Missbrauch-Serie

Ein extrem anspruchsvoller Fall

Eine unerträgliche Geschichte, Teil 2: Wie beweist man Taten, für die es keine objektiven Beweise mehr gibt?

Keine präzise Erinnerung mehr an den Tatort: Für die Opfer ist es schwierig, die 14 Jahre zurückliegenden Taten zu beweisen.

Keine präzise Erinnerung mehr an den Tatort: Für die Opfer ist es schwierig, die 14 Jahre zurückliegenden Taten zu beweisen. Bild: Keystone

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Ein kalter Dezemberabend im Jahr 2004. Yvonne sitzt im Zug nach Zermatt, Winterluft zieht durch die Fensterritzen. Plötzlich geht die Tür auf, und im Abteil steht Emily. Acht Jahre sind vergangen, seit die beiden Frauen sich zuletzt gesehen haben. Emilys Familie war 1993 aus dem Dorf weggezogen, Emily kam ins Kinderheim, von da in die Psychiatrie, ins betreute Wohnen, wieder in die Psychiatrie. Yvonne verbrachte eine Jugend mit schwarzen Kleidern, schwarzen Gedanken, schwarzer Wut. Anfangs schrieb sie Emily sporadisch, besuchte sie im Kinderheim. Über die Vorfälle sprachen sie nie – es schien zu bedrohlich. Dann verloren sie sich aus den Augen. Bis zu diesem Dezemberabend im Zug. Auch jetzt sprechen sie das Thema nicht an. Aber sie versichern sich, in Kontakt zu bleiben, tauschen Telefonnummern und Adressen aus.

Die Beziehung zwischen den beiden Frauen, die in Wirklichkeit anders heissen, wird während des Prozesses eine besondere Bedeutung bekommen. Warum haben die beiden so kurz vor der Verjährung der grausamen Übergriffe plötzlich doch noch beschlossen, den Täter zur Verantwortung zu ziehen? Haben sie sich abgesprochen? Sind sie glaubhaft?

Bildfetzen tauchen auf

Yvonne kommt aus einer intakten Familie, trotz ihrer turbulenten Jugend war sie nie in Therapie. Kurz nach der Begegnung schreibt ihr Emily einen Brief. Ob Yvonne wisse, was mit ihr geschehen sei. Dass der Vater sie, Emily, jahrelang sexuell missbraucht habe. Yvonne weint. Ja, sie weiss es. Auch sie wurde missbraucht. Bildfetzen tauchen auf, täglich neue. Nichts ist vorbei, es beginnt gerade erst. Emily ist in schlechter psychischer Verfassung, trotz jahrelanger Therapie. Aber zusammen beschliessen die beiden Frauen, etwas zu unternehmen. Sie gehen zur Opferhilfe, schildern dort die Übergriffe. Man rät ihnen zunächst von einer Anzeige ab. Wegen Yvonne. Ohne Therapie werde sie das nicht durchstehen.

Darauf sucht Yvonne sich eine Therapeutin. In ihrer ersten Stunde sagt sie: «Ich wurde als Kind jahrelang missbraucht. Aber wenn sie mir Psychopharmaka geben, gehe ich gleich wieder.» Sie bleibt. Sie arbeitet auf, was geschehen ist. Lernt, dass dies der Schlüssel ist zu ihren Problemen. Derweil berät die Opferhilfe die beiden Frauen, wie sie wegen des Prozesses vorgehen sollen. Maximal zwei Jahre, sagt man Yvonne. Dann sei die Sache über die Bühne.

Fünf Jahre Verjährungsfrist

Im August 2007 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Huber, Emilys Vater, wegen mehrfacher Vergewaltigung, mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern. Damit beginnt ein Indizienprozess von gewaltigen Ausmassen. Ungeheure Anschuldigungen stehen im Raum, Huber, Lastwagenfahrer, ist bereits wegen eines Banküberfalls vorbestraft, bezieht aber inzwischen Invalidenrente wegen seiner Adipositas. Er streitet alles ab. Die beiden Opfer sind psychisch labil. Ein extrem anspruchsvoller Fall.

Die Gruppenvergewaltigung fand 1993 statt. Die Frauen waren damals zehn Jahre alt und das Gesetz sah eine Verjährungsfrist von fünf Jahren vor, weil eine «erhebliche Wahrscheinlichkeit» bestehe, «dass ein Kind derartige sexuelle Handlungen nach einer gewissen Zeit zu verarbeiten vermöge». Ausserdem sei die Durchführung eines Strafverfahrens nach fünf Jahren oder mehr womöglich ein «stärkerer Eingriff in die Persönlichkeit des Opfers als das Delikt selbst». Doch dann wurde das Sexualstrafrecht mehrmals verschärft.

Wie beweist man solche Taten?

Zum Zeitpunkt der Anklage gilt eine Verjährungsfrist von 15 Jahren, nur die letzten Übergriffe sind noch strafrechtlich verfolgbar. Die Missbräuche haben die Persönlichkeiten der Opfer massiv beschädigt, beinahe zerstört, und beide kämpfen auf ihre Art dagegen an. Emily leidet unter einer schweren Borderline-Störung, Yvonne unter Wut und Depressionen. Die Staatsanwaltschaft konzentriert sich also auf die letzten Missbräuche.

Doch wie beweist man Taten, die sich 14 Jahre zuvor ereignet haben, für die es keine objektiven Beweise mehr gibt, über die die beiden schwer traumatisierten Opfer nie geredet haben? An die sie keine zusammenhängende Erinnerung mehr aufbringen können, geschweige denn präzise Angaben über Örtlichkeit und Tatzeitpunkt machen?

«Ich sehe ihn nackt, und fertig»


Aus dem Protokoll von Emilys Einvernahmen:

Untersuchungsrichterin: «Wenn Sie sich nicht erinnern können, sagen Sie bitte, dass Sie sich nicht erinnern können. Wenn Sie sich einer Sache nicht sicher sind, dann sagen Sie, dass Sie sich nicht sicher sind.»

Emily: «Ja.»

UR: «Bei der Befragung vom 26. April 2006 haben Sie erzählt, dass es zu einem letzten sexuellen Übergriff durch Ihren Vater auf einem Parkplatz kam. Ist dies richtig?»

E: «Ich weiss nicht mehr.»

UR: «Aber an den Vorfall können Sie sich erinnern?»

E: «Ja.»

UR: «Bitte schildern Sie, wie es dazu kam.»

E: «Ich weiss nicht mehr. Ich habe ein Black-out. Ich weiss nicht mehr, wie wir dahin kamen.»

UR: «Wissen Sie noch, was dort geschah?»

E: (studiert lange) «Muss durch die Bilder gehen ... Ich weiss es nicht. Ich will nichts Falsches sagen.»

UR: «Haben Sie eine Erinnerung daran, oder können Sie sich im Moment an gar nichts mehr erinnern?»

E: «Ich habe einfach ein Bildstück.»

UR: «Können Sie das beschreiben?»

E: «Ich sehe ihn einfach nackt, und fertig.»


Yvonnes Aussagen sind klarer und sehr detailliert. Aus dem Protokoll der Einvernahmen:


UR: «Können Sie mir den Kellerraum noch genauer beschreiben?»

Y: «Beim Hauseingang hatte es einen Vorraum. Dort geht es die Treppe hinunter. Dort hatte es einen Heizungsraum. Ich weiss noch, wie es dort roch, aber das nützt Ihnen wohl nichts.»

UR: «Können Sie den Geruch beschreiben?»

Y: «Es war ein eigenartiger Geruch. Nicht gelüftet, nach Zigaretten, Schweiss, ein bisschen nach Putzmitteln. Es war einfach muffig.»


Im Januar 2008, fünf Monate nach der ersten Anklageerhebung, fällt das Bezirksgericht sein Urteil: Huber wird in allen Anklagepunkten für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt. Er wird ausserdem zu Schadenersatz und Genugtuung samt Zins und Zinseszins verurteilt und muss sämtliche Verfahrenskosten tragen. Sein Anwalt legt Berufung ein, verlangt Entschädigung für die ihm zugemutete Unbill des Prozesses und zieht den Fall an das Kantonsgericht weiter.

Erstellt: 25.01.2013, 08:17 Uhr

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