Eine Telefonnummer gegen radikale Islamisten

Soll die Schweiz eine nationale Jihad-Hotline einrichten? Kantonale Beratungsstellen berichten, was sie damit erlebt haben.

Eine nationale Hotline soll die Radikalisierung verhindern: Ein IS-Kämpfer in Syrien. (Archivbild)

Eine nationale Hotline soll die Radikalisierung verhindern: Ein IS-Kämpfer in Syrien. (Archivbild) Bild: Keystone

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Sie beten häufiger, kleiden sich plötzlich konservativer, wenden sich von ihren Freunden ab und streiten mit ihren Eltern: Das sind typische Warnzeichen für eine islamistische Radikalisierung. In bislang 68 Fällen seit dem Jahr 2001 hatte der Gesinnungswandel bei jungen Secondos in der Schweiz eine sogenannte Jihad-Reise zur Folge – eine Reise in ein Konfliktgebiet, um im Namen des Glaubens zu kämpfen.

Diese Entwicklung bereitet der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SIK) Sorgen. In einer Motion fordert sie den Bundesrat deshalb auf, eine nationale Telefonhotline für besorgte Bürger oder Eltern von sich radikalisierenden Jugendlichen einzurichten. Der Vorstoss wird heute Nachmittag im Nationalrat debattiert. Als Vorbild sollen entsprechende Angebote in EU-Ländern, etwa in Deutschland oder Österreich, gelten. Eine nationale oder zumindest national koordinierte Hotline könne zur Früherkennung einer Radikalisierung beitragen, argumentiert die SIK.

Kosten im Fokus

Eine Arbeitsgruppe des Bundes hat sich ebenfalls mit dieser Frage befasst – und ist zum Schluss gekommen, dass ein solches Angebot in der Schweiz keinen Mehrwert bringe. Die Kompetenzen dafür lägen bei den Kantonen, und dort gäbe es bereits Anlaufstellen für besorgte Bürger wie etwa den Polizeinotruf, sagte Nicoletta della Valle, Direktorin des Bundesamts für Polizei, am letzten Freitag – pünktlich vor der Nationalratsdebatte. Zudem würde eine zentrale Telefonnummer nur «Ressourcen binden».

Dieser Meinung sind auch die bürgerlichen Gegner der Pläne: Vorab Vertreter der SVP hatten in den letzten Monaten die Kosten einer solchen Massnahme in den Vordergrund gerückt und auf bestehende polizeiliche Angebote verwiesen. Die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, die den Anstoss für die Motion gab, betont dagegen, eine präventive Anlaufstelle sei zielführender als Repression.

Geringere Kosten als Gefängnis

Ein solches niederschwelliges Gesprächsangebot gibt es in Bern bereits seit über zehn Jahren. An die Beratungsstelle Radikalisierung können sich Angehörige von Jugendlichen wenden, die sich zu radikalisieren drohen – vom Fussballfan zum Hooligan oder eben vom gläubigen Muslim zum gewaltbereiten Islamisten. Seit der zunehmenden Ausbreitung des Islamischen Staats (IS) im Nahen Osten hat die Beratungsstelle acht Fälle betreut.

«Unsere Erfahrung zeigt: Wenn man nach ersten Anzeichen früh genug das Gespräch mit den jungen Erwachsenen sucht, kann eine Radikalisierung häufig abgewendet werden», sagt Ester Meier, Leiterin des Amts für Erwachsenen- und Kindesschutz (EKS) der Stadt Bern. Sie befürwortet deshalb die Etablierung einer Telefonhotline auf nationaler Ebene. «Wichtig wäre, dass sie von einer bekannten Organisation geführt würde – das schafft Vertrauen. Hilfe suchende Angehörige könnten von dort an die bereits existierenden Fachstellen in den Kantonen verwiesen werden.»

Die Kosten für ein solches präventives Angebot würden sich in Grenzen halten, ist Meier überzeugt: «Sie sind nicht zu vergleichen mit den finanziellen Folgen, die eine vollzogene Radikalisierung haben kann. Ein Gerichtsprozess und eine Inhaftierung sind teurer.» Auch den Aufruf, besorgte Bürger sollten sich im Verdachtsfall direkt bei der Polizei melden, beurteilt Meier skeptisch: «Eine solche Intervention kann die Situation verschärfen und zu einer Kurzschlusshandlung des betroffenen Jugendlichen führen – etwa zur definitiven Entscheidung zur Ausreise in ein Krisenland. Die Jugendlichen nehmen die Polizei teilweise als feindliche Staatsmacht wahr.»

Alltägliche Probleme

Häufig zeige sich in den Gesprächen mit den Familien, dass hinter dem Gesinnungswandel typische Teenagerprobleme stünden, sagt Meier. Die Radikalisierung diene dazu, die Eltern zu provozieren. Im Kern gehe es aber um Identitätsfragen; Themen seien fehlende Vaterfiguren oder Schwierigkeiten in der Lehre. Dann sei es wichtig, eine Vertrauensperson im familiären Umkreis zu suchen, die einen positiven Einfluss auf den betroffenen Jugendlichen ausüben könne.

Das bestätigt Lilo Roost-Vischer. Bei ihr laufen in Basel-Stadt die Fäden zusammen, wenn der Verdacht auf eine islamistische Radikalisierung besteht. «Unsere erste Einschätzung zeigt, dass es sich primär um soziale und familiäre Probleme in Verbindung mit pubertären Ablösungsfragen handelt. Jugendliche mit mangelnder religiöser Bildung zeigen plötzlich eine neu erwachende Frömmigkeit. Wichtig ist, mit ihnen im Gespräch zu bleiben – gerade auch über Religiosität», sagt die Koordinatorin für Religionsfragen. Weil auch in Basel-Stadt die Anfragen von besorgten Müttern und Beratungsstellen zunahmen, wurde dort ein Netzwerk zum Thema aufgebaut. «Nach einer ersten fachlichen Einschätzung geben wir diese Fälle zum Beispiel an familiäre Beratungsstellen oder an die Staatsanwaltschaft weiter», so Roost. Einbezogen in die präventive Arbeit sind auch Jugendzentren und Moscheevereine.

Ob es ein solches Angebot auch auf nationaler Ebene brauchte, kann Roost angesichts des noch jüngeren Phänomens nicht abschätzen. «Es ist meiner Meinung nach noch zu früh, um das zu beurteilen», sagt sie.

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Erstellt: 01.06.2015, 16:27 Uhr

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