Eine Matura ist eine Matura ist eine Matura

Künftig sollen Maturanden aus verschiedenen Kantonen in den Basisfächern gleich viel wissen – und vor allem genügend für die Uni. Bund und Kantone planen Harmos fürs Gymnasium.

Unterschiedliche Kenntnisse am Ende der Schule: Gymnasiastinnen 2005 in Payerne.

Unterschiedliche Kenntnisse am Ende der Schule: Gymnasiastinnen 2005 in Payerne.

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Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) nimmt sich nach der Reform der Volksschule nun auch der Gymnasien an. Sie möchte die Ziele der Gymis landesweit verbindlicher und messbarer machen. Verschiedene Studien zeigen nämlich, dass die Maturanden die Schulen mit sehr unterschiedlichen Kenntnissen verlassen – und nicht immer adäquat vorbereitet auf die Uni.

Um dies zu ändern, hat die Konferenz der Mittelschulämter (Smak) im Auftrag der EDK erste Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Gymnasien erarbeitet. Das Papier, das dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, sieht Massnahmen zur Qualitätssicherung und zur besseren Vergleichbarkeit der Abschlüsse vor. Erwogen werden etwa Maturitätsprüfungen mit verbindlichen Bedingungen und ein neuer Rahmenlehrplan, der einheitliche Kompetenzniveaus definiert. Zudem soll das Gymnasium gemäss der Smak überall mindestens vier Jahre dauern.

Lehrer sträuben sich

Diesen heiklen Punkt hat die EDK indes bereits in eine spätere Reformphase verschoben. Und auch die übrigen Ideen dürften noch zu reden geben. Die Lehrer etwa pochen darauf, dass sie in den Klassen die eigene Gestaltungsmöglichkeit behalten. Ihr Verband warnt davor, mit Bildungsstandards die Schüler auf ein vereinheitlichtes Minimum auszurichten. Die Rektoren ihrerseits betrachten mindestens vierjährige Gymnasien als zentralen Erfolgsfaktor für die Qualität der Hochschulreife. Sie befürchten, dass enge, zentrale Regelungen der EDK zu stark vom Geist der Messbarkeit der Leistungen geprägt sind und Innovationen hemmen.

In den Kantonen selber ist vom Bestreben um mehr Einheit derweil noch wenig zu spüren – zumindest, was die Zulassung zum Gymnasium betrifft. Mit St. Gallen prüft derzeit ein weiterer Kanton, die Gymiprüfung abzuschaffen und stattdessen auf die Empfehlung der Lehrer abzustellen.

Das langfristige Arbeitsverhalten zählt

Die St. Galler Behörden versprechen sich vom Systemwechsel eine Reihe von Vorteilen. Erstens entsprächen 80 Prozent der Prüfungsresultate schon heute den Empfehlungen der Lehrer, sagt Christoph Mattle, Chef des Kantonalen Mittelschulamts: «Fallen in diesen Fällen die Prüfungen weg, können punkto Organisation und Korrekturaufwand erhebliche Ressourcen gespart werden.» Aufnahmeprüfungen gäbe es künftig nur noch für jene Schüler, die ohne Empfehlung ans Gymnasium wollen.

Zweitens sei die Empfehlung im Unterschied zur Prüfung nicht bloss eine Momentaufnahme, sondern schliesse das Potenzial des Schülers mit ein – auch bezüglich Arbeits- und Lernverhalten. Drittens erhoffe man sich deshalb, dass künftig mehr neu aufgenommene Schüler die Probezeit bestünden. Heute beträgt die Versagerquote bis zu 10 Prozent.

«Diskussionen an den Stammtischen»

Der St. Galler Erziehungsrat wird erst im Dezember über den Systemwechsel entscheiden, hat aber dazu eine breite Vernehmlassung durchgeführt, deren Resultate jetzt vorliegen. Das Fazit: Die schärfsten Gegner finden sich unter den Lehrern. Sie führen ins Feld, die Aufnahmeprüfung sei für die Schüler eine wertvolle Erfahrung. «Im späteren Berufsleben kommen die Jungen auch nicht bloss aufgrund von Empfehlungen weiter», sagt der St. Galler Kanti-Lehrer Hans Peter Dreyer, der bis vor kurzem den Schweizerischen Gymnasiallehrerverband präsidierte. Die Sekundarlehrer ihrerseits befürchten, dass durch den Wegfall des Prüfungsobligatoriums das Anforderungsprofil fürs Gymnasium nicht mehr einheitlich wäre und verwässert würde.

Wenig reizvoll erscheint zudem vielen Sekundarlehrern, dass ihre Position beim Übertrittsverfahren massiv gestärkt würde. Der Grund: Mit dem Zuwachs an Verantwortung würden auch die Druckversuche der Eltern zunehmen, ihr Kind fürs Gymnasium zu empfehlen. Für diese Bedenken zeigt man auch bei der St. Galler Bildungsdirektion Verständnis. «Das Verhalten der Lehrpersonen punkto Übertritte wird schon heute an den Stammtischen heftig diskutiert», sagt Christoph Mattle vom Mittelschulamt.

In Zürich zurzeit kein Thema

In den Kantonen, welche die Aufnahmeprüfung bereits abgeschafft haben, sind die Erfahrungen aber durchaus positiv. Bern kennt das in St. Gallen zur Debatte stehende System bereits seit 1997. «Es gibt kaum Beanstandungen», sagt Mario Battaglia, Chef der Kantonalen Mittelschulabteilung: «Auch bei den Lehrkräften ist die Akzeptanz gross.» Zufrieden sein können auch die Eltern – zumal über 90 Prozent der Neueintritte ins Gymnasium auf Empfehlungen der Lehrer basieren. Und die Schülerleistungen der empfohlenen Schüler seien in der Regel gut.

Kein virulentes Thema ist der prüfungsfreie Übertritt derzeit im Kanton Zürich. Hier wurde erst 2007 die Zentralprüfung eingeführt, bei der alle Kandidaten im Kanton die gleichen Tests absolvieren. Im Unterschied zu Bern gibt es in Zürich zudem noch immer Untergymnasien. Sie stehen bei bildungsbewussten Eltern, die teure Trimmkurse bezahlen können, hoch im Kurs.

«Würde man für Sechstklässler die Aufnahmeprüfung abschaffen, würde das Problem der Chancenungleichheit nicht gelöst», gibt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands, zu bedenken. Im Gegenteil: Der Druck auf die Lehrpersonen der Primarschule würde ihrer Ansicht nach weiter steigen. Für Lätzsch ist es schon problematisch, dass bei der Zürcher Aufnahmeprüfung die Vornoten der sechsten Klasse mitzählen – «zumal verschiedene Lehrer für die gleiche Leistung oft nicht die gleiche Note geben».

Erstellt: 25.08.2010, 11:43 Uhr

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