Eine Milliarde für das Feuer

Der Bundesrat stellt sich hinter die Olympiakandidatur Sion 2026. Jetzt verspricht er eine Milliarde Franken und will das Volk überzeugen.

Die olympische Flamme von Turin 2006. Foto: Bob Thomas (Getty Images)

Die olympische Flamme von Turin 2006. Foto: Bob Thomas (Getty Images)

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Nein, man kann nicht behaupten, die Promotoren von Sion 2026 hätten die Detailarbeit gescheut. Im dicken und streng geheimen Olympiadossier, das dem Bundesrat im Sommer dieses Jahres überreicht wurde, sollen sich umfangreiche Karten der vorgesehenen Sportstätten befinden. Sogar die Wurststände seien darin schon eingezeichnet, auf den Meter genau, erzählt man sich in Bern.

Nun ist es für ein Volksfest sicher keine unerhebliche Sache, wie weit der Weg zur nächsten Wurst ist. Aber andere Fragen rund um das Projekt Sion 2026 scheinen auch nach dem gestrigen Bundesratsentscheid, die Spiele mit einer Milliarde Franken zu unterstützen, etwas weniger klar zu sein. Zum Beispiel: Wo will der Bund das nötige Geld auftreiben? Oder: Was geschieht, wenn das Defizit von Sion 2026 die Defizitgarantie des Bundes übersteigt? Wer zahlt dann die Rechnungen? Die Kantone? Oder das Internationale Olympische Komitee (IOK)? Oder am Ende vielleicht eben doch der Bund?

«Eine veritable Chance»

Sportminister Guy Parmelin (SVP) schien darüber an der gestrigen Pressekonferenz wenig beunruhigt. Man könne die Olympiamilliarde in der Finanzplanung berücksichtigen. Bis Ende Jahr werde die Verwaltung auch die Fragen rund um die Defizitgarantie ausarbeiten und in einer Botschaft ans Parlament verabschieden. Im Vordergrund steht für Parmelin derzeit die Freude über den Grossanlass. Sion 2026 sei «eine veritable Chance für die Schweiz», erklärte er. Nicht nur der Sport, auch die Wirtschaft und die Gesellschaft würden profitieren von bescheidenen, vernünftigen und nachhaltigen Winterspielen. Genau dies hätten die Initianten von Sion 2026 im Sinn. «Gigantismus kann man diesem Projekt jedenfalls nicht vorwerfen», so Parmelin.

Infografik: Sion 2026 – Was wo stattfinden soll Grafik vergrössern

Tatsächlich sollen die Wettkämpfe weitgehend in bestehenden Anlagen ausgetragen werden und in Regionen, die regelmässig sportliche Grossanlässe veranstalten (Grafik rechts). Für die Eishockeyspiele etwa sind die Stadien in Bern, Biel und Freiburg vorgesehen. Für die Alpin-Skirennen bieten sich Veysonnaz VS und Leysin VD an. Fürs Skispringen von der grossen Schanze ist man im Gespräch mit Engelberg OW. Auch die Bobbahn in St. Moritz GR dürfte zum Zuge kommen. Das Olympiadorf indes soll in den kommenden Jahren bei Mon-they VS entstehen. Wie bescheiden der bauliche Bedarf ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Organisationskomitee für olympiaspezifische Infrastrukturen lediglich Investitionen von 100 Millionen Franken vorgesehen hat.

Allerdings wirft das vergleichsweise bescheidene Sion-2026-Gesamtbudget von 1,98 Milliarden Franken auch Fragen auf. Die budgetierten Kosten für Infrastruktur (100 Millionen) und Sicherheit (303 Millionen) erschienen abenteuerlich, kommentierte gestern der Journalist und IOK-Kritiker Jens Weinreich. Der Bundesrat hingegen ist überzeugt von der Machbarkeit. Das Budget enthalte eine Reserve von rund 200 Millionen, erklärte Parmelin gestern. Der Beitrag des Bundes besteht dabei primär aus einer limitierten Defizitgarantie von 827 Millionen. Daneben will sich die die Eidgenossenschaft mit 44 Millionen an den Sicherheitskosten der Kantone und mit 31 Millionen an den Baukosten beteiligen. Auf 85 Millionen schätzt der Bundesrat die Kosten für den Mehraufwand bei den Sicherheitsorganen des Bundes. Voraussetzung für diese Beiträge ist, dass das Bundesparlament den Kredit im kommenden Jahr bewilligt.

Das Wallis entscheidet im Juni

Eine höhere Hürde dürften die Volksabstimmungen zu Sion 2026 darstellen. Der Walliser Staatsrat Frédéric Favre (FDP), der neu als Vizepräsident des Organisationskomitees von Sion 2026 amtet, kündigte gestern einen Urnengang für den 10. Juni 2018 an. Da sich die Gegner schon in Stellung bringen und sowohl im linken als auch im rechten Spektrum bereits viel Ablehnung vorhanden ist, zeichnet sich im Wallis ein äusserst enges Rennen ab.

Je nachdem wie hoch die Beiträge der übrigen Trägerkantone Bern, Waadt und Freiburg ausfallen, bietet sich den Olympiagegnern auch hier die Möglichkeit, Referenden zu ergreifen. Für den Bund würde eine Ablehnung in einem kleineren Partnerkanton aber nicht zwingend das Aus von Sion 2026 bedeuten. Eher werde man versuchen, andere Austragungsorte zu suchen. Nur beim Kanton Wallis ist der Fall klar: «Sagt das Wallis Nein, ist dies das Ende von Sion 2026», erklärte Sportminister Parmelin.

Das Komitee von Sion 2026 will nun den Dialog mit dem IOK aufnehmen. Ziel dabei ist es, das Bewerbungsdossier zu optimieren und sicherzustellen, dass das IOK die limitierte Defizitgarantie des Bundes akzeptiert. Im Oktober 2018 beginnt dann die offizielle internationale Bewerbungsphase. Auch nach dem Ausscheiden der Kandidatur von Tirol muss Sion 2026 noch mit starker Konkurrenz rechnen. Unter anderem interessiert sich Calgary (Kanada) für eine Kandidatur. Im Oktober 2019 wird das IOK schliesslich den Zuschlag erteilen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2017, 21:47 Uhr

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