Ein neuer Grosskanton soll die Jurafrage lösen

Die Zentren drängen Neuenburg, den Jura und den Südjura an den Rand. Daher propagiert der frühere Raumplaner der Nation, Pierre-Alain Rumley, einen Kanton Jurabogen.

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Pierre-Alain Rumley ist 60 Jahre alt, der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) hat also noch etliche Jahre vor sich. Dennoch weiss Rumley, dass es einem kleinen Wunder gleichkäme, würde er die Verwirklichung seiner grossen Idee noch erleben: Die Schweiz soll sich anstelle der heute 26 Kantone in 9 bis 13 Kantone neu gliedern.

In seinem 9er-Modell formieren sich um die Agglomerationen von Zürich, Basel, Genf/Lausanne, Bern, Luzern und St. Gallen sechs neue Kantone. Der Jurabogen, der Alpenbogen (vom Wallis über Uri und Glarus bis Graubünden) und das Tessin bildeten die drei übrigen Kantone.

Jean Studer unterstützt das Fernziel

Der Neuenburger Rumley ist damit gleichzeitig auch die treibende Kraft hinter dem Projekt, seinen Heimatkanton, den Kanton Jura und den Berner Südjura in einem Grosskanton Jurabogen zu vereinen. Diese Idee hatte vor 20 Jahren als Erster der damalige Präsident des Berner Landstädtchens La Neuveville, Jacques Hirt, lanciert. Hirts Utopie wurde seinerzeit kaum beachtet. Nun erhält sie dank Rumley neuen Auftrieb.

Der starke Mann in der Neuenburger Regierung, Jean Studer (SP), findet an einem Zusammenschluss als Fernziel Gefallen. Die Interjurassische Versammlung studierte die Variante eines Kantons Jurabogen. In ihrem Schlussbericht empfahl sie aber lediglich, aus dem Berner Südjura und dem Kanton Jura einen neuen Kanton mit sechs Gemeinden zu bilden oder die bestehende Partnerschaft zu vertiefen.

In einem bisher nur auf Französisch publizierten Buch über «die Schweiz von morgen» hebt Rumley vier Vorteile eines freiwilligen Zusammenschlusses zu einem Kanton Jurabogen hervor: Die Juraregion erhält politisch mehr Gewicht als heute; die Pioniertat, einen Kanton nach den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts zu gründen, bewirkt eine Dynamik; die (heute überdurchschnittlich hohe) Steuerbelastung nimmt ab; das neue Gebilde ist lebensfähiger. Die «Jurafrage», das heisst die vom Kanton Jura bisher erfolglos angestrebte Wiedervereinigung mit dem Berner Südjura, wird gelöst.

Die Macht der Metropolen

Seit einem Vierteljahrhundert verfolgt und untersucht Rumley die räumliche Entwicklung der Schweiz – anfänglich als Raumplaner des Kantons Neuenburg, danach als ETH-Professor und von 2000 bis Ende 2008 als Chef des ARE. «Der Jurabogen wird marginalisiert», stellt er beunruhigt fest, weil die Metropolen die Motoren der (räumlichen) Entwicklung sind.

Rumley veranschaulicht dies an den Bevölkerungsprognosen: Die Genferseeregion erwartet in den kommenden zwanzig Jahren einen Zuwachs um 100'000 Personen. In den Kantonen Jura und Neuenburg stagniert dagegen die Einwohnerzahl seit Jahren bei rund 70'000 beziehungsweise 170'000 Personen. «Neuenburg hat grosse Finanzsorgen. Der Kanton ist für Eliten nicht mehr attraktiv. Wir werden provinziell», sagt Rumley.

Deutlich weniger Gemeinden

Um den im 19. Jahrhundert geschaffenen «modernen Bundesstaat» à jour zu bringen, genügt es dem ehemaligen Amtsdirektor nicht, die politische Landkarte der Schweiz neu zu zeichnen. Auch die Kräfteverhältnisse zwischen den Ebenen Bund–Kantone–Gemeinden müsste sich ändern: «Der Bund würde an Gewicht verlieren, weil er nicht mehr 26 Kantonen mit sehr unterschiedlicher Interessenlage gegenüberstünde, sondern neun mächtigen Kantonen.» Die Zahl der Gemeinden würde Rumley ebenfalls radikal verkleinern. Die 300'000 Personen, die heute in den Grenzen seines Wunschkantons Jurabogen leben, wären auf ein Dutzend anstatt 166 Gemeinden verteilt.

In Rumleys «Schweiz von morgen» zählt eine politische Gemeinde mindestens 10'000 Einwohner. Das ist in der engeren Heimat des Neuenburger Sozialdemokraten bereits Realität. Rumley trat als ARE-Chef zurück, als er nach der Fusion von neun Gemeinden des Val-de-Travers in die Exekutive der neuen Politischen Gemeinde mit 10'800 Einwohnern gewählt wurde. «Was wir in eineinhalb Jahren fertiggebracht haben, hätte mit den früheren neun Gemeinden zehn Jahre gedauert», fasst er die Vorteile der Fusion zusammen.

Vorstoss im Nationalrat

Die kleine Gruppe um den Raumplaner und Politiker Rumley will nun Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur für ihr Zukunftsprojekt eines Kantons Jurabogen gewinnen und zu einer Bewegung mit 500 bis 1000 Mitgliedern heranwachsen.

Der jurassische SP-Nationalrat Jean-Claude Rennwald möchte derweil den Bundesrat beauftragen, «die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umrisse eines Kantons Jurabogen» durch Experten prüfen zu lassen. Der Bundesrat lehnt Rennwalds Motion jedoch ab und liefert folgende Begründung: Er verschliesse sich einer Diskussion über einen Kanton Jurabogen nicht, aber die Initiative müssten die betroffenen Kantone ergreifen.

Bern will keine Veränderung

Doch am Kantonshauptort Delsberg winkt man ab. Für die jurassische Regierung hat die Durchführung einer Volksabstimmung im Kanton und im Berner Südjura mit dem Ziel der Wiedervereinigung Priorität. «Die Promotoren liessen sich wahrscheinlich mehr durch raumplanerische als durch politische Überlegungen leiten», schrieb sie im Mitte Juni veröffentlichten 22. Bericht über die Wiedervereinigung des Jura.

Und der Berner Regierungsrat kam in seiner Stellungnahme zum Bericht der Interjurassischen Versammlung zum Schluss, dass man alles beim Alten belässt: Die beste Lösung für die Region, den Kanton und die Schweiz ist, wenn der Berner Südjura beim Kanton Bern bleibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2010, 23:06 Uhr

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Das Buch

Pierre-Alain Rumley, «La Suisse demain – utopie ou réalité?», Presses du Belvédère, 160 Seiten, 28 Franken.

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