«Ein fremdrassiges Pack ...»

Der Zürcher Lokalhistoriker Hans Kläui (1906–1992) war ein Hitler-Verehrer und Frontist, dessen Propaganda gegen Flüchtlinge aus den 30er-Jahren in der fremdenfeindlichen Polemik heute ein Echo findet.

Hans Kläui (Mitte) wurde 1938 zum «Gauführer» in St. Gallen ernannt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg mutierte er zum Lokalhistoriker. Foto: Staatsarchiv St. Gallen

Hans Kläui (Mitte) wurde 1938 zum «Gauführer» in St. Gallen ernannt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg mutierte er zum Lokalhistoriker. Foto: Staatsarchiv St. Gallen

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«September 2015: Flüchtlingsströme aus den Kriegs- und Krisengebieten Westasiens und Nordafrikas überrollen Europa, und auch in der Schweiz steht das Asylsystem am Rand des Zusammenbruchs.»

Was wie der Auftakt zu einem Science-Fiction-Film klingt, hat meist nur am Rand mit der Realität zu tun. Trotzdem werden auch in der hiesigen Politlandschaft Flüchtlinge immer wieder zum Gegenstand von Diffamierungskampagnen. Heutzutage steht hinter solchen Wahlkampfaktionen oft die SVP, in den Dreissigerjahren dagegen war insbesondere die rechtsextreme Frontenbewegung darauf spezialisiert, Asylsuchende öffentlich schlechtzumachen.

Federführend bei dieser Spielart von politischem Aktivismus waren und sind – wenn man die gewalttätigen Formen der Fremdenfeindlichkeit beiseitelässt – meist Intellektuelle mit akademischer Bildung: in der SVP Männer wie der Jurist Christoph Blocher, die Historiker Ulrich Schlüer und Christoph Mörgeli oder der Realschullehrer Hans Fehr, in der Nationalen Front der Dreissiger- und Vierzigerjahre der Philosoph Hans Oehler, die Juristen Rolf Henne und Robert Tobler, der Historiker Werner Meyer oder der Romanist Hans Kläui.

«Emigrantenschwemme» in St. Gallen

Im Jahr 1938 überquerten nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland einige Tausend meist jüdische Menschen auf der Flucht vor Pogromen und Berufsverboten den Alpenrhein. In der Zeitung «Die Front» vom 18. August 1938 beschrieb Hans Kläui, damals «Gauführer» der Nationalen Front in St. Gallen, die «Emigrantenschwemme»: «In Rudeln lungern diese meist nicht schlecht gekleideten Gestalten herum, mauschelnd und ihre durch keine militärische Gesinnung gestrafften Glieder schlenkernd. Dort dringt gleich eine ganze Gruppe in die Hauptpost ein, begafft den Briefeinwurf, drückt sich in der Schalterhalle herum und gebärdet sich, als ob sie gekommen sei, um dieses staatliche Gebäude zwecks demnächstiger Übernahme anzusehen. [...] Was aber sagen die notleidenden Sticker- und Heimarbeiterfamilien zu dem Zustrom der Fremdlinge? [...] Was sagen sie dazu, dass heute unter den Augen eines gewissenlosen Systems ein fremdrassiges Pack die Strassen und Plätze der Ostschweiz unsicher und aus St. Gallen ein zweites Tel Aviv machen darf, während der Schweizer wirtschaftlich zugrunde gehen muss?»

Hans Kläui glaubte fest an den Sieg des Neuen Europas unter Führung der NSDAP.

Die Propagandaaktion der Nationalen Front stiess in St. Gallen auf kein grosses Echo; die Bevölkerung zeigte sich insgesamt solidarisch mit den geflüchteten Juden und Jüdinnen. Einzelne wie der Polizeikommandant Paul Grüninger übten sich in zivilem Ungehorsam und retteten so unzähligen Verfolgten das Leben.

Während Grüninger für seinen Einsatz unehrenhaft entlassen wurde, hatte Hans Kläui das Prinzip der Menschlichkeit schon vier Jahre zuvor im «Grenzboten» vom 4. Juli 1934 als verwerfliche und schädliche Ideologie diffamiert: «Wir leben bei uns noch im Zeitalter der Humanität [...], d. h. bei uns gilt noch jene Weltanschauung, die die Völker langsam aber sicher zugrunde richtet.» Damit zielte er in die gleiche Richtung wie der Schweizer Bundesrat, welcher am 4. Oktober 1938 einer Vereinbarung mit Deutschland über die Einführung des ­«Juden-Stempels» zustimmte und eine Visumspflicht für jüdische Deutsche erliess.

Vom Pfarrerssohn zum «Gauführer»

Kindheit und Jugend hatte der 1906 geborene Hans Kläui im Zürcher Weinland verbracht. Das elterliche Pfarrhaus in Flaach war nur wenige Kilometer von Laufen am Rheinfall entfernt, wo gut dreissig Jahre später der Pfarrerssohn Christoph Blocher aufwachsen sollte. Politisiert wurde Kläui in Zürich, an dessen Universität er 1930 sein Romanistikstudium mit einer Dissertation abschloss.

1933, auf dem Höhepunkt des sogenannten Frontenfrühlings, erschienen erste Kläui-Artikel in der rechtsextremen Presse, so auch im Schaffhauser «Grenzboten», wo er 1934 bis 1936 eine feste Redaktionsstelle besetzte. Ebenfalls 1933 begann er, im heimischen Flaach eine Ortsgruppe der Nationalen Front aufzubauen, die so erfolgreich war, dass sich Flaach bald zu einer der frontenfreundlichsten Gemeinden des Kantons Zürich mauserte.

Bei den Kantonsratswahlen vom März 1934 wurden in Flaach 16 Prozent der Stimmen erreicht, ein Resultat, das kantonsweit nur Rafz mit 25 und Laufen-Uhwiesen, wo Pfarrer Wolfram Blocher seine Schäfchen hütete, mit 17 Prozent übertraf.

Der Kalte Krieg legte sich über die Vergangenheit vieler Frontisten wie ein Mantel.

Hans Kläui glaubte fest an den Sieg des Neuen Europas unter Führung der NSDAP, setzte beruflich auf eine Karriere innerhalb der rechtsextremen Strukturen, publizierte als Journalist in der frontistischen Presse. Seinem Flaacher Elternhaus blieb er mit studien- und berufsbedingten Unterbrüchen bis zur Ernennung zum Ostschweizer «Gauführer» und dem darauf folgenden Umzug nach St. Gallen im April 1938 treu.

Nach der Selbstauflösung der Nationalen Front Anfang 1940 trat Hans Kläui verschiedenen Folgeorganisationen bei, so der Nationalen Bewegung der Schweiz, als deren Propagandachef er designiert war, als sie vom Bundesrat im November 1940 verboten wurde. Im Januar 1941 wurde er von einem Militärgericht wegen staatsgefährlicher Propaganda zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Durch Kläuis Leben zieht sich bis in die Fünfzigerjahre eine Spur der wirtschaftlichen Unsicherheit. Nachdem er noch 1942 auf der Liste der Nationalen Opposition für den St. Galler Kantonsrat kandidiert hatte, wurde ihm Anfang 1943 klar, dass das faschistische Projekt in Europa und damit auch in der Schweiz definitiv keine Zukunft mehr hatte. Ende März zog er deshalb mit Frau und Tochter von St. Gallen nach Oberwinterthur, wo er auf ein Beziehungsnetz zurückgreifen konnte, das ihm ein prekäres Überleben als Genealoge, Namenforscher, Heraldiker und Lokalhistoriker ermöglichte.

Mit den alten Kameraden blieb er weiterhin in Kontakt, publizierte beispielsweise bis 1944 in Hans Oehlers «Nationalen Heften» oder nahm 1946 an den Treffen der «Freunde des Turmwarts» teil, die vom ehemaligen «Front»-Redaktor Werner Meyer organisiert wurden.

Zürcher Lokalhistoriker

1952 wurde Hans Kläui zum Redaktor der in Winterthur erscheinenden historisch-kulturellen Monatszeitschrift «Zürcher Chronik» ernannt. Auf deren Seiten, aber auch in unzähligen weiteren lokalgeschichtlichen Artikeln und Büchern profilierte er sich als Heimatschützer und Kenner des 1798 untergegangenen Ancien Régime.

Von entscheidender Bedeutung für diesen Karrieresprung war die Unterstützung durch seinen jüngeren Bruder, den Mittelalterhistoriker Paul Kläui, der ebenfalls mit der Frontenbewegung sympathisiert hatte, aber schon 1949 zum Präsidenten der prestigeträchtigen Antiquarischen Gesellschaft aufgestiegen war.

Der Kalte Krieg legte sich über die Vergangenheit vieler Frontisten wie ein Mantel, unter dem die alten Ideen die Jahrzehnte überdauerten. Zur liberal-demokratischen Ordnung des modernen Bundesstaates blieb Hans Kläui zeitlebens auf Distanz. 1959 zeigte er jedoch eine überraschend menschliche Seite, indem er in seine vierköpfige Familie ein ungarisches Pflegekind aufnahm, dessen Mutter nach dem sowjetischen Einmarsch aus Ungarn in die Schweiz geflüchtet war.

Die fremdenfeindlichen Volksinitiativen des Alt-Frontisten James Schwarzenbach kommentierte Kläui mit vorsichtigem Verständnis, während er angesichts des Aufstiegs der neuen Linken rhetorisch grobes Geschütz auffuhr und zum Beispiel 1973 in der «Zürcher Chronik» beklagte, dass «in Friedenszeiten irgendwelche Notmassnahmen kaum durchzubringen» seien, «denn dazu ist die Wehleidigkeit zu gross». Hans Kläui hat sich nie öffentlich von seiner frontistischen Vergangenheit distanziert.

Für sein Werk als Lokalhistoriker erhielt er 1964 den Winterthurer Kulturpreis und 1971 eine Ehrengabe des Kantons Zürich.

Unmenschlichkeit als Programm?

Die heutigen Fremdenfeinde in der Schweiz sind im Gegensatz zu ihren frontistischen Vorgängern weder Faschisten noch Antisemiten. Doch sieht ihre Propaganda und ihre Sprache derjenigen der Frontenbewegung bisweilen zum Verwechseln ähnlich. So sind die auf dem Plakat für die eidgenössische Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» von 2014 gezeigten schwarzen Dunkelmänner, die eine die Schweiz symbolisierende rote Fläche mit weissem Kreuz zu beschmutzen drohen, schon auf einem Wahlplakat der Nationalen Front von 1933 zu sehen. Auch die von SVP-Seite oft vernehmbare Geringschätzung von Humanismus und Menschenrechten war schon unter Frontisten gang und gäbe.

Heutige Plakate sehen jenen der Nationalen Front von 1933 erstaunlich ähnlich. Bild: PD

Weitere Gemeinsamkeiten mit der frontistischen Weltanschauung sind die Verklärung der alten Eidgenossenschaft oder die kausale Verknüpfung von Einwanderung und Umweltzerstörung. Letzteres ist allerdings keine Spezialität der SVP, sondern wurde in den Achtzigerjahren auch von der Nationalen Aktion kultiviert und kürzlich in der Kampagne für die Ecopop-Initiative neu aufgewärmt.

Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war in der Schweiz «das Boot voll», obwohl noch viele Platz gehabt hätten. Wer sich heute im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik auf die damalige Ideologie der Geistigen Landesverteidigung beruft, vergisst, dass diese zwar eine restriktive Asylpolitik und ein rückwärtsgerichtetes Geschichtsbild vertrat. Gleichzeitig verstand sie sich aber als antifaschistisches und pluralistisches Projekt mit sozialen Dimensionen, aus dem die AHV hervorging und dank dem die Frontenbewegung ab 1938 in der politischen Bedeutungslosigkeit versank.

Angesichts der in breiten Kreisen verbreiteten Angst vor Identitätsverlust und Überfremdung wäre in der gegenwärtigen Schweiz vielleicht eine neue Bewegung vonnöten, die sich für die Tradition der Menschenrechte und dem hierzulande seit Jahrhunderten verwurzelten Respekt für Flüchtlinge, Minderheiten und Andersdenkende starkmacht.

Daniel Gut ist der Autor von: Neidkopf. Zur Naturgeschichte des Schweizer Frontisten Hans Kläui – eine literarische Recherche. Elfundzehn, Glarus, 2015. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 23:29 Uhr

Collection

Asyldebatte

Artikel zum Thema

Flüchtlinge, vier Parteichefs und sechs Fragen

Im Bundeshaus startet die Session im Zeichen der Flüchtlingskrise: Wohin Levrat, Brunner, Müller und Darbellay den Weg weisen. Mehr...

Mörgelis Quatsch nicht zensurieren

Kommentar Wenn Facebook während des Wahlkampfs Politikerprofile sperrt, ist das problematisch. Mehr...

Flüchtlingselend und Wahlkampf – das ist unerträglich

Leitartikel Flüchtlingsströme stellen unsere Nachbarn vor immense Aufgaben. Die Schweiz bleibt verschont. Hat jemand «Asylchaos» gesagt? Bitte! Wir können anders. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

«Ein fremdrassiges Pack ...»

Hans Kläuis Propaganda gegen Flüchtlinge aus den 30er-Jahren findet heute ein Echo. Mehr...

Sessionsauftakt im Zeichen der Flüchtlingskrise

Die Rezepte der Parteien zum Asylwesen. Mehr...

«Die Schweiz muss mehr als 20'000 Flüchtlinge aufnehmen»

Kurz vor den nationalen Wahlen stellen sich die Chefs und Chefinnen der grossen Parteien im Live-Chat von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Heute wars Grünen-Co-Präsidentin Regula Rytz. Mehr...