Eine Woche Streit

Noch selten wurde in der Schweiz während einer Woche so intensiv über Geschichte diskutiert. Welche Schweiz wir wollen? Das ist von Tag zu Tag verschieden.

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Montag

Bisher war die grosse Schlacht um die richtige Erinnerungskultur eher ein kleines Gerangel unter Eingeweihten. Ja, die Friedenslinden der SP waren bereits Thema (hier zum Beispiel) und ja, auch Marignano und natürlich Morgarten wurden schon behandelt (hier zum Beispiel). Aber so richtig Fahrt nimmt die Debatte im «Super-Jubiläumsjahr» (Vorsicht vor Wortkombinationen mit «Super-» als Bestandteil), in dem 700 Jahre Schlacht bei Morgarten, 500 Jahre Marignano und 200 Jahre Wiener Kongress gefeiert werden, erst an diesem Montag auf. René Lüchinger, der Chefredaktor des «Blicks», hat ein Buch gelesen. Und schreibt jetzt auf zwei Seiten in seinem Blatt darüber. Grosse Bilder, grosse Buchstaben, grosse Aufregung. Das Buch ist von Thomas Maissen und heisst «Schweizer Heldengeschichten - Und was dahintersteckt». Mit dem Buch will Maissen, der Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Paris, die Deutungsmacht der Konservativen brechen. Der Rütlischwur? Hat wohl nie so stattgefunden. Wilhelm Tell? Gab es nicht. Marignano? Vieles, aber sicher nicht die Stätte der Schweizer Neutralität.

Zum ersten Mal tritt jemand der SVP und ihrem Geschichtsbild frontal entgegen. Maissen geht auf Konfrontation. Im Vorwort seiner «Heldengeschichten» ist zu lesen: «Dieses Büchlein (…) möge denen als Handreichung dienen, die Argumente auf dem heutigen geschichtswissenschaftlichen Kenntnisstand im politischen Streitgespräch einbringen wollen.» Mit dem Auftritt im «Blick» hat Maissen das «politische Streitgespräch» lanciert.

Dienstag

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Der grosse alte Mann himself reagiert auf den Einwurf von Maissen, und er tut das so, wie er es schon immer gemacht hat: Wer nicht exakt die Meinung seiner SVP vertritt, ist in den Augen von Christoph Blocher ein heimatmüder Halunke. So war es bei Bergier, so war es im Streit um die Holocaust-Gelder, so ist es nun bei der richtigen Deutung alter Schlachten. Im Interview mit René Lüchinger sagt Blocher: «Wenn man die Schweiz nicht ernst nimmt, sie entmystifiziert, ihre Geschichte entstellt und sagt, die Schweiz ist eigentlich gar nichts Rechtes gewesen, will man die Nation wegputzen.» Wer so denke – und das ist ebenfalls eine Konstante in der Argumentation der Nationalkonservativen –, wolle das Land auf direktem Weg in die EU führen.

Mittwoch

Tatort Ständerat, Anlass: eine Interpellation von Hans Stöckli (SP, BE) zum Jubiläumsjahr 2015 (Stöckli verzichtete auf das «Super-»). Es folgt eine wattierte und leicht gestelzte Variation des Streits um die richtige Geschichte des Landes. Wenn die Ständeräte debattieren, dann geht das nicht ohne mindestens ein blumiges Zitat aus dem wohnwandlichen Lexikon (oder, wenn es schnell gehen muss, aus dem Internet). Der Gewinner der grossen Zitatenschlacht ist Ivo Bischofberger (CVP, AI). Er deklamiert ergriffen: «Einfach ist es, einen Lorbeerkranz zu winden, schwierig ist es, ein ehrenvolles Haupt zu finden.» Mit der Debatte hat das nur bedingt zu tun, aber es hört sich wichtig an. Einen substanzielleren Beitrag hat Bundesrat Alain Berset anzubieten. Es ist ein Vorschlag zur Güte, der dem Kulturminister so wichtig scheint, dass er via Medienabteilung die Redaktionen schon am Tag zuvor darauf aufmerksam gemacht hat. Berset ruft zur Versöhnung auf. Ihm komme es so vor, als gebe es zwei konkurrenzierende Schweizen. Eine erste, die eher dem Mythos verhaftet sei, und eine zweite, die sich an den Institutionen und vorab der Gründung des Bundesstaates 1848 orientiere. Ein solcher Streit könne befruchtend wirken, sagte Berset – aber die Art und Weise, wie im Moment über das richtige Bild der Schweiz debattiert werde, spalte Land und Leute unnötigerweise. Dabei - und das ist der Kniff des Bundesrats - würden die Vertreter der zwei Schweizen von der gleichen Sache sprechen. «Ich bitte Sie, zu bedenken, dass all diese Erzählungen zu einer grossen und gemeinsamen Geschichte gehören. Unserer Geschichte.»

Donnerstag

In einem diktatorischen Land wäre ein Einwurf wie jener von Berset wohl ein Schlusspunkt gewesen (und hätte auch drei Stunden gedauert und nicht zehn Minuten). Aber nicht in der Schweiz. Da geht es am Donnerstag munter weiter: In der «Zeit» wiederholt Thomas Maissen seine Standpunkte vom Montag und verteidigt die eher konfrontative Art, in der er sein Buch erzählt. Er habe nicht in einer emotionalen Aufwallung zur Feder gegriffen. Dass die Schweizer Geschichte in den letzten Jahren eine grosse Rolle in der Politik gespielt habe, sei gut. «Es ist jedoch offensichtlich, dass die Nationalkonservativen das Geschäft sehr viel besser beherrschen als ihre Gegner, aber dabei einen völlig veralteten Forschungsstand instrumentalisieren.» Aus der «Weltwoche» schiesst am gleichen Tag Christoph Mörgeli zurück – mit dem genau gleichen Vorwurf. Maissen wolle den «Mörgeli in uns» kurieren, operiere aber fern jeglicher Fakten. Die berufsethische Differenz zwischen Maissen und ihm sei weniger eine zwischen linkem Internationalen und rechtem Nationalkonservativen. «Sondern sie liegt in der Faktentreue.» So viel zu Bersets Aufruf zur Mässigung.

Was Maissen meint, wenn er den Nationalkonservativen attestiert, ihr Geschäft zu beherrschen, lässt sich am Abend im Zürcher Kongresshaus betrachten. Die geballte SVP-Kraft spricht über «200 Jahre völkerrechtliche Neutralität». Der Saal ist voll: 1300 Besucher wollen von Roger Köppel, Christoph Mörgeli und Christoph Blocher wissen, wie es wirklich war und ist und sein wird. Köppel übt sich dabei gleich auch noch in Volksnähe (schliesslich will er ja gewählt werden). Die NZZ rapportiert seinen Eröffnungsgag: Bei einem Vortrag an der Universität St. Gallen habe er einen deutschen Studenten, der anmerkte, die Schweizer Neutralität der letzten 200 Jahre sei feige gewesen, mit den Worten zum Schweigen gebracht: «Wir haben wenigstens nie einen Krieg angezettelt. Und schon gar keinen Weltkrieg.» Applaus, Applaus.

Freitag

Und zum Abschluss: Ein echtes Jubiläum! Heute vor 200 Jahren beschloss der Wiener Kongress in einer Erklärung, dass die «immerwährende Neutralität» der Schweiz im Interesse der europäischen Staaten liege. An einem Festanlass in Zürich macht sich darum Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger (SP) Gedanken zum Wesen eben dieser Neutralität. «Eigenständigkeit und Neutralität, wie sie am Wiener Kongress besiegelt wurden, entwickelten sich bald zu Mythen. Wir schrieben sie uns als eigene Errungenschaften zu, man hielt sie sogar für gottgegeben – einige tun das noch heute», heisst es im Manuskript seiner Rede. «In Wirklichkeit sind aber diese Identifikationsmerkmale unseres Staates immer auch fremdbestimmt worden, und zwar nicht unwesentlich.» Die Schweiz als fremdbestimmtes Staatswesen? Man hört die Antwort von der anderen Seite schon. Wir heben sie uns für später auf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.03.2015, 18:44 Uhr

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