Die katholische Ordnung bleibt gewahrt

Gemeinsames Brotbrechen? Vertreter anderer Kirchen bleiben Statisten, als Papst Franziskus mit allen Schweizer Bischöfen vor 30'000 Gläubigen die Messe feiert.

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Schon Stunden vor Beginn der Messe ist der 22-jährige Jerom Pathipat in die ­Palexpo-Halle gekommen. Es sollte am Abend in Genf bereits seine dritte Begegnung mit Franziskus werden – nach einer Generalaudienz im Vatikan und dem Weltjugendtag in Krakau. Doch für ihn sei es jedes Mal eine besondere Freude, den Papst zu treffen, sagt der junge Gläubige. «Einen Mann, der mit seiner Barmherzigkeit viele Menschen zum Glauben ermutigt.» Und durch sein schlichtes Auftreten glaubwürdig wirke.

Rund 30'000 Gläubige begrüssten den Papst schliesslich mit ausgestreckten Armen. Als Franziskus zusammen mit dem Hausherrn, dem Freiburger Bischof Charles Morerod, im Papamobil in die Halle einfuhr, brandete ihm der Jubel wellenförmig entgegen. Zum begeisterten Empfang passten gefällige Lieder im evangelikalen Stil des Sakro-Pop. Auf seiner 24. Auslandsreise las Franziskus erstmals eine Messe in Französisch.

International und vielsprachig

Franziskus, der zuvor schon Bundespräsident Alain Berset getroffen und am Sitz des Weltkirchenrats ein ökumenisches Gebet und eine Rede gehalten hatte, wirkte die ganze Messe über wach und erst zum Schluss etwas erschöpft – und stürzte fast. In der ersten Reihe sitzend, lauschten auch Bundesrätin Doris Leuthard und Nationalratspräsident Dominique de Buman seinen Worten. Eine Fürbitte las das berühmteste Schweizer Missbrauchsopfer, Daniel Pittet. Franziskus hatte zu dessen Buch über die jahrelange Schändung durch einen Kapuziner-Pater das Vorwort geschrieben.


Video: Franziskus in Genf bejubelt


Die mit Tempo gefeierte Messe war der Höhepunkt der ökumenischen Pilgerreise des Papstes nach Genf: eine Messe, nicht etwa ein ökumenischer Gottesdienst und schon gar keine gemeinsame Abendmahlfeier. Die katholische Ordnung blieb sichtbar gewahrt.

«Es ist vor allem ein katholisches Glaubensfest, das das ganze Kirchenvolk repräsentiert und in der Messe eins wird.»Vigeli Monn, Abt von Disentis

In dem ganz in Weiss und Pastelltönen gehaltenen Altarbereich der sonst unwirtlichen Palexpo-Halle umstanden alle Schweizer Bischöfe das Kirchenoberhaupt. Sie, Ökumeneminister Kardinal Kurt Koch und weitere 500 Priester feierten gemeinsam mit dem Papst die Liturgie. Die anwesenden Laientheologen und -theologinnen wurden nicht eigens gezählt. Wohl aber die 150 nicht katholischen Kirchenvertreter des Weltkirchenrates, der evangelischen Kirche in Genf und des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Teils an ihren liturgischen Gewändern erkennbar, blieben sie trotz der vielen Einheitsbeteuerungen dieses Festtages vom katholischen Tisch des Herrn getrennt.


Video: Papst fällt fast von Podest

Kurz vor Ende der Messe wollte Papst Franziskus sein Podium hinter dem Altar verlassen. Dabei verpasste er offenbar eine Stufe.


Kaum jemand unter den anwesenden Gläubigen mochte das kommentieren, geschweige denn kritisieren. Dass nur Katholiken an die päpstliche Messe zur Kommunion gehen dürfen, ist für Jerom Pathipat einfach der sakramentalen Lehre der katholischen Kirche geschuldet. «Da traf sich jetzt der Papst mit seinen Gläubigen», sagte auch Vigeli Monn, der Abt von Disentis. «Es ist vor allem ein katholisches Glaubensfest, das das ganze Kirchenvolk repräsentiert und in der Messe eins wird.» Für den Benediktinerabt und früheren Schweizergardisten, der Franziskus schon in Privataudienz mit anderen Ordensleuten gesprochen hatte, war die Messe das Highlight des Tages und sichtbares Zeichen, «dass wir römisch-katholisch sind und über die Grenzen hinaus ausstrahlen».

Tatsächlich war das gläubige Volk international und vielsprachig. Ob aus der Romandie, der Deutschschweiz oder dem benachbarten Frankreich kommend – alle liessen sie sich von Franziskus begeistern.

Leibchen mit Papst-Emblem

Unter den vielen Jugendgruppen waren die Pfadfinder Europas, eine slowakische Pilgerschar, über 150 Jugendliche vom College St-Michel in Annecy – alle mit grünem Leibchen und Papst-Em­blem und in sieben Cars nach Genf gereist. Alle waren sie angetan vom argentinischen Papst, von dessen Schlichtheit und Menschlichkeit. So auch Roger Zeig, der eingehüllt in eine Luxemburger Flagge durch die Halle schritt. Für ihn ist Franziskus ein Vorbild und «ein einsamer Rufer in der Wüste», der in einer aus den Fugen geratenen Welt Halt geben könne.

Unter dem gläubigen Volk waren auch auffallend viele Ordensleute aus den unterschiedlichsten, auch neuen Gemeinschaften. Zum Beispiel Bruder Hugo von der «Bruderschaft der Menschheit», einer neueren franziskanischen Gemeinschaft mit sechs Niederlassungen in der Schweiz – oder Schwester Louise in blauer Ordenstracht von der «Gemeinschaft des Lammes» in Lyon. Auch der Zürcher Dominikaner und Liturgiefachmann Peter Spichtig nutzte die «Gelegenheit, bei schönem Wetter liebe Bekannte zu treffen». Er schätzt Papst Franziskus, auch wenn dieser kein grossartiger Liturge sei.

Es war übrigens nicht der erste Besuch des Argentiniers in der Schweiz: Im Jahr 1986 war Jorge Mario Bergoglio mit dem Auto durch die Schweiz gereist – damals noch einfacher Jesuitenpater in einer schwierigen Lebensphase und von niemandem beachtet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.06.2018, 23:05 Uhr

«Ein neuer ökumenischer Frühling»

Franziskus will verstärkt mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zusammenarbeiten.

Papst Franziskus würdigte in seiner Grundsatzrede beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf dessen Engagement in den höchsten Tönen. Obwohl die katholische Kirche nicht Mitglied des Weltkirchenrats ist, ermunterte er sie zu verstärkter Zusammenarbeit mit diesem. «Es ist diese göttliche Liebe, die uns nach Jahrhunderten der Opposition erlaubt, wie versöhnte Brüder und Schwestern zusammen zu sein, in Dankbarkeit gegenüber Gott dem Vater.» Er zitierte das Bibelwort «Dass wir alle eins seien» und sprach von der «versöhnten Kommunion» und einer sichtbaren Bruderschaft, welche die Gläubigen heute schon eine. ÖRK-Generalsekretär des Olav Fykse Tveit hatte bei der Begrüssung gesagt: «Dies ist ein Tag, den viele Menschen in aller Welt herbeigesehnt und für den sie gebetet haben.» Im Vorfeld des Treffens sprach Tveit von einem «historischen Meilenstein im Streben nach der Einheit der Christenheit».

Ja, Franziskus wünschte oder konstatierte einen «neuen ökumenischen Frühling», zu dem auch das missionarische Engagement aller Kirchen gehöre. Der Papst erklärte, er habe mit seinem Besuch in Genf am 70. Geburtstag des ÖRK teilnehmen wollen, um daran zu erinnern, dass auch die katholische Kirche im ökumenischen Dialog mitwirken und mit den Mitgliedkirchen des ÖRK kooperieren werde. Das sei schon der Fall in verschiedenen gemeinsamen Kommissionen. Die katholische Kirche und der ÖRK fänden in einer «Pilgerschaft der Gerechtigkeit und des Friedens» zusammen. «Wir müssen aufbrechen zu den vielen existenziellen Peripherien von heute», sagte er, «und gemeinsam die heilende Gnade des Evangeliums der leidenden Menschheit bringen.» Er appellierte an die ökumenische Gemeinschaft, sich vor allem auch im Nahen und Mittleren Osten um die verfolgten Christen zu kümmern.

Damit kam er auf die Diakonie, die tätige und soziale Liebe zu sprechen. Die Glaubwürdigkeit des Evangeliums bewähre sich in der Art und Weise, wie die Christen auf den Schrei jener antworteten, die ungerechterweise Opfer der zunehmenden Exklusion würden, welche Armut und Konflikte auf der Welt vergrösserten. Die Schwachen würden immer mehr in die Not getrieben, hätten weder Brot, Arbeit noch Zukunft, während die Reichen immer weniger, dafür aber immer noch reicher würden. Am meisten überraschte Franziskus, indem er ausgerechnet im reformierten Genf Calvins Prädestinationslehre infrage stellte: «Traurig ist die Überzeugung jener, die ihre eigenen Privilegien eher als Zeichen von Gottes Erwählung sehen als in ihnen den Ruf erkennen, der menschlichen Familie mit Verantwortung zu dienen und die Schöpfung zu bewahren».

Michael Meier, Genf

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