Ein bissiger Diplomat ist verstummt

Luzius Wasescha war einer der erfahrensten Handelsdiplomaten der Schweiz. Vergangene Woche ist er bei einem Unfall gestorben.

Luzius Wasescha (links) bei einer WTO-Sitzung im Juli 2004 in Genf. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Luzius Wasescha (links) bei einer WTO-Sitzung im Juli 2004 in Genf. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

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Vor wenigen Tagen sprach Luzius Wasescha an der Universität Zürich noch über sein Lieblingsthema, den globalen Freihandel. Er kehrte an diesem Abend nicht mehr nach Hause zurück. Gegen Mitternacht erfasste ihn im Bahnhof Bern ein Zug. Die Polizei geht davon aus, dass es ein Unfall war, wie sie im Communiqué vom vergangenen Freitag schrieb. Die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland klärt nun ab, wie es dazu kommen konnte.

Mit Luzius Wasescha, der im Juni 70 Jahre alt geworden ist, verliert die Schweiz einen ihrer einflussreichsten Handelsdiplomaten der jüngeren Zeit. Das zeigt sein Lebenslauf, und das zeigen Gespräche mit beruflichen Weggefährten. Als Zentralsekretär der Europa-Union Schweiz engagierte er sich stark für das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, das die Stimmberechtigten 1972 an der Urne annahmen. Später, in den 90er-Jahren, war er bei den Verhandlungen mit der EU über die bilateralen Verträge für den Bereich des öffentlichen Beschaffungswesens zuständig.

Eigentlich hätte Wasescha es lieber gesehen, wenn die Schweiz der EU beigetreten wäre. «Ich habe schon vor 30 Jahren dafür geworben», sagte er vor wenigen Jahren dem TA. «Aber niemand hat das geglaubt, weil alle meinen, die Schweiz sei so speziell.»

Aufstieg zum Chefdiplomaten

Wasescha hat seine Ansichten so vorgetragen, dass man sie erstens verstanden hat und zweitens dabei unterhalten wurde. Er wurde manchmal bissig, wenn er den Bundesrat kritisierte, der in seinen Augen wirtschaftspolitisch mutlos und ohne Visionen operierte. Die Landesregierung sei zu fest nach innen gerichtet und sehe die grossen Zusammenhänge nicht, sagte er einmal: «Der Bundesrat geht jedes Jahr nach Davos ans WEF. Aber wenn sich in Genf 50 afrikanische Minister versammeln, schickt er einen drittrangigen Sekretär.»

Zum EU-Beitritts-Gesuch, das der Bundesrat 1992 eingereicht hatte, sagte er: «Das war einer der raren Momente, in denen sich der schweizerische Bundesrat mittel- und langfristig etwas überlegt hat.» Manche sagen, Wasescha habe nach seiner Pensionierung im Jahr 2012 zunehmend schlechter ertragen, dass andere seine Arbeit weiterführten, ohne dasselbe Talent zu besitzen wie er. Und dass ihn das zuweilen etwas zynisch gemacht habe.

«Er hatte sehr viel strategische Intelligenz und Empathie. Es gibt wenige Menschen, die beides haben.»

Sein Talent aber war unbestritten. Wer beruflich mit ihm zu tun hatte, schwärmt davon, zum Beispiel Patrick Ziltener, Professor an der Universität Zürich und Spezialist für Aussenhandelspolitik: «Er hatte sehr viel strategische Intelligenz und Empathie. Es gibt wenige Menschen, die beides haben.» Ziltener war mit Wasescha in Japan, um für ein Freihandelsabkommen zu verhandeln. «Dort hat sich seine grosse Fähigkeit gezeigt, sich mit Männern anderer Kulturen schnell anzufreunden. Das war ein Vorteil. Man isst und trinkt miteinander und lernt sich kennen. Das erleichtert die Arbeit am Verhandlungstisch.» Als legendär galten Waseschas Einführungen in Verhandlungsstrategie für junge Seco-Mitarbeiter. Dafür ging man für ein paar Tage in ein Hotel hoch über dem Genfersee, und was man dort erlebte, vergass man laut Ziltener nie mehr. «Da gab es keine Theorie, nur Praxis. Und es wurde nie langweilig. Das konnte nur er.»

Am meisten bewirkt hat Wasescha wohl während seiner Zeit bei der WTO (früher Gatt) während der 80er- und 90er-Jahre. Zahlreiche Verträge wurden abgeschlossen, Wasescha engagierte sich jeweils auch für deren Ratifizierung im Parlament. Quasi als Dank dafür ernannte der Bundesrat ihn im Jahr 2000 zum obersten Seco-Delegierten für Handelsverträge. Das passte. Es gab kaum einen Bereich der globalen Handelspo­litik, in dem sich Wasescha nicht auskannte. Wenngleich er Lieblingsgebiete hatte: Europa, Russland und Asien.

SP-Mann mit eigenen Ansichten

Das Allgemeinwissen pflegte er aber auch im Kosmos Schweiz: Als der Kanton Genf letztes Jahr anlässlich seiner 200-Jahr-Mitgliedschaft bei der Eidgenossenschaft mit einem Bus durch alle Kantone tourte, war Wasescha an Bord – die perfekte Besetzung, da er jeden Winkel und dessen Geschichte kennt. Wasescha, dessen Heimatort Savognin war und der in der Romandie aufwuchs, sprach die vier Landessprachen, als wären alle seine eigenen.

Mit seiner Partei, der SP, hatte er mit der Europafrage einen gemeinsamen Standpunkt – hingegen Differenzen beim Freihandel. Wasescha war für Öffnung, die SP hingegen sieht in der schrankenlosen Marktöffnung eine Gefahr für den sozialen Zusammenhalt, weil es auch Verlierer gibt. Waseschas Vorteil war die Kommunikation: Er hat SP-Sitzungen besucht, hat sich bei den Bauern engagiert. «Er hat verstanden, dass man kommunizieren muss», sagt einer, der mit ihm zusammengearbeitet hat. Das sei für einen Handelsdiplomaten einzigartig.

So war es auch am letzten Mittwoch in Zürich, wie Teilnehmende der Tagung erzählen. Es sei implizit Konsens gewesen, dass ein Freihandelsabkommen mit Taiwan möglich wäre, trotz der Dominanz von China. Und dass Bundesbern zu ängstlich sei. «Das haben alle so gesehen», erzählt einer. «Aber nur Luzius Wasescha hat es explizit so gesagt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2016, 19:13 Uhr

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