Eine neue Ära der Gehirnforschung

Eine gigantische Computerplattform soll das menschliche Gehirn entschlüsseln: Politik und Wissenschaft freuen sich über die EU-Gelder für das Human Brain Project (HBP) der ETH Lausanne.

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«Dieser Grosserfolg ist extrem wichtig für die wissenschaftliche Landschaft in unserem Land», sagt Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann heute Montag in einem Communiqué der ETH Lausanne (EPFL). Das HBP vereine die besten europäischen Forschungsinstitute in einem ambitiösen Vorhaben, so Schneider-Ammann. Dass sämtliche Projekte in der Endauswahl des FET-Flagship-Programms eine Schweizer Beteiligung aufweisen, sei Beleg für die Schweizer Spitzenposition im Forschungsbereich.

Die ETH Lausanne hatte nebst dem HBP bis zuletzt auch noch «Guardian Angels for a Smarter Planet» im Rennen, die ETH Zürich das Projekt FuturICT mit seinem «Living Earth Simulator».

Gratulation aus Zürich

Die bei der Milliardenvergabe schliesslich leer ausgegangenen Kollegen von der ETH Zürich schickten ihre Glückwünsche nach Lausanne. «Wir gratulieren den Kollegen an der EPFL zu ihrem siegreichen Projekt», wird ETH-Präsident Ralph Eichler in einer Mitteilung zitiert.

Das Nein aus Brüssel heisse nicht, dass die Forschungsansätze oder die beteiligten Forschungsgruppen nicht die richtigen wären, um die gesetzten Ziele zu erreichen, heisst es weiter. Unter Umständen werde man für die nicht geförderten Zürcher Projekte nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten auf nationaler oder internationaler Ebene suchen.

Federführend bei Hirnforschung

EPFL-Präsident Patrick Aebischer nahm die Glückwünsche aus dem In- und Ausland freudig entgegen. Durch die Wahl des HBP werde Europa bei einer der grössten Herausforderungen der Menschheit federführend sein: der Entdeckung des menschlichen Gehirns. Die Computersimulation sei der nächste grosse Schritt in der Entwicklung der medizinischen Forschung, sagte er.

Am Human Brain Project sind neben der EPFL seitens der Schweiz auch das Lausanner Universitätsspital (CHUV), die ETH Zürich, die Universitäten Bern und Zürich sowie die IBM Research GmbH beteiligt.

Auch bei «Graphene», dem zweiten von der EU-Kommission ausgewählten Flaggschiffprojekt, ist die Schweizer Forschung prominent vertreten, wie das Eidg. Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) mitteilte. Hier arbeiten unter Leitung der Chalmers-Universität im südschwedischen Göteborg unter anderem die ETH Zürich sowie die Universitäten Genf, Basel und Zürich mit.

Eine Milliarde Euro

In den kommenden zehn Jahren wird die EU rund eine Milliarde Euro investieren, um das Wissen über die Abläufe im menschlichen Gehirn in eine Computersimulation zu packen.

Dies soll der Wissenschaft helfen, das Zusammenspiel der komplexen Prozesse im menschlichen Gehirn zu entschlüsseln. Damit wird den beteiligten Forschern zufolge eine neue Ära in den Neurowissenschaften und der pharmakologischen Wirkstoffforschung eingeleitet. Hirnkrankheiten wie Alzheimer oder Schizophrenie sollen dank den Forschungsergebnissen künftig geheilt werden können.

Gigantische Computerplattform

Seit 200 Jahren wird am menschlichen Gehirn geforscht. 200'000 Neurowissenschafter widmeten seinem besseren Verständnis bisher etwa fünf Millionen wissenschaftliche Aufsätze. All diese Erkenntnisse sollen nun in einer gigantischen Computerplattform gebündelt werden, die als virtuelles Untersuchungsobjekt der Wissenschaft zur Verfügung stehen wird.

Mit der Umsetzung werden tausende Forscher in etwa 200 Forschungsgruppen unter der Leitung des südafrikanischen Hirnforschers Henry Markram von der ETH Lausanne (EPFL) beschäftigt sein. Beteiligt sind zudem rund 80 Partnerorganisationen aus Industrie und Forschung.

«Eine der grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts»

«Wir müssen endlich alles Wissen der verschiedenen Disziplinen über das Gehirn integrieren. Das Gehirn zu verstehen, ist eine der grössten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts», sagte Markram jüngst bei einem Vortrag. Die technischen Anforderungen würden entsprechend hoch sein.

Im Vorgängerprojekt des HBP, dem «Blue Brain Project», verschlangen bereits die Berechnungen für ein einziges Neuron in etwa die Kapazitäten eines Laptop-Computers, gestand Markram ein. Der Forscher und seine Kollegen betonten in den vergangenen Jahren aber immer wieder, dass es sich bei ihrer Vision nicht um eine Utopie handelt. Das HBP sei ein umsetzbares Vorhaben, so ihre Devise. (mal/sda)

Erstellt: 28.01.2013, 15:42 Uhr

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