Ritler im Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Auch er kenne Leute, die nach einem Schlag auf die Halswirbelsäule bei gewissen Belastungen Schmerzen hätten, ergänzt Ritler. «Doch die Rente nimmt diesen Schmerz nicht.» Ritler plädiert für «Arbeit als beste Ablenkung». Wenn man sich immer mit seinen Schmerzen beschäftige, werde es nur noch schlimmer.

«Nationalsozialistisches Gedankengut»

Diese Aussagen sorgen unter der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leserschaft für Ärger. «Gut zu wissen, dass an oberster IV-Stelle ein Ober-Zyniker sitzt, das lässt hoffen für die Zukunft», schreibt ein Leser, seinerseits in zynischem Ton. Weitere monieren: «Arbeit macht frei», das gelte offenbar auch für Ritler selber. «Bald haben wir wieder solche Zustände», befürchtet ein Leser. «Ich frage mich, wo unsere höheren Beamten ihre Ausbildung genossen haben.» Wir seien an einem Punkt angelangt, schreibt ein anderer, an dem Politiker laut «Stopp» rufen müssten, denn die Schweiz ertrage kein «nationalsozialistisches Gedankengut».

Vielen stösst Ritlers Aussage sauer auf, dass Arbeit die beste Ablenkung vom Schmerz sei. «Herr Ritler weiss offenbar nicht, was Schmerzen sind. Aber jeder Schmerzgeplagte weiss jetzt, dass Arbeit frei von Schmerzen macht», schreibt ein weiterer Leser. Eine Leserin fragt: «Weiss Herr Ritler eigentlich, was es heisst, mit Schmerzen zu arbeiten? Ich habe ein schweres Geburtsgebrechen und überstehe die meisten Tage nur mit Schmerzmitteln. Ich beziehe keine IV. Arbeit lenkt vom Schmerz ab – einen ausgemachteren Blödsinn habe ich noch nie gehört.»

«Menschenverachtend und verständnislos»

Mit der ersten Tranche der 6. IV-Revision, die in den nächsten Wochen vom Parlament abgesegnet wird, werden in den nächsten sechs Jahren 17'000 IV-Rentner in den ersten Arbeitsmarkt eingegliedert. Ritler ist zuversichtlich, dass dies gelingt: Mit 200 zusätzlichen IV-Mitarbeitern, welche die Rentner bei der Eingliederung begleiten. «Ich sehe die Schwierigkeit schon, natürlich stellt der Arbeitsmarkt gewisse Anforderungen», sagt Ritler. «Doch statt zu sagen, warum es nicht möglich ist, sollten wir unsere Energie darauf verwenden, Eingliederung möglich zu machen.»

Ritler blende die Realitäten auf dem Arbeitsmarkt schlicht aus, schreibt ein «ehemaliger Arbeitgebervertreter». Eine Leserin ergänzt: «Behinderte in einen Arbeitsmarkt einführen zu wollen, der schon für Normale weiss Gott hart genug ist», das sei menschenverachtend und verständnislos. «Es sind nun mal nicht alle Menschen gesund und fit auf dieser Welt.» Eine Leserin fragt, mit was für Leuten die zusätzlichen 200 Stellen bei der IV besetzt würden: «Vielleicht ja mit einzugliedernden IV-Rentnern?» Er sei zum Glück kein IV-Bezüger, schreibt ein Leser. «Wenn ich mir aber vorstelle, wie schwer es ist, als gesunder 50er einen Job zu kriegen, stelle ich es mir für Menschen mit echten Behinderungen nicht wirklich einfacher vor.»

Schleudertrauma gibt es doch

Der Aussage Stefan Ritlers, die Diagnose Schleudertrauma gebe es im Ausland praktisch nicht, wird widersprochen. Diese Behauptung sei mit einer einfachen Google-Recherche zu widerlegen, heisst es. «Der studierte Theologe und Psychologe scheint bei diesem Thema einen blinden Fleck zu haben.»

Ein Leser schreibt: «Das ‹anderswo nicht existierende Schleudertrauma› heisst in Frankreich ‹Coup du lapin› und auf Englisch ‹Whiplash›. Die Besessenheit bezüglich angeblicher IV-Betrüger nimmt langsam groteske Formen an in diesem Land.»

«Eingliederung ist gar nicht so schwierig»

Vereinzelt stimmen die Leser dem IV-Chef zu: «Einverstanden! Zu Bedenken ist allerdings, dass berufstätige Behinderte oft auf einen wohlwollenden Betrieb angewiesen sind», schreibt jemand. «Stefan Ritler macht das einzig Richtige im Sinne der Allgemeinheit und auch der Betroffenen», findet ein anderer. «Ich habe mit Schmerzen gearbeitet und es ging. Dennoch, es kommt auf die Art und Intensität an. Man kann auch nicht auf Dauer unter Drogen stehen», meint ein Leser.

Einer berichtet: «Es ist gar nicht so schwierig, jemanden wieder einzugliedern und Arbeitsplätze gibt es genug.» Er kenne selber einen Fall: einen Sanitärspengler, der von der Leiter gefallen sei. Das Handgelenk sei nicht mehr bautauglich, er arbeite jetzt als Mediamatiker dank IV-unterstützter Umschulung. (blu)

Erstellt: 02.03.2011, 17:35 Uhr

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