Kopf des Tages

Ein jovialer Patron spürt Christoph Blocher nach

Als Andreas Brunner in die Justiz ging, wollte er gar nicht lange bleiben. 33 Jahre später verantwortet der Zürcher Oberstaatsanwalt die Strafuntersuchung gegen Christoph Blocher. Ein Porträt.

Seine 400 Mitarbeiter führt der einstige Batallionskommandant nach Art eines Patrons alter Schule: Andreas Brunner.

Seine 400 Mitarbeiter führt der einstige Batallionskommandant nach Art eines Patrons alter Schule: Andreas Brunner. Bild: Keystone

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Es müsse sich um ein «politisches Verfahren» handeln, das Züge eines «Show-Prozesses» trage, das Ganze sei «skandalös» für die Strafverfolger, konnte man lesen. Die Zürcher Staatsanwaltschaft steht unter Dauerfeuer, seit sie am Dienstag bei Christoph Blocher eine Razzia durchgeführt und gegen den Alt-Bundesrat eine Strafuntersuchung eingeleitet hat.

Aushalten und parieren muss den Beschuss Andreas Brunner. Der Leitende Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich trat am Donnerstag in der Fernsehsendung «10 vor 10» den Angriffen entgegen. Wer den 63-jährigen Juristen als schlagfertigen Redner und pointensicheren Gesprächspartner kennt, staunte, wie nervös ihn das Scheinwerferlicht aussehen liess.

Dabei gibt es in der Laufbahn Brunners nichts, was Zweifel an seiner Unbestechlichkeit aufkommen lässt. Der gebürtige Zürcher studierte Recht in Lausanne und Zürich. Seinen Doktor machte er mit einer Arbeit über die fristlose Kündigung. Als er sich beim Kanton für einen Job als Bezirksanwalt bewarb, wäre er um ein Haar gescheitert, weil er unbefangen angab, nur zwei Jahre bleiben zu wollen. Man einigte sich auf drei Jahre.

Aus geplanten 3 Jahren sind 33 geworden

Für damalige Verhältnisse aussergewöhnlich war, dass er keiner Partei angehörte. Als er zum Staatsanwalt befördert wurde, zitierte ihn die damalige Justizdirektorin Hedi Lang zu sich. «Sie müssen Farbe bekennen», herrschte die Sozialdemokratin ihn an. «Parteilos ist meine Farbe», gab Brunner zurück. Als Parteiloser sass er nebenberuflich auch im Gemeinderat von Kilchberg.

Aus den geplanten 3 Jahren beim Staat sind jetzt 33 geworden, Jahre, die nicht nur ihn prägten, sondern in denen er vor allem der Behörde seinen Stempel aufdrückte. Er war Leiter einer Arbeitsgruppe, die 1999 eine gross angelegte Reorganisation der Strafverfolgung skizzierte. Die Regierung machte ihn 2005 zum ersten Chef der umgebauten Organisation.

Schlüsselfälle begleitet er selbst

Als Leitender Oberstaatsanwalt steht Brunner einem Apparat mit 400 Mitarbeitern vor. Diese Abteilungen führen laufend insgesamt 24'000 Verfahren. Die wichtigsten davon erklärt Brunner zu Schlüsselfällen, die er persönlich nahe begleitet. Bei diesen behält er auch die Information der Öffentlichkeit in der Hand.

Seine Mitarbeiter führt der einstige Kommandant eines Füsilierbataillons nach Art eines Patrons alter Schule. Gespräche, auch schwierige, führt der passionierte Raucher gern bei einer Zigarette. Mit seiner Jovialität entspricht Brunner so überhaupt nicht dem Klischee eines Justiz-Apparatschiks. Umgekehrt setzt ihn das aber auch dem Verdacht aus, gar selbstverliebt zu sein. Seine Eloquenz setzt Brunner indes konsequent für die Sache ein. Dabei kümmert er sich nicht allein um die Details einzelner Verfahren, sondern lieber strategisch um grosse Themen im Strafrecht.

Den Wiedergutmachungsparagrafen, bei dem der Täter durch eine Geldzahlung an das Opfer einem Verfahren entgeht, bezeichnete Brunner als «Ablasshandel». Er kämpft für die Streichung der bedingten Geldstrafe, die höchstens von Juristen verstanden werde. Sein Versuch, die Sterbehilfe durch eine Vereinbarung zu regeln, scheiterte zuerst am mindestens so streitbaren Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli und dann am Bundesgericht, das die Übereinkunft für illegal erklärte.

Brunner geht eben einem Verfahren nicht aus dem Weg, nur weil er einem grossen Tier gegenübersteht – oder weil er verlieren könnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2012, 11:04 Uhr

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