Ein falscher Sitznachbar ist die Hölle

Zum Start jeder Legislatur streiten die Politiker um die besten Plätze im Saal. Wer am Gang sitzen darf und wer auf die «Strafbank» muss.

Die neuen Ratsmitglieder werden am Montag für die nächste Legislatur ihre Plätze im Nationalratssaal einnehmen. Nicht alle sind jeweils zufrieden mit ihren Sitznachbarn. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Die neuen Ratsmitglieder werden am Montag für die nächste Legislatur ihre Plätze im Nationalratssaal einnehmen. Nicht alle sind jeweils zufrieden mit ihren Sitznachbarn. Foto: Marcel Bieri (Keystone)

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«Also ich muss zugeben: Die ging mir echt auf die Nerven.» So äussert sich ein Nationalrat über seine Sitznachbarin. Seinen Namen möchte er lieber nicht veröffentlichen. Auch nicht, wer ihn die letzten vier Jahre derart gestört hat. Aber er gibt zu, was jeder Parlamentarier insgeheim bestätigt: Wer Pech hat mit seinem Sitznachbar, geht vier Jahre durch die Hölle.

Am Montag startet das Parlament in seine 51. Legislatur. National- und Ständeräte treffen auf ihre neuen Sitznachbarn. Dabei gibt es Parlamentarier-Typen, die besonders gefürchtet sind. Zum Beispiel der «Chaot»: Er häuft auf seinem Pult so viele Akten, Zeitschriften und Kram an, dass alles zu den Nachbarn quillt. Oder der «Vernetzte»: Sein Handy ­vibriert pausenlos. Gefürchtet ist auch die «Geräuschkulisse»: Sie knirscht mit den Zähnen, raschelt fortlaufend, hämmert laut in den Laptop und kann einfach nicht stillsitzen im Saal.

Mühe mit der Duftmarke

Schliesslich gibt es auch noch jene, über die man im Rat nur ­tuschelt. Da war etwa eine FDP­lerin, die sich derart offensiv parfümierte, dass es für ihre Nachbarn kaum auszuhalten war. Auch das Umgekehrte kam vor. Die Ausdünstung eines Parlamentariers war derart penetrant, dass eine Schwangere in der Nähe ­umgesetzt werden musste. Auch der einstige Lega-Chef Giuliano ­Bignasca kam nach durchgemachten Nächten zuweilen ­direkt in den Ratsaal – ohne Umweg über ein Badezimmer.

Regelmässig mussten füllige Personen umplatziert werden, weil die normalen Sitze zu eng für sie waren. Ein SVPler mit einem ­tauben linken Ohr verlangte, am Rand zu sitzen, damit er die anderen überhaupt hören konnte.

Es läuft wie in der Wildnis: Die Wichtigsten kriegen die Plätze ganz oben.

Welche Nationalräte diesmal mit ihren Nachbarn Glück oder Pech haben, ist derzeit noch schwer zu sagen. Aber ein Blick in den neuen Sitzplan enthüllt schon einige pikante Details.

Mit Spannung wird jeweils ­erwartet, wer dieses Mal auf die «Strafbank» muss. Das ist der schlechteste Platz im Saal. Er liegt abseits, fast unter der grossen Schweizer Flagge. Die SVP hat den Platz diesmal kurzerhand dem Lega-Politiker ­Lorenzo Quadri (Nr. 1 im Sitzplan, siehe Grafik) zugeschoben. Auch die Ratslinke teilt schlechte Plätze gerne Splitterparteien zu. Diesmal erhielten die beiden Vertreter von linksaussen, Denis de la Reussille (Nr. 2) und Stéfanie Prezioso (Nr. 3), Sitze in der ungeliebten ersten Reihe.

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Ganz anders ist die Situation bei Magdalena Martullo-Blocher (Nr. 4): Sie hat nun den Sitz in der hintersten Reihe übernommen, auf dem einst ihr Vater gesessen hatte. Oder SP-Frau Jacqueline Badran (Nr. 5): Sie sitzt am Gang, was wohl daran liegt, dass sie fast immer zu spät zu den Abstimmungen in den Saal kommt.

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Nicht ganz klar ist, warum die SVP-Fraktion Querdenker wie Lukas Reimann (Nr. 6) und ­David Zuberbühler (Nr. 7) ­ausgerechnet in die erste Reihe setzt. Insider erklären das mit der elektronischen Anzeigetafel. Sie zeigt nach jedem Votum, welcher Sitz im Saal wie gestimmt hat. Wenn die Abweichler mitten im Pulk einer Partei sitzen, gibt das unschöne Löcher auf der Tafel. Die Partei wirkt weniger geschlossen.

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Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die Sitzordnung zu erstellen. Es gibt zahlreiche un­geschriebene Gesetze. Das wichtigste kennt man auch aus der freien Wildbahn: Je höher ­jemand gestellt ist, desto weiter oben (beziehungsweise hinten im Saal) darf er sitzen.

Das Fussvolk im Blick

So finden sich hier auch in der neuen Legislatur die einflussreichsten Parlamentarier. Zum Beispiel Fraktionschefs wie ­Roger Nordmann (SP, Nr. 8), Leo ­Müller (CVP, Nr. 9), Beat Walti (FDP, Nr. 10) und Thomas Aeschi (SVP, Nr. 11). Ebenfalls hinten sitzen die Parteipräsidenten Gerhard ­Pfister (CVP, Nr. 12). Petra Gössi (FDP, Nr. 13) und Albert Rösti (SVP, Nr. 14). Die Novizen müssen sich dagegen erst hocharbeiten. Die neuen CVPler Simon Stadler (Nr. 15)und Priska Wismer-Felder (Nr. 16) etwa sitzen als Einzige ihrer Partei in der vorderen Reihe zwischen den Fraktionskollegen von BDP und EVP.

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Die Plätze hinten sind so begehrt, weil man dort schnell verschwinden kann zu Journalisten und Lobbyisten und auch rasch für Abstimmungen wieder am Platz ist. Vor allem aber hat man dort den besten Blick auf das Fussvolk weiter vorne im Saal.

Das Zeichnen des Sitzplans ist also eine höchst komplexe Aufgabe. Die Parlamentsdienste haben sie längst abgegeben. Sie ­teilen den Fraktionen lediglich bestimmte Sektoren zu, wobei es diesmal elf Versionen brauchte, bis alle zufrieden waren.

«Es wurde schlicht zu kompliziert», erinnert sich John Clerc. Er war von 1992 bis 2007 stellvertretender Generalsekretär des Parlaments. Er erzählt, wie etwa der junge Moritz Leuenberger damals partout nicht neben einem «Eisenbähnler» sitzen wollte, weil man sich mit dem zu wenig «angeregt» austauschen könne. Leuenberger wurde später Verkehrsminister.

Lernen Sie die 246 National- und Ständeräte kennen und durchsuchen Sie unser interaktives Parlament mit Stichworten und Filtern.

Erstellt: 01.12.2019, 19:38 Uhr

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