«Ein unfruchtbares Paar soll Kinder haben können, wenn es das will»

Die Nationale Ethikkommission empfiehlt, die in der Schweiz verbotene Präimplantationsdiagnostik zuzulassen. Der Theologe und Ethiker Alberto Bondolfi zur Haltung der Kommission zur Fortpflanzungsmedizin.

Dem Kinderwunsch nachhelfen: In der Frauenklinik Bern wird eine befruchtete Eizelle aus einer Petrischale aufgezogen.

Dem Kinderwunsch nachhelfen: In der Frauenklinik Bern wird eine befruchtete Eizelle aus einer Petrischale aufgezogen.

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Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) befürwortet in ihrer neusten Stellungnahme praktisch sämtliche heutigen Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin. Bereits bei früheren Gelegenheiten ist das Gremium zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Was ist neu an der aktuellen Stellungnahme?
Alberto Bondolfi: Wir haben nun erstmals einen Gesamtblick auf das Thema Fortpflanzungsmedizin. Es gibt dabei verschiedene Problempunkte, nicht nur in der Schweiz, sondern gesamteuropäisch. Einerseits sagen wir, ein unfruchtbares Paar soll Kinder haben können, wenn es das will. Gleichzeitig soll jeder Bürger und jede Bürgerin das Recht haben, zu wissen, woher er oder sie biologisch stammt. Es ist schwierig, eine Regulierung zu finden, die beide Gesichtspunkte berücksichtigt. Darüber hinaus gibt es Dinge, bei denen wir als Land nicht souverän sind. Zum Beispiel bei der Gleichberechtigung der Geschlechter. Wenn wir die Samenspende ganz anders regulieren als die Eizellenspende, dann diskriminieren wir die Frauen gegenüber den Männern. Das ist eine Diskriminierung, die nicht akzeptabel ist. Die Sterilität des Mannes und der Frau ist prinzipiell gleichwertig zu behandeln. Es gibt auf europäischer Ebene Gerichtsentscheide, die dies bestätigen.

Bei den wenigsten Punkten Ihrer Stellungnahme waren sich die Mitglieder der Ethikkommission einig. Wie gross sind diese Minderheiten?
Die Minderheiten sind relativ klein und wechseln bei der Stellungnahme je nach Thema. Es gibt einige Mitglieder, die der Ansicht sind, dass der Schutz des Embryos absolut bleiben muss. Techniken, bei denen wir absichtlich in Kauf nehmen, dass Embryonen zerstört werden, sind für sie nicht akzeptabel. Diese Minderheit respektieren wir natürlich. Die Qualität eines ethischen Arguments hängt schliesslich nicht von der Zahl der Anhänger ab.

Glauben Sie, dass Ihre Stellungnahme etwas bewirken wird?
Sie wird die Politik nur teilweise beeinflussen können. Das Parlament ist bei dem Thema schon fortgeschritten. Auf die Diskussion dort dürfte unsere Stellungnahme jedoch schon Auswirkungen haben. Zudem haben bestimmte politische Kreise bereits jetzt ein Referendum gegen die PID angedroht. Das heisst, das Thema wird die Öffentlichkeit zumindest in den nächsten zehn Jahren beschäftigen.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass in der Fortpflanzungsmedizin ohnehin früher oder später alles auch gemacht wird, was technisch möglich ist? Und dass die Bevölkerung und die Ethik schrittweise mitziehen?
Man muss das differenziert sehen. Das Recht hat nicht die gleiche Aufgabe wie die Ethik. Es wird immer Leute geben, die dagegen sind, fruchtbarkeitsmedizinische Techniken zu verwenden. Diese Meinung zu vertreten und zu leben ist etwas anderes, als Gesetze zu haben, die jedem verbieten, davon Gebrauch zu machen. Das Parallelbeispiel wäre der Schwangerschaftsabbruch. Es gibt immer noch viele Schweizer, die das moralisch illegitim finden. Trotzdem leben sie damit, dass es ein Gesetz gibt, welches dies unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Es gibt Dinge, die sind Sache des Rechtes, und andere sind Sache des Gewissens des Einzelnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.02.2014, 11:45 Uhr

Alberto Bondolfi
Der Theologe und Ethiker ist Honorarprofessor an der Universität Genf und Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK). Er war Vorsitzender der Arbeitsgruppe, die die Stellungnahme zur Fortpflanzungsmedizin ausgearbeitet hat.

Stellungnahme

Die Mehrheit der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) empfiehlt, die Präimplantationsdiagnostik zuzulassen. Diese könne als Massnahme der Solidarität mit betroffenen Paaren betrachtet werden, heisst es in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. Der Schutz, auf den der Embryo Anspruch habe, rechtfertige es nicht, betroffenen Paaren eine Last aufzuerlegen, die diese als zu schwer erachteten und die mit Angst und Leiden verbunden sei, argumentiert die Mehrheit der NEK im Bericht. Im Gesetzesentwurf werde die Präimplantationsdiagnostik weiterhin an strikte Kriterien geknüpft. Zugleich werde dem Wohl der betroffenen Paare, bei denen eine genetische Prädisposition für Erbkrankheiten besteht, grosse Bedeutung beigemessen.

Eine Minderheit der NEK lehnt die Legalisierung der Präimplantationsdiagnostik ab, weil diese die Auswahl von absichtlich erzeugten Embryonen erfordere und weil unerwünschte soziale Auswirkungen zu erwarten seien. Die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik werde die Zahl der «überzähligen» Embryonen stark erhöhen. Die NEK empfiehlt zudem, die Spermienspende für unverheiratete heterosexuelle Paare zuzulassen. Eine Mehrheit der NEK befürwortet die Spermienspende auch für gleichgeschlechtliche und alleinstehende Personen. (sda)

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