«Eine Mutter gilt als Hexe, wenn sie 80 Prozent arbeitet»

Vier, zwei oder gar keine Woche Vaterschaftsurlaub? Drei Politiker im Streitgespräch.

Streitpunkt Vaterschaftsurlaub: Martin Candinas (CVP), Adrian Wüthrich (SP) und Andrea Caroni (FDP) zu ihrer Rolle als Vater und die Zeit nach der Geburt ihrer Kinder. Video: Raphaela Birrer und Franziska Rothenbühler

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Seit Jahren wird in der Schweiz über den Vaterschaftsurlaub gestritten. Nach über 30 gescheiterten Anläufen im Parlament debattiert der Ständerat heute über drei Vorschläge, wie das Anliegen umgesetzt werden könnte. Drei junge Väter haben sie entscheidend geprägt: Der Berner SP-Nationalrat Adrian Wüthrich, der Ausserrhoder FDP-Ständerat Andrea Caroni und der Bündner CVP-Nationalrat Martin Candinas.

Wann haben Ihre Kinder zuletzt nach Ihnen verlangt?

Caroni: Ich bin jeden Abend als Geschichtenerzähler sehr gefragt.

Candinas: Das hat auch bei uns Tradition, wenn ich zu Hause bin. Sie hätten es manchmal gerne, wenn ich abends mehr da wäre.

Wüthrich: Ich kenne das: Mein jüngerer Sohn hat mich letzte Woche gefragt, ob ich nicht einen anderen Job suchen wolle. Meine Kinder mögen die Sessionszeit nicht …

Die Forderung nach einem Vaterschaftsurlaub knüpft dort an: Kinder bräuchten einen präsenten Vater. Was spricht für Sie dagegen, Herr Caroni?
Caroni: Es spricht alles dafür. Ich war bei der Geburt meiner Kinder so lange wie möglich bei der Familie. Es spricht aber nicht viel für einen von anderen finanzierten Urlaub. Wir suchen in der FDP Modelle, bei denen die Allgemeinheit nicht zahlen muss.

Wüthrich: Der Vaterschaftsurlaub dient der Allgemeinheit, deshalb ist es richtig, eine gesetzliche Lösung zu suchen, die allen Vätern zugutekommt. Wir fordern mit unserer Initiative vier Wochen.

Adrian Wüthrich: Der Berner SP-Nationalrat, Vater zweier Söhne, präsidiert den Trägerverein der Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub. Diese wird von linken Parteien, Gewerkschaften und Familienorganisationen unterstützt.

Warum sollte die Allgemeinheit für etwas bezahlen, was in der Familie geregelt werden kann?

Wüthrich: Damit jeder Vater einen Urlaub hat und beide Elternteile Beruf und Familie besser vereinbaren können. Die Erwerbsersatzordnung EO, über die der Urlaub finanziert würde, wird je zur Hälfte von den Arbeitnehmenden und -gebenden alimentiert. Bereits der Mutterschaftsurlaub und der Militärdienst werden so bezahlt. Väter wollen heute präsent sein und Zeit für einen guten Start ins Familienleben haben. Dazu sollten sie nicht die Ferien einsetzen, die sie zur Erholung von der Arbeit benötigen.

Candinas: Wir diskutieren jetzt seit 30 Jahren darüber! Mit den zwei Wochen Urlaub, dem Gegenvorschlag zur Initiative, haben wir einen Kompromiss. Die SVP will das nicht. Die SP will immer mehr. Und Herr Caroni von der FDP gaukelt eine Lösung vor, bei der die Väter ihre regulären Ferien nehmen müssten. Das ist nicht ehrlich.

Caroni: Väter haben heute im Schnitt 5,2 Wochen Ferien. Wenn man ein Kind bekommt, kann man seine Ferien einsetzen. Bis jetzt bestimmt der Arbeitgeber, wann man sie beziehen darf. Mein Vorschlag: Der Arbeitnehmer soll das Recht haben, seine Ferien bei der Geburt zu nehmen. Voilà: Das ist ein Vaterschaftsurlaub.

Candinas: Herr Caroni verschweigt, dass seine Lösung in der Kommission regelrecht abgeschmettert wurde – und dies nicht grundlos.

Herr Candinas, für Sie sind vier Wochen zu viel – zwei Wochen sind in Ordnung. Warum ist diese Differenz entscheidend?

Candinas: Wegen der Kosten: Der Sozialstaat darf nicht wirtschaftsfeindlich ausgebaut werden. Heute bieten viele Firmen eine oder zwei Wochen Urlaub an. Für KMU ist das zu teuer. Mit zwei gesetzlichen Wochen sind sie nicht mehr im Nachteil. Das ist mehrheitsfähig – auch dank des Drucks der Initiative. Sie hat damit ihren Zweck erfüllt.

Caroni: Jetzt räumen Sie ja ein, dass ein Ausbau eine Belastung wäre für die Firmen!

Wüthrich: Vier Wochen sind das Minimum – die Schweiz ist ein Entwicklungsland in der Familienpolitik! Wir werden die Initiative nicht zurückziehen.

Martin Candinas: Der Bündner CVP-Nationalrat, Vater zweier Söhne und einer Tochter, hatte vor fünf Jahren einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub gefordert, ist damals im Nationalrat aber knapp gescheitert. Die Sozialkommission des Ständerats hat letztes Jahr einen indirekten Gegenvorschlag mit zwei Wochen Urlaub ausgearbeitet. Dieser wird von Mitte-links unterstützt. Die FDP knüpft ihr Ja an – nicht mehrheitsfähige – Bedingungen, die SVP ist dagegen.

Der Urlaub würde über erzwungene Abgaben finanziert: Kinderlose Arbeitnehmende müssten die Gratisferien für Väter bezahlen.

Candinas: Deshalb sind wir in der CVP gegen die Initiative. Sie geht zu weit. Aber auch die FDP geht zu weit: Sie will den Müttern etwas wegnehmen, indem sie ihr Ja zu zwei Wochen mit einem flexiblen Mutterschutz verknüpft.

Caroni: Die FDP hat statt des 14-wöchigen Mutterschutzes eine 16-wöchige Elternzeit vorgeschlagen. Nach acht Wochen Erholungszeit für die Mutter sollen die Eltern den Rest flexibel aufteilen dürfen. In dieser Zeit geht es um den Bindungsaufbau zum Kind – sie sollte geschlechtsneutral formuliert sein.

Candinas: Die 14 Wochen für die Mutter dürfen nicht angetastet werden! Die Mütter haben dies verdient, und die Schweiz ist dazu verpflichtet: Sie hat das Abkommen der internationalen Arbeiterorganisation zum Mutterschutz ratifiziert.

Caroni: An den 14 Wochen will gar niemand rütteln. Mein Vorschlag ist es, die Frauen zu bereichern: Sie dürfen früher arbeiten gehen, wenn sie wollen. Es gibt heute einen Prozentsatz von Frauen, der die 14 Wochen nicht ausschöpft.

Andrea Caroni: Der Ausserrhoder FDP-Ständerat, Vater einer Tochter und eines Sohns, hat mehrere Vorstösse zum Thema eingereicht, in denen er für mehr Eigenverantwortung plädiert. Mit der heute traktandierten parlamentarischen Initiative will er erreichen, dass Väter eine rechtliche Garantie haben, ihre regulären Ferien bei der Geburt eines Kindes beziehen zu dürfen. Das Anliegen hat in der Kommission keine Unterstützung gefunden.

Wie hoch ist dieser Prozentsatz?

Caroni: Zugegeben: Der liegt im einstelligen Prozentbereich. Aber das ist ein Problem: Der Mutterschutz-Anspruch entfällt mit der ersten Stunde, die diese Frauen wieder ins Büro gehen.

Wüthrich: Hören wir doch endlich auf damit, uns mit so vielen Vorschlägen zu verzetteln! Die vier Wochen sind der Kompromiss, den 160 Organisationen gefunden haben. Es braucht jetzt endlich einen ersten Schritt.

Candinas: Dazu haben wir einen Gegenvorschlag mit zwei Wochen auf dem Tisch. Jetzt müssen wir endlich Farbe bekennen: Wollen wir einen Vaterschaftsurlaub oder nicht? Alles andere ist nur blabla, Herr Caroni!

Zu was wird sich die FDP bekennen, Herr Caroni?

Caroni: Im Ständerat werden wir zwei Wochen Urlaub grösstmehrheitlich ablehnen.

Wüthrich: Wir sind in Europa das einzige Land, das keinen gesetzlichen Vaterschaftsurlaub kennt. Die EU zeigt auch, dass es damit nicht getan ist: Neu muss jeder Mitgliedsstaat einen Vaterschaftsurlaub von mindestens zwei Wochen und eine nicht aufteilbare Elternzeit von je 2 Monaten anbieten.

Candinas: Ich verstehe die Wirtschaft und die anderen bürgerlichen Parteien nicht: Die linken Initianten geben jetzt schon zu, dass sie noch viel mehr fordern werden. Wir wären also gut beraten, jetzt den zwei Wochen zuzustimmen. Politisieren bedeutet, vernünftige kleine Schritte zu gehen.

Caroni: Der Urlaub ist einer von vielen Schritten, die den Sozialstaat weiter ausbauen sollen. Eben erst haben wir Lohnprozente im AHV-Steuer-Deal gutgeheissen, nun liegt ein Adoptionsurlaub auf dem Tisch...

Candinas: ...wie kann man bloss einen Adoptionsurlaub als Ausbau des Sozialstaats bezeichnen?! Das betrifft einen derart kleinen Teil der Gesellschaft!

Caroni: Aber ihr seht die Tendenz, oder? Die Wünsche sind unbegrenzt - die Allgemeinheit soll für immer mehr persönliche Vorlieben bezahlen. Jemand muss doch das grosse Ganze im Augen behalten, deshalb geben wir nicht nach bei zwei Wochen Vaterschaftsurlaub, nur weil andere noch mehr fordern.

Wüthrich: Herr Caroni, wie können Sie nur so ein Zeug aus diesem Minischritt machen? Und Herr Candinas, es war Ihre Partei, die zwei Wochen Urlaub zuletzt abgeschossen hat ...

Candinas: Korrekt ist: Im Nationalrat hat eine Mehrheit das Anliegen abgeschossen, zu der auch wenige Vertreter der CVP gehörten. Jetzt sind wir einstimmig für die zwei Wochen. Wir müssen dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung tragen.

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Wie soll der Vaterschaftsurlaub geregelt werden?







Die Wirtschaft geht davon aus, dass die Kosten für zwei Wochen viermal höher liegen als veranschlagt – bei bis zu 1,1 Milliarden statt 224 Millionen Franken pro Jahr.

Candinas: Diese fragwürdigen Zahlen wurden nicht für den Vaterschaftsurlaub, sondern für Eltern pflegebedürftiger Kinder berechnet. 0,05 Prozent EO-Zuschlag bedeuten für einen Lohn von 5000 Franken monatlich 2.50 Franken. So viel sollte uns die Familienpolitik wert sein.

Caroni: Sie machen eine Milchbüechlirechnung. Die Wirtschaft erhält zwar eine Kompensation für die Lohnkosten der abwesenden Väter, aber die fehlende Wertschöpfung und der organisatorische Aufwand werden ihr nicht ausgeglichen.

Wüthrich: Väter sind gemäss Studien nach dem Urlaub produktiver, und die Firmen werden attraktiver für junge Talente. Zudem gibt es Einsparungen in der EO: Mit der Armeereform fallen die Diensttage von 260 auf 245. Früher musste eine Firma einen Militärdienstleistenden sogar 300 Tage entbehren – da ist die Wirtschaft auch nicht zusammengekracht!

Caroni: Beim Militär geht es um die Landesverteidigung. Wenn ich Zeit mit meinem Kind verbringe, mache ich das primär für meine Familie, nicht zum Wohl der Allgemeinheit.

Frauen haben auf dem Arbeitsmarkt Nachteile, weil sie bei einer Mutterschaft ausfallen. Daran ändert auch ein Vaterschaftsurlaub nichts.
Wüthrich: Darum braucht es als Nächstes eine Elternzeit. Die Gesellschaft muss gleichberechtigter, die Nachteile auf dem Arbeitsmarkt müssen beseitigt werden.

Candinas: Da muss ein Umdenken stattfinden. Dieser gesellschaftliche Wandel lässt sich zwar nicht mit dem Vaterschaftsurlaub herbeiführen, aber er ist ein erster Schritt, damit die Männer mehr Aufgaben in der Familie übernehmen.

Caroni: Ich finde es enorm wichtig, dass sich die Männer besser beteiligen. Die Frauen müssen das stärker einfordern: Heute kommen die Männer mit viel weniger durch als früher. Mein Sohn wird gleich anpacken müssen wie seine Frau – das ist richtig. Dazu braucht es nicht den Staat, sondern eine gesellschaftliche Modernisierung.

Väter könnten ihre Pensen reduzieren, um die Mütter besser zu unterstützen. Studien zeigen aber, dass sie häufiger Vollzeit arbeiten als kinderlose Männer und dass sie mit Vollzeitpensen glücklicher sind.

Caroni: Es gibt nichts Intensiveres, als mit kleinen Kindern zuhause zu sein. Meine Partnerin und ich finden unsere Bürozeit durchaus erholsam.

Candinas: Wir sollten nicht auf Studien beziehen, sondern dafür sorgen, dass alle Paare frei entscheiden können, was für sie passt. Dafür braucht es Geld, Zeit, Infrastrukturen. Darum haben wir zum Beispiel der Anschubfinanzierung für Kinderkrippen stets zugestimmt.

Wüthrich: Der Vaterschaftsurlaub ist nur ein Puzzleteil einer modernen Familienpolitik. Das Recht auf Teilzeitarbeit oder flächendeckende Krippenplätze gehören auch dazu.

Sind viele Männer in der Schweiz froh, dass sich noch immer hauptsächlich die Frauen um die Kinder kümmern?

Wüthrich: Solche Männer gibt es sicher. Aber die heutigen Väter wollen mehrheitlich präsent sein. Der Urlaub gibt ihnen Zeit, um sich die väterlichen Kompetenzen anzueignen. Mir hat die Hebamme gezeigt, wie man wickelt und das Kind hält. Ich wurde selbstsicherer im Umgang mit dem Baby.

Candinas: Es ist nicht schlimm, wenn Väter froh sind, dass ihre Frauen die Arbeit machen – sofern die Frauen das auch wollen. Wir müssen selber ehrlich sein: Als Parlamentarier brauchen wir alle drei eine starke Partnerin, die einen grossen Teil dieser Arbeit übernimmt.

Caroni: Wenn ein Mann einen Papi-Tag macht, wird er bewundert. Eine Mutter hingegen gilt als Hexe, wenn sie 80 Prozent arbeitet. Die gesellschaftliche Erwartung an die Frau muss sich ändern, damit alle frei entscheiden können. Meine Kinder sehen in mir einen Vater, der mithelfen muss im Haushalt. Für den Sohn meines Sohnes wird das noch selbstverständlicher sein.

Erstellt: 19.06.2019, 22:16 Uhr

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