Interview

«Eine Frauenquote von 50 Prozent ist angebracht»

Unter Micheline Calmy-Rey wurden jeweils gleich viele Frauen wie Männer für den diplomatischen Dienst rekrutiert. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Was sagt sie dazu?

Als Aussenministerin beliebt und polarisierend zugleich: Micheline Calmy-Rey an einem WTO-Forum in Genf. (24. September 2012)

Als Aussenministerin beliebt und polarisierend zugleich: Micheline Calmy-Rey an einem WTO-Forum in Genf. (24. September 2012) Bild: Keystone

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Von den Bewerbungen für den diplomatischen Dienst stammten dieses Jahr nur 39 Prozent von Frauen. Woran liegt es, dass sich immer noch viel mehr Männer als Frauen für diesen Beruf interessieren?
An den Qualifikationen mit Sicherheit nicht. Es gibt mehr als genug Studienabgängerinnen mit guten Lebensläufen. Ich nehme an, es hat mit dem Berufsbild des Diplomaten oder Botschafters zu tun, das immer noch sehr männlich geprägt ist. Botschafter ist ein Top-Kaderberuf. Viele junge Frauen können sich einfach nicht vorstellen, Chefin zu sein, gerade wenn die Untergebenen viel älter und männlich sind.

Könnte es sein, dass das mangelnde Interesse mit den Arbeitsbedingungen zusammenhängt, zum Beispiel mit den häufigen Ortswechseln oder mit der Familienverträglichkeit?
Ich glaube nicht, dass es für Männer einfacher ist, alle vier Jahre in ein anderes Land zu ziehen. Das ist für sie genauso schwierig wie für Frauen. Auch die Unterstützung für Familien mit Kindern ist sehr gut.

Wie kann man erreichen, dass sich mehr Frauen bewerben?
Wir müssen junge Frauen besser über den Beruf informieren, zum Beispiel mit Informationsveranstaltungen an Universitäten. Wir müssen ihnen beibringen, dass sie für eine Karriere im diplomatischen Dienst nicht weniger geeignet sind als Männer. Wir haben Botschafterinnen, die einen ausgezeichneten Job machen. Ich denke zum Beispiel an Livia Leu-Agosti in Teheran, die von der iranischen wie von der amerikanischen Seite sehr geschätzt wird, oder Christine Schraner-Burgener in Bangkok, die sich den Posten mit ihrem Mann teilt. Auch das kann ein Modell sein. Momentan sind von den 111 Schweizer Botschaftern nur 17 Frauen. Das müssen wir ändern.

Warum ist es denn so wichtig, dass der Frauenanteil steigt?
Die Hälfte der Schweizer sind Frauen. Darum sollten unter unseren Repräsentanten im Ausland auch viel mehr Frauen sein als heute. Umso mehr, als dass sie wie gesagt für diesen Beruf gleich geeignet sind wie Männer.

Sind Frauen sogar die besseren Diplomaten?
Nein, auf keinen Fall. Ich sehe aus meiner Erfahrung keine Geschlechterunterschiede. Jeder Botschafter hat seinen eigenen Stil. Geschlechterstereotypen spielen keine Rolle. Es braucht Führungsqualitäten, Vermittlungsfähigkeit, Kulturverständnis, Überzeugungskraft und Sprachtalent. Diese Qualifikationen sind sowohl bei Männern als auch bei Frauen anzutreffen.

Von den 22 Bewerbern, die Ihr Nachfolger Didier Burkhalter aufgrund der Empfehlung der Auswahlkommission schliesslich ausgewählt hat, sind nur vier Frauen. Wurden Männer bevorzugt?
Ich kann die Arbeit der Kommission nicht beurteilen, weil ich die Bewerber und ihre Dossiers nicht kenne. Aber ich denke, dass die Auswahlkommission in einem männlichen Bewerber eher einen künftigen Chefbeamten sieht als in einer Frau. Oft geschieht das unbewusst. Ich würde es begrüssen, wenn die Bewerbungen und die schriftlichen Tests anonymisiert durchgeführt würden. Ich vermute, dass auf diese Weise mehr Frauen in die letzte Runde – das persönliche Gespräch – gelangen würden.

Braucht es weiterhin eine Frauenquote bei der Rekrutierung ins diplomatische Korps?
Wenn der Anteil der weiblichen Botschafterinnen steigen soll, dann kommt man nicht um eine Quote herum. Vom Eintritt in den diplomatischen Dienst bis zur Beförderung zum Botschafter dauert es in der Regel rund 20 Jahre. Wenn wir also in 20 Jahren mehr Botschafterinnen wollen, müssen wir unbedingt jetzt mehr Frauen rekrutieren. Um dieses Ziel so schnell wie möglich zu erreichen, dürfte man eigentlich nur noch Frauen rekrutieren. Aber das wäre natürlich den Männern gegenüber ungerecht. Darum finde ich eine Quote von 50 Prozent angebracht. Ich weiss, dass die Frauenquote in der Schweiz ein sensibles Thema ist. Aber wir können einfach nicht unsere Augen davor verschliessen, dass in Ländern, die eine Quote haben, die Gleichstellung der Geschlechter viel fortgeschrittener ist als bei uns. Sollte der Entscheid von Didier Burkhalter dazu beitragen, die Diskussion um die Quote neu zu entfachen, kann ich ihm zumindest eine positive Seite abgewinnen.

Erstellt: 12.12.2012, 15:24 Uhr

Micheline Calmy-Rey

Die 67-jährige SP-Politikerin war von 2002 bis 2011 Bundesrätin und stand dem Aussendepartement (EDA) vor. Sie verfolgte eine aktive Aussenpolitik, indem sie die Schweiz in internationalen Konflikten als Vermittlerin zu etablieren suchte. Das brachte ihr nebst Anerkennung auch Kritik ein.

Seit 2012 ist Calmy-Rey Gastdozentin an der Universität Genf, wo sie zu Themen der Friedenspolitik und der Global Governance unterrichtet. (bh)

Die Frauenquote im diplomatischen Dienst

Nachdem zwischen 2005 und 2011 auf Anordnung von Aussenministerin Calmy-Rey jeweils gleich viele Frauen wie Männer für den diplomatischen Dienst rekrutiert wurden, hat ihr Nachfolger Didier Burkhalter dieses Jahr mit der Frauenquote gebrochen, wie Tagesanzeiger.ch/Newsnet heute berichtete. Von den 22 berücksichtigten Kandidaten sind nur vier Frauen, was einem Anteil von 18 Prozent entspricht. (bh)

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