Eine erste Bilanz zu #Gerigate

Seit einer Woche beschäftigt die Affäre um Geri Müller das Land. Welches sind die Sieger, welches die Verlierer?

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Die Debatte um den grünen Nationalrat und Badener Stadtammann Geri Müller wird man im Rückblick zu den beson­ne­neren Debatten um einen politischen Skandal in der Schweiz zählen können. So hinterlässt der Fall nicht, wie einzelne Kritiker glauben, nur Verlierer, sondern deutlich mehr Sieger.

Vorweg so viel: Der Fall hat die Leser und Zuschauer ungeheuer stark interessiert. Das zeigen die Nutzerzahlen auf den digitalen Kanälen und die Quoten der elektronischen Medien. Er umfasst auch alle Elemente des grossen Dramas: menschliche Schwächen, das drohende Karriere­ende eines polarisierenden Berufs­politikers, dazu eine politische Dimension, die in einen der längsten ungelösten internationalen Konflikte führt, und eine stattliche Reihe von Haupt- und Nebendarstellern, darunter ein begabter Spindoktor.

Erfrischend uneinig

Die meisten Akteure verhielten sich gut: Geri Müller zeigte früh ehrliche Reue und entschuldigte sich. In der Folge vertieften sich die Medien auch nicht in die Details der im privaten Chat offengelegten Abgründe. Die Kollegen in der Badener Stadtregierung suspendierten den Stadtammann zwar von seinem Amt, hielten ihm aber die Möglichkeit zur Rehabilitierung offen. Ob Geri Müller diese gelingt, ist ungewiss – in einem Städtchen wie Baden wird im obersten Amt bürgerliche Wohlanständigkeit erwartet. Diese Norm hat der grüne Politiker mit seiner «dunklen Seite» verletzt.

Gegen seinen Verbleib im Nationalrat spricht hingegen nichts, wenn sich der Verdacht auf Amtsmissbrauch oder Nötigung nicht bestätigen sollte, wie es gegenwärtig aussieht. Wenn er im Rat bleibt, können die Aargauer in einem Jahr an der Urne darüber befinden, wie viel menschliche Schwäche sie einem Politiker zugestehen.

Auch die Medien haben ihren Job überwiegend gut gemacht. Die «Schweiz am Sonntag» konnte ihre Gründe, den Fall öffentlich gemacht zu haben, nachträglich einigermassen glaubhaft darlegen. Womöglich war der Polizeieinsatz als Rechtfertigungsgrund für das öffentliche Interesse etwas schwach, doch inzwischen legitimiert die politische Dimension des Falls das mediale Interesse.

Wenn es eine zweite mediale Schwäche gab, dann jene, dass Geri Müller nicht schon mit der Veröffent­lichung des Falls seine Sicht der Dinge darlegen konnte. In der Folge berichteten die Medien meist sachlich, liessen alle Seiten zu Wort kommen, schützten die Identität der jungen Frau und waren sich in der Einschätzung erfrischend uneinig. Selbst «Welt­woche»-Verleger Roger Köppel, in den letzten Jahren zunehmend durch ideologische Verengung aufgefallen, zeigte in seiner Analyse wieder einmal die Stärken seiner journalistischen Anfänge: Sie war klug und in der Ver­teidigung des grünen Geri Müller überraschend zugleich.

Mehr als Unsinn

Wenn es einen Tiefpunkt der Berichterstattung gab, dann war es die vom «Blick am Abend» aufgebrachte Vermutung, der Fall Geri Müller könnte Ergebnis einer «jüdischen Verschwörung» sein. Das ist mehr als Unsinn, denn sie bedient ein antisemitisches Stereotyp. Geweckt wurde es bei der Zeitung offenbar dadurch, dass zwei Akteure in diesem Fall jüdischen Glaubens sind. Das hat uns nicht zu interessieren. Zu interessieren hat uns einzig, ob diese beiden deshalb aktiv wurden, weil ihnen Geri Müllers politische Rolle nicht passt: sein Bestreben, in der Schweiz Verständnis für die palästinensische Seite zu schaffen.

Der jungen Frau ist zu wünschen, dass auch sie, die so plötzlich ins Zentrum des medialen und öffentlichen Interesses geraten ist, den Fall unbeschadet übersteht und nicht zur einzigen Verliererin wird. Ihre Kränkungen, Verletzungen und Ambivalenzen sind offenkundig. Die öffentlich geäusserten Vermutungen über ihren Gesundheitszustand werden ihr die Verarbeitung nicht einfacher machen. Kommt dazu, dass sie wohl die einzige Akteurin ist, der ein juristisches Nachspiel droht: Die unerlaubte Aufnahme privater Gespräche ist mit Rücksicht auf die Privatsphäre zu Recht verboten. Immerhin wird die Frau mit Verweis auf ihren psychischen Ausnahmezustand einen der stärksten strafmildernden Umstände anführen können.

Vielleicht lernen wir in diesem Fall alle etwas: Nicht jeder Skandal ist ein Medienskandal, menschliche Abgründe sind, erst mal offengelegt, nur noch halb so dunkel, Fehler macht jeder, und vermeintlich private Geschichten können plötzlich in einem politischen Zusammenhang stehen.

Erstellt: 23.08.2014, 07:34 Uhr

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Der Politiker Geri Müller

Der Politiker Geri Müller Wegen Nacktselfies in die Schlagzeilen geraten: Der Badener Stadtammann und Nationalrat Geri Müller.

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