«Ein krankes System»

Der Psychiatrieprofessor Gregor Hasler kritisiert, die Sozialversicherungen seien zu wenig auf psychisch Kranke ausgerichtet.

Gesundheitsfaktor Arbeitsplatz: Grossraumbüros können für Menschen mit psychischen Problemen ungeeignet sein. Foto: Keystone

Gesundheitsfaktor Arbeitsplatz: Grossraumbüros können für Menschen mit psychischen Problemen ungeeignet sein. Foto: Keystone

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Die Invalidenversicherung IV soll mehr tun, um psychisch Kranke im Beruf zu halten oder sie wieder einzugliedern. Was läuft heute falsch?
Die IV-Revisionen der letzten Jahre haben die Neurenten massiv reduziert. Aber sie haben nichts daran geändert, dass der Anteil der IV-Renten wegen psychischer Störungen stetig zunimmt. Ein Grund liegt in den massiven Fehlanreizen, die zu relativ hohen Kosten durch leichte und mittelgradige psychische Störungen führen. Es handelt sich häufig um depressive Störungen. Die Kosten sind aber nur ein Teil des Problems. 80 Prozent dieser Menschen wollen arbeiten, da soziale Integration in der Schweiz stark über Arbeit erfolgt. Die Firmen in der Schweiz sind zwar Weltmeister bei der Prävention körperlicher Krankheiten und Unfälle. Aber sie schenken psychosozialen Risiken wie Stress oder anderen belastenden Faktoren am Arbeitsplatz kaum Aufmerksamkeit.

Warum ist das so?
Die Schweiz macht einen grossen Unterschied zwischen körperlichen und psychischen Gesundheitsproblemen. Rechtlich werden psychische Probleme fast nie auf die Arbeit zurückgeführt. Das Arbeitsgesetz enthält explizite Bestimmungen zur Verminderung körperlicher, nicht aber psychischer Gesundheitsrisiken. Die Unfallversicherer betrachten psychische Störungen nicht als Berufskrankheit. Dies ist in einigen Industrieländern wie etwa Australien anders. Dort sind psychische Störungen körperlichen Berufskrankheiten gleichgestellt.

Was würde eine solche Regelung in der Schweiz ändern?
Der Druck der Unfallversicherer führt im Bereich körperlicher Krankheiten dazu, dass sich Arbeitgeber für den Gesundheitsschutz zuständig fühlen. Firmen haben ein direktes finanzielles Interesse, Schäden zu vermeiden. So müsste es auch bei psychischen Krankheiten sein. Ein Beispiel: Ein Grossraumbüro kann für Menschen mit psychischen Problemen äusserst ungeeignet sein, sogar zusätzlichen Stress verursachen. Heute fehlt der finanzielle Anreiz für Arbeitgeber, solchen Mitarbeitern einen angepassten Arbeitsplatz einzurichten. Die psychischen Krankheiten gehen zulasten der Krankenkassen, der Taggeldversicherung und der IV.

Gibt es auch Mängel bei der IV selbst?
Die IV stellt bei ihren Abklärungen etwa 20 Fragen zur körperlichen Leistungs­fähigkeit eines Versicherten. Die Abklärungen zur psychischen Belastbarkeit werden vernachlässigt. Psychisch Kranke mit Arbeitsplatzproblemen haben im Sozialsystem der Schweiz generell schlechte Karten. Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) fühlen sich für psychisch Kranke nicht zuständig. Sie sind auf gesunde, unbegrenzt vermittelbare Klienten ausgerichtet. Arbeitslose mit psychischen Problemen wären auf speziell ausgebildete Personalvermittler angewiesen. Im aktuellen System werden sie häufig zu IV-Rentnern oder Sozialhilfebezügern.

Ein grosses Problem ist die hohe Zahl junger IV-Rentner mit psychischen Problemen. Sind Jugendliche in der Schweiz besonders krank?
Vermutlich nicht. Sie sind aber mit einem kranken System konfrontiert. Dieses bietet ihnen bei anhaltender Krankheit dank der IV-Rente einen Wohlstand, den sie mit einem Verdienst nie erreichen könnten. Da ist der Widerwille dieser Jungen gegen die berufliche Eingliederung verständlich. Auch mag niemand gegen die falsch gesetzten Anreize kämpfen. In Dänemark gibt es keine IV-Renten für reaktive psychische Störungen für unter 40-Jährige. Ich bin froh, dass der Bundesrat dieses Problem erkannt hat. Seine Vorschläge gehen in die richtige Richtung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2015, 23:11 Uhr

IV will psychisch Kranke und Junge weg von der Rente bringen

Die Invalidenversicherung will mehr psychisch Kranke ins Berufsleben integrieren. Auf neue Sparmassnahmen bei der IV wird verzichtet.

Dass die IV ab 2018 wieder ohne Mehrwertsteuer-Zuschuss schwarze Zahlen schreiben dürfte, liegt vor allem an der erheblich verschärften Rentenpraxis. Innert zehn Jahren hat die IV die Zahl der Neurenten halbiert. Weit weniger erfolgreich ist sie aber bei der beruflichen Integration psychisch Kranker. Eigentlich sollten bis 2017 rund 10'000 Renten von psychisch Kranken aufgehoben werden, indem diese in den Arbeitsmarkt integriert werden. Aber dieses Ziel dürfte die IV klar verfehlen, da sich die Integration als schwierig erweist.

Nun will der Bundesrat die Anstrengungen der IV nochmals verstärken. Psychisch Kranke benötigten eine ständige Begleitung bei der Integration, sagte Jürg Brechbühl, Direktor des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV), gestern vor den Medien. Um für mehr Kontinuität beim Integrationsprozess zu sorgen, soll künftig immer die gleiche Vertrauensperson für einen IV-Rentner zuständig sein. Den Arbeitgebern will die IV noch mehr Garantien dafür geben, dass sie durch die Anstellung eines IV-Rentners mit psychischer Diagnose kein finanzielles Risiko eingehen.

Ein grosses Problem hat die IV nach wie vor mit den 18- bis 24-jährigen Rentenbezügern. Bei diesen stagniert die Zahl der Neurenten seit 2001, während sie bei allen anderen Altersgruppen stark zurückging. Von 2009 bis 2013 erhielten jährlich 2000 junge Erwachsene neu eine IV-Rente. Ein Grund ist die starke Zunahme von Renten wegen psychischer Erkrankungen. Während insgesamt die psychischen Diagnosen gut die Hälfte aller Neurenten begründen, sind es bei den Jugendlichen 70 bis 80 Prozent, vielfach wegen ADHS oder Persönlichkeitsstörungen.

Auch hier will der Bundesrat bei der beruflichen Integration ansetzen. Diese gelingt bei Jugendlichen häufig nicht, weil sie schon bei der Berufsausbildung scheitern. Die IV selbst sah bisher häufig keine andere Möglichkeit, als den jungen Erwachsenen eine IV-Rente zuzusprechen. Wer jedoch vor 25 zum IV-Rentner wird, hat schlechte Chancen, je die berufliche Integration zu schaffen.

Ziel der IV ist es, dass mehr dieser Jugendlichen eine Berufslehre im freien Arbeitsmarkt absolvieren. Dazu will der Bundesrat finanzielle Fehlanreize beseitigen, die junge Erwachsene davon abhalten, eine ordentliche Lehre statt einer von der IV organisierten Ausbildung zu absolvieren. Für diese Ausbildungen erhalten junge Erwachsene über 20 Jahren von der IV heute Taggelder, die erheblich höher sind als ein Lehrlingslohn. Damit fehlt der Anreiz, eine Berufslehre im freien Arbeitsmarkt zu absolvieren.

Für diese Reformen wird der Bundesrat bis Ende Jahr eine Vernehmlassungsvorlage ausarbeiten. Diese werde kostenneutral sein, also keine eigentlichen Sparmassnahmen beinhalten. Teil dieser Vorlage wird auch die Einführung eines linearen Rentensystems sein, das anstelle der heutigen Viertelsrenten treten soll. Damit sollen IV-Rentner mehr Interesse an einer Erwerbstätigkeit haben. Die Einführung eines stufenlosen Rentensystems scheiterte 2013 im Parlament. Der Hauptgrund dafür, dass diese IV-Revision 6b scheiterte, war jedoch, dass sich das Parlament nicht über eine Schuldenbremse für die IV einigen konnte. Es pochte aber darauf, dass die IV bis 2028 ihre Milliardenschulden bei der AHV zurückzahlt. Markus Brotschi

(Tages-Anzeiger)

Der 47-jährige Gregor Hasler ist Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Bern sowie Leiter und Professor der Abteilung für molekulare Psychiatrie an der Universität Bern.

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