Der Lebensraum wird knapp

Eine Zehn-Millionen-Schweiz wird Realität und bringt neue Probleme: Mit diesem Beitrag starten wir eine Serie mit fünf Auszügen aus dem Buch «Aufruhr im Paradies» von Philipp Löpfe und Werner Vontobel.

Endlicher Raum: Besucher an der Street-Parade in Zürich. (14.8.2010)

Endlicher Raum: Besucher an der Street-Parade in Zürich. (14.8.2010) Bild: Keystone

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Weiterhin gut ausgebildete Ausländer ins Land zu locken, bedeutet aber auch, dass die Schweizer Bevölkerung bis ins Jahr 2020 um eine weitere Million Menschen wachsen wird. Für die Ökonomen der Grossbank ist dies primär ein technokratisches Problem. Sie empfehlen deshalb, es müssten «namentlich in der Raumplanung und im Bildungswesen die Weichen gestellt werden, um günstige Voraussetzungen für eine weiterhin blühende Wirtschaft zu schaffen». Schön. Doch das Ganze hat einen kleinen Haken: Die Schweiz wird räumlich nicht grösser. Dichtestress wird nicht zu vermeiden sein, und auch dessen Folgen nicht.

Zuwanderung ist kein abstraktes Problem. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer haben konkrete Erfahrungen damit. Die Nachkriegsgeneration kann sich an die Zuwanderungswelle der frühen 1960er Jahre erinnern. Damals strömten vor allem Immigranten aus den Club-Med-Ländern Italien, Spanien, Portugal und Griechenland in die Schweiz. Die politische Reaktion auf diese Einwanderungswelle war die Schwarzenbach-Initiative.

Schwarzenbach gegen die «Tschinggen»

Der rechtskonservative Zürcher Nationalrat James Schwarzenbach hatte die wachsende Verärgerung über die Überfremdung der Schweiz erkannt und nutzte sie populistisch aus. In kürzester Zeit gelang es ihm, genügend Stimmen für eine Initiative zu sammeln, die zur Folge gehabt hätte, dass rund 300'000 Ausländer die Schweiz hätten verlassen müssen. Die Initiative wurde am 7. Juni 1970 mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 54 Prozent relativ knapp verworfen.

Überfremdung blieb jedoch ein fester Bestandteil auf der Agenda der Schweizer Politik. Nur die Akteure wechselten. Die Zuwanderung aus dem Süden flaute ab. Italienische Bauarbeiter wurden allmählich ersetzt durch tamilische Hilfsköche und später durch Taxifahrer aus Ex-Jugoslawien. Auch das Volksempfinden veränderte sich. In den 1960er Jahren noch wurden die Italiener als «Tschinggen» beschimpft. Die Schwarzenbach-Initiative war primär gegen sie gerichtet.

Heute sind nicht nur Pizza und Spaghetti beim Durchschnittsschweizer mindestens ebenso beliebt wie Rösti oder Fondue, auch italienische Einwanderer und ihre Nachkommen sind mittlerweile bestens integriert. Wenn heute von «kriminellen Ausländern» die Rede ist, dann sind nicht mehr Südwesteuropäer, sondern Menschen aus dem Balkan, Muslims und Schwarze gemeint.

Die Zuwanderung geht weiter

Die Überfremdung bleibt auch deshalb ein zentraler Aspekt der politischen Agenda, weil die Zuwanderung weitergeht. Als die beiden Verfasser dieses Buches zur Schule gingen, lernten sie, dass in der Schweiz viereinhalb Millionen Menschen leben. Bald werden es acht Millionen sein. Allein im Jahr 2008 betrug der Nettozuwachs an Ausländern in der Schweiz rund 100'000 Menschen. Das entspricht der Zahl der Einwohner von Winterthur, immerhin der sechstgrössten Stadt der Schweiz. Selbst im Krisenjahr 2009 lag der «Wanderungssaldo» – so nennt man den Zuwanderungsüberschuss in der nüchternen Sprache der Statistiker – bei einem Plus von über 60'000.

Angesichts dieser Entwicklung ist die Vision einer Schweiz mit zehn Millionen Einwohnern von einer Utopie zu einem realistischen Szenario geworden: 2020 würden aufgrund dieser Prognosen rund neun Millionen Menschen in der Schweiz leben; eine Zehn-Millionen-Schweiz könnte dann gegen 2030 Realität werden.

Angst vor der Bevölkerungsbombe

Als die beiden Verfasser zur Schule gingen, lernten sie auch, dass der Planet Erde insgesamt rund zwei Milliarden Bewohner hat. Heute sind es bald sieben Milliarden, und die Demografen gehen davon aus, dass es bis zur Mitte des Jahrhunderts rund zehn Milliarden sein werden. Auch da beobachtet man eine Duplizität der Ereignisse: Ende der 1960er Jahre warnte der amerikanische Biologieprofessor Paul R. Ehrlich in seinem Buch Die Bevölkerungsbombe vor Überbevölkerung und Hungersnöten, die spätestens in den 1980er Jahren die Welt erschüttern sollten. Seine Prognosen wurden von den Erfolgen der sogenannten «grünen Revolution» zunichte gemacht. Dank neuem Saatgut und Dünger blieben die befürchteten Katastrophen aus.

Heute sorgen Klimawandel und das absehbare Versiegen von fossilen Brennstoffen dafür, dass diese Ängste wieder allgegenwärtig geworden sind. Der New-York-Times-Kolumnist und Bestsellerautor Thomas L. Friedman bringt die Stimmung mit dem Titel seines jüngsten Buches auf den Punkt. Die Welt ist «heiss, flach und überbevölkert», und wer weiss: Vielleicht detoniert die Bevölkerungsbombe demnächst doch noch.


Im Dossier finden Sie alle Auszüge aus «Aufruhr im Paradies»

Erstellt: 16.05.2011, 08:11 Uhr

Die Serie

«Aufruhr im Paradies – Die neue Zuwanderung spaltet die Schweiz», Philipp Löpfe und Werner Vontobel, Orell Füssli Verlag, 2011. Tagesanzeiger.ch/Newsnet veröffentlicht diese Woche fünf Auszüge.

Die Autoren

Philipp Löpfe war Chefredaktor beim «Sonntags-Blick» und beim «Tages-Anzeiger» sowie stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «CASH». Er ist Kolumnist bei der «SonntagsZeitung», dem «Magazin» und bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Werner Vontobel studierte in Basel Volkswirtschaft, war als Korrespondent in Brüssel und bei der Schweizer Wirtschaftszeitung «CASH», der «Weltwoche», beim «Tages-Anzeiger» und bei der «SonntagsZeitung» tätig. Gegenwärtig ist er Leiter der Wirtschaftsredaktion des «SonntagsBlicks» und Mitglied der Chefredaktion von «CASH».

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