Hintergrund

«Eine Militärkarriere muss sich wieder lohnen»

Die Armee will dem Kadermangel entgegenwirken: Sie lockt mit mehr Geld und einem Bildungskonto. Das finden sowohl linke als auch rechte Politiker problematisch.

Ihre Reihen sollen wieder gefüllt werden: Delegiertenversammlung der Schweizerischen Offiziersgesellschaft in Luzern. (März 2012)

Ihre Reihen sollen wieder gefüllt werden: Delegiertenversammlung der Schweizerischen Offiziersgesellschaft in Luzern. (März 2012) Bild: Keystone

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Der Schweizer Armee gehen zunehmend die Offiziere aus. Zwar wurden 2011 noch 946 neue Leutnants brevetiert, doch der Trend ist seit Jahren rückläufig. Bei den Zugführern beträgt der Unterbestand bereits 19 Prozent. Ein Grund für die sinkende Bereitschaft zum Weitermachen ist die verbreitete Ansicht, dass eine Armeekarriere dem beruflichen Fortkommen eher hinderlich sei.

«Das wollen wir korrigieren. Eine Militärkarriere muss sich wieder lohnen», sagt Oberst im Generalstab Nik Jäger. Sein Team richtet derzeit im Auftrag des Armeechefs die Kaderausbildung neu aus. Das Projekt ist Teil einer umfassenden Reform mit dem Namen «Weiterentwicklung der Armee». Die Reform soll 2013 der Bundesversammlung unterbreitet werden und neben der Kaderausbildung die Grösse der einzelnen Verbände und das Stationierungskonzept neu regeln.

Mehrkosten von 25 Millionen Franken

Für junge Militärkader soll unter anderem ein Bildungskonto eingerichtet werden. Während die Kader ihren Grad abverdienen, zahlt die Armee wöchentlich Geld auf dieses virtuelle Konto ein. Nach der Militärzeit können die Kader das Geld für ihre private Ausbildung verwenden – etwa zum Bezahlen der Studiengebühren, für einen Sprachkurs oder eine berufliche Spezialisierung.

Ein Unteroffizier soll 3450 Franken, ein Zugführer 6740 Franken und ein Hauptmann 14'400 Franken erhalten. Insgesamt entstünden so Mehrkosten von 25 Millionen Franken pro Jahr. Laut Jäger soll das Geld andernorts im 4,4-Milliarden-Budget des Verteidigungsdepartements eingespart werden.

Diplom für Zugführer

Zudem sollen die Zugführer wieder vom ersten Tag der Rekrutenschule an ihre Untergebenen führen – und nicht wie in der Armee XXI erst nach ein paar Wochen zu den Rekruten stossen. «Der Fokus wird stärker auf die praktische Führungserfahrung gelegt», sagt Jäger. Am Ende des Abverdienens sollen die Zugführer dann ein in der Privatwirtschaft anerkanntes Diplom erhalten, das Aufschluss gibt über die erworbenen Fähigkeiten.

Die neuen Vorschläge zur Kaderausbildung erarbeitet die Armee zusammen mit Organisationen wie dem Arbeitgeberverband oder der Konferenz der Universitätsrektoren. Eine erste Massnahme konnte bereits umgesetzt werden: Seit diesem Herbst können sich Studenten der Universität St. Gallen (HSG) ihre militärische Ausbildung ans Studium anrechnen lassen.

Im Bachelorstudium erhalten Unteroffiziere vier und Offiziere sechs ECTS-Kreditpunkte. Im Masterstudium können sich Kompaniekommandanten sechs zusätzliche Punkte gutschreiben lassen. Die Armee ist mit weiteren Fachhochschulen und Universitäten im Gespräch, damit auch sie dieses System übernehmen.

Erhöht werden soll zudem die finanzielle Entschädigung der Offiziere, die grösstenteils über die Erwerbsersatzordnung finanziert wird. Demnach würde ein Offizier für die 74 Wochen, die er von Beginn der Rekrutenschule bis zum Abverdienen des Leutnantrangs in der Armee dient, rund 90'000 Franken erhalten. Heute sind es 50'000 Franken.

100 Diensttage mehr

Ohne mehr Gegenleistung sind die neuen Anreizsysteme für die Kader jedoch nicht zu haben. Sie sind verbunden mit einer Erhöhung der Dienstpflicht für Zugführer von 600 auf 700 Tage und für Feldweibel von 450 auf 550 Tage. Projektleiter Jäger ist überzeugt, dass sich trotz der 100 zusätzlichen Diensttage genug Interessenten melden: «Mit dem neuen System wird ein Offizier nach dem Abverdienen so viel Geld auf der Seite haben, dass er drei Jahre lang studieren kann, ohne einer bezahlten Arbeit nachgehen zu müssen.»

Laut Armeesprecher Christoph Brunner befindet sich die Reform erst im Projektstadium. Entschieden sei noch nichts, und umgesetzt werde frühestens ab 2016.

Trotzdem zeigt sich schon jetzt, dass die neuen Ideen einen schweren Stand haben werden. «Die Ausbildung innerhalb der Armee muss so attraktiv sein, dass sich das Weitermachen lohnt. Das Bildungskonto ist ein falscher Anreiz», sagt Nationalrätin Chantal Galladé (SP, ZH). Aus Sicht der Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission ist es nicht Aufgabe der Armee, private Bildung zu finanzieren: «So entstehen Ungerechtigkeiten; ein Untauglicher hätte keine Chance, von einem Bildungskonto zu profitieren.» Auch eine Erhöhung der Diensttage lehnt sie ab. Die übrigen Massnahmen, wie die Anrechenbarkeit von ECTS-Punkten, begrüsst Galladé.

Ähnlich sieht es Nationalrat Hans Fehr (SVP, ZH): «Die Kooperation mit der HSG geht in Ordnung. Die Idee eines Bildungskontos überzeugt hingegen nicht.» Wer im Militär weitermache, sollte das aus Überzeugung tun – und nicht aus finanziellen Überlegungen. Der Sicherheitspolitiker bezweifelt, dass sich so die geeigneten Leute melden. «Die Armee muss die potenziellen Kader überzeugen. Es genügt nicht, ihnen Beigemüse zu offerieren.»

Erstellt: 20.10.2012, 09:06 Uhr

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