Eine Milliarde für neue BLS-Züge

Die BLS bereitet die grösste Rollmaterialbeschaffung ihrer Geschichte vor: Sie will eine Milliarde Franken für rund 60 neue Züge ausgeben.

Grosse Pläne: BLS-Präsident Rudolf Stämpfli will den Ausbau der BLS weiter vorantreiben. Für die Einführung des Viertelstundentakts auf gewissen Linien braucht es 60 neue Züge. Die Finanzierung erfolgt auf Kredit.

Grosse Pläne: BLS-Präsident Rudolf Stämpfli will den Ausbau der BLS weiter vorantreiben. Für die Einführung des Viertelstundentakts auf gewissen Linien braucht es 60 neue Züge. Die Finanzierung erfolgt auf Kredit. Bild: Beat Mathys

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Herr Stämpfli, sind Sie oft im Zug unterwegs?
Rudolf Stämpfli: Ja. Ich pendle zwar nicht im Zug zur Arbeit, zu meiner Firma, dem Stämpfli-Verlag hier in Bern. Aber wenn ich in der Schweiz unterwegs bin, nehme ich immer den Zug.

Waren Sie einer der vielen Buben, die davon träumen, später mal Lokführer zu werden?
Nein, aber ich bin tatsächlich mit der Bahn aufgewachsen. Mein Urgrossvater war gewissermassen der Erfinder des Kursbuches. Ende des 19. Jahrhunderts hatte er die Idee, einen Fahrplan zu drucken, der alle kursmässig verkehrenden Postkutschen, Züge und Schiffe auflistet. Als Kind erlebte ich, wie unser Verlag den Fahrplan zwei Mal im Jahr komplett neu erstellte. Die Bleisetzer, die das Kursbuch machten, waren jeweils die Einzigen, die sitzen durften. Alle anderen mussten stehen.

Wieso dieses Privileg?
Weil es sich um minutiöse Kleinarbeit handelte. Mit einer Lupe im Auge mussten die Bleisetzer die winzigen Zahlen richtig anordnen. Mein Vater war immer wahnsinnig nervös, weil das Kursbuch möglichst keinen Fehler enthalten durfte. Ich habe also durchaus eine emotionale Beziehung zur Bahn.

Heute sind Sie BLS-Präsident. Verraten Sie uns doch bitte: Wann kommt endlich der Viertelstundentakt für die S-Bahn Bern?
Zwischen Belp und Münchenbuchsee sowie zwischen Bern und Brünnen-Westside haben wir bereits seit Jahren einen 15-Minuten-Takt. Unser Ziel ist es, auch nach Ostermundigen, Münsingen, Flamatt, aber auch Niederscherli mindestens jede Viertelstunde eine Verbindung anzubieten. Wir planen auch eine neue innerstädtische Verbindung zwischen Brünnen und dem Wankdorf. Das Problem ist, dass bislang die nötige Infrastruktur dafür fehlt. Im Wankdorf braucht es unbedingt eine Entflechtung. Dieser Ausbau kommt voraussichtlich erst Ende 2022. Und im Aaretal ist ein drittes Gleis nötig, damit mehr Verbindungen möglich werden. Auch das ist geplant, dauert aber bis 2025.

Wie wichtig ist der Ausbau für die BLS?
Er ist sehr wichtig für uns. Denken Sie an das Nein zum Tram Region Bern: Einen Teil des abgelehnten Projekts könnten wir mit der S-Bahn übernehmen.

Das Nein zum Tramprojekt kommt Ihnen also gar nicht so ungelegen?
Nein, das will ich keinesfalls sagen. Ich bedaure das Nein sehr. Meiner Meinung nach handelt es sich um eine verpasste Chance. Wichtig ist jetzt, dass die notwendigen Ausbauten für den Viertelstundentakt so rasch wie möglich finanziert werden. Das gilt auch für die neue Doppelspur zwischen Bern-Weissenbühl und dem Liebefeld.

Stört Sie das Nein als Berner oder als BLS-Präsident?
Sowohl als auch. Auch als BLS-Präsident bin ich interessiert daran, dass man den öffentlichen Verkehr stärkt. Ausserdem benötigen wir Zubringer, welche die Pendler an die Bahnhöfe und damit zu unseren Zügen bringen.

Brauchen Sie mehr Züge, wenn der Viertelstundentakt kommt?
Ja, die Flotte wird erweitert. Vor allem müssen wir aber alte Züge ersetzen. Im Moment evaluieren wir, welche Fahrzeuge wir genau benötigen. Die geplante Beschaffung ist die grösste in der Geschichte der BLS. Wir reden von 60 Zügen und einer Investition von einer Milliarde Franken.

Werden Sie Doppelstöcker bestellen?
Der Entscheid ist zwar noch nicht gefallen, aber wahrscheinlich nicht. Wir benötigen ein Fahrzeug, das im Regionalverkehr einsetzbar ist, also etwa auf den Strecken Bern–Neuenburg und Bern–Luzern. Das Entlebuch ist nicht doppelstöckig befahrbar, dasselbe gilt für einen Teil der Strecke nach Neuenburg.

Bis wann möchten Sie die Züge geliefert erhalten?
Bis jetzt ist noch nichts gesprochen oder entschieden. Aber im Idealfall könnten wir Ende 2015 die Ausschreibung starten, dann könnte die Vergabe 2016 erfolgen. Ab 2020 sollten die ersten Züge ausgeliefert werden.

Wie wollen Sie die Milliarde finanzieren?
Das grosse Problem ist, dass der Regionalverkehr keinen Gewinn erzielen darf. So haben wir keine Möglichkeit, Geld auf die Seite zu legen, um neues Rollmaterial zu kaufen. Der gängige Weg ist, einen Kredit aufzunehmen, der mit einer Bundesbürgschaft hinterlegt wird. In den laufenden Jahren amortisieren wir den Kredit mit Abschreibungen. Das belastet natürlich die Rechnung.

Was Ihre Rechnung vor allem belastet, ist die Schifffahrt, die jedes Jahr Defizite schreibt. Lohnt es sich überhaupt, Schiffe auf dem Thuner- und dem Brienzersee fahren zu lassen?
Die Schifffahrt ist ein schwieriges und gleichzeitig sehr schönes Geschäft: Eine grosse Rolle spielt eben das Wetter. Und nun müssen wir die über hundertjährige Werfthalle in Thun ersetzen. Die Werft ist abbruchreif. Stellen Sie sich vor: Bei starkem Wind müssen wir unsere Arbeiter evakuieren! Wir konnten ein Gesuch um finanzielle Unterstützung beim Kanton deponieren. Der Neubau kostet 12,8 Millionen Franken. Wir werden dafür sorgen, dass der Betrieb der Schifffahrt rentabel wird. Denn wir stehen zur Schifffahrt: Es steht für uns nicht zur Diskussion, sie abzustossen.

Eine schwarze Null in der Schifffahrt würde Ihnen als Unternehmer reichen?
Ja. Was ich mir aber wünschen würde, wäre mehr Unterstützung von der Region. Im Falle des Brienzersees ist es gelungen, dass die angrenzenden Gemeinden sich aktiver um die Schifffahrt kümmern. Sie leisten einen Beitrag von 90'000 Franken pro Jahr.

Und was möchten Sie von den Thunersee-Gemeinden?
Der gleiche Betrag würde mir reichen. Es ginge auch weniger ums Geld, sondern mehr darum, Touristen auf die Schifffahrt aufmerksam zu machen.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass Sie einen Kantonsbeitrag für den Werftneubau erhalten werden?
Die Regierung hiess unser Gesuch gut, im Januar sollte es in den Grossen Rat kommen. Ich bin zuversichtlich, dass der Grosse Rat diese Mittel sprechen wird.

Was tun Sie bei einem Nein?
Das würde schwierig werden. Sicher müssten wir die Flotte ausdünnen, weil wir die Instandhaltung nicht aufrechterhalten könnten. Aber ich gebe nicht gerne solche Prognosen ab.

Eine weitere Herausforderung ist die Suche nach einer neuen Werkhalle für die Instandhaltung der Züge. Wie weit sind Sie?
Wir benötigen künftig sogar mehr Fläche, als die bisherige Werkhalle in der Aebimatt hat. Der Mietvertrag dort läuft Ende 2019 aus. Wir evaluieren derzeit mögliche Standorte.

Wo?
Wir suchen einen Standort möglichst nahe beim Bahnhof Bern. Er muss an einer Linie liegen, die wir viel befahren. Das kann beispielsweise Richtung Freiburg, Thun, Kerzers oder Schwarzenburg sein. Man muss berücksichtigen, dass wir ein sehr grosses Grundstück brauchen. Dieses müsste unter Umständen dann auch noch umgezont werden, was bekanntlich ein langwieriger Prozess ist. Für die Zukunft der S-Bahn Bern ist es sehr wichtig, dass wir einen guten Standort für die neue Werkstätte anstelle der Aebimatt finden können.

Es ist bald Weihnachten. Welches ist Ihr Weihnachtswunsch für die BLS?
Neues Rollmaterial.

Am liebsten gratis?
Ja, natürlich (lacht). Und vor allem pünktlich abgeliefert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.12.2014, 08:54 Uhr

Zur Person

Rudolf Stämpfli ist seit 2009 Verwaltungsratspräsident der BLS AG. Er führt damit ein Unternehmen, das rund 3000 Mitarbeiter beschäftigt und einen Umsatz von 950 Millionen Franken erzielt. 400 Millionen davon erwirtschaftet die BLS mit Abgeltungen von Bund und Kanton. Ausserdem amtiert Stämpfli im Verwaltungsrat der Mobiliar Holding AG als Vizepräsident. Und er ist seit 2011 Vizepräsident der Burgergemeinde Bern.
Studiert und promoviert hat Rudolf Stämpfli an der Hochschule St. Gallen– Betriebswirtschaft und Operations Research. 1984 trat er ins Familienunternehmen Stämpfli AG in Bern ein. Vier Jahre später übernahm er mit seinem Bruder Peter Stämpfli die Firma. Heute ist er Präsident des Verwaltungsrates der Stämpfli Gruppe AG und Verleger der Stämpfli Verlag AG. Von 2003 bis 2011 war er auch Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. (mjc)

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