So steht es um die Krippenplätze in der Schweiz

Viele Schweizer Familien verzichten unfreiwillig auf externe Kinderbetreuung – die Gründe.

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Eine Antwort auf diese Frage ist dringend nötig: Gibt es in der Schweiz genug Krippenplätze? Das Parlament ist nämlich da­ran zu entscheiden, ob es nochmals 125 Millionen Franken für den Aufbau zusätzlicher Plätze bewilligt – die sogenannte Anstossfinanzierung. Es wäre das vierte Mal in den vergangenen 15 Jahren. Der Nationalrat hat bereits (knapp) Ja gesagt, nach dem Sommer entscheidet der Ständerat. In der Debatte im Nationalrat wurde deutlich, wie wichtig verlässliche Daten für den Entscheid sind: Während die einen Räte Einzelfälle zitierten, in de­nen Krippen wegen zu wenig Kin­dern eingegangen sind, sprachen andere vom Krippen-Entwicklungsland Schweiz.

Wie ist die Situation wirklich? Die Statistiker wissen exakt, wie viele Kühe es in der Schweiz gibt, wie viele Autos oder Häuser. Die Krippenplätze jedoch werden nicht systematisch erfasst. Katja Branger, die Spezialistin des Bundesamts für Statistik, verweist stattdessen auf einen Bericht, der Ende 2017 veröffentlicht wurde. Angesichts der lückenhaften Daten­lage könne die aktuelle Situation nicht besser dargestellt werden.

Der Bericht wurde im Auftrag des Bundes verfasst von Mitarbeitern der Universität St. Gallen und der Firma Interface, die sich auf politische Studien spezialisiert hat. Das Fazit, das Co-Autor Oliver Bieri zieht, überrascht: «Die Zeit der Anstoss­finanzierung ist vorbei. Der Aufbau von Krippenplätzen ist in den meisten Regionen mehr oder weniger abgeschlossen.» Entscheidend sei jetzt die Frage, wie viel die Eltern für einen Platz bezahlen müssen.

Ein Platz für zwei Kinder

Gut 60’000 Krippenplätze gibt es laut dem Bericht in der Schweiz. Die Zahl basiert zum Teil auf aktuellen Angaben aus den Kantonen, zum Teil auf Hochrechnungen älterer Daten. Schweizweit steht damit jedem fünften Kind im Vorschulalter ein Platz für die ganze Woche zur Verfügung. Dieser sogenannte Versorgungsgrad schwankt aber stark: In einigen Westschweizer Kantonen kommt ein Platz auf drei Kinder, in ländlichen Kantonen der Deutschschweiz ein Platz auf zehn oder mehr Kinder. In mehreren Grossstädten wiederum liegt das Verhältnis fast bei 1:2.

Dieser Wert alleine sagt noch nichts darüber aus, ob es zu viele oder zu wenige Plätze gibt. Nur schon deswegen, weil das durchschnittliche Schweizer Kind zwei Tage pro Woche in die Krippe geht. Ein Platz kann oft von zwei oder drei Kindern genutzt werden. Zudem werden weit mehr Kinder im Vorschulalter kostenlos von den Grosseltern oder anderen nahen Verwandten betreut, als in die Krippe gehen. Auch hier sind die Unterschiede gross zwischen den Landesteilen sowie zwischen Stadt und Land.

Um die Frage nach dem zu viel oder Zuwenig zu klären, wurden deshalb für den Bericht in 30 Gemeinden – von der Grossstadt bis zum Dorf – Eltern befragt. He­raus kam, dass jede fünfte Familie mit Kindern im Vorschulalter sich mehr externe Betreuung wünscht. Als Grund, weshalb sie darauf verzichten, gaben jedoch nur 10 Prozent der Familien fehlende Plätze an. Fast jede zweite Familie nannte den zu hohen Preis oder den Mangel an subventionierten Plätzen als Grund.

In den Kantonen Bern und Zürich bestätigen die Verantwortlichen das Fazit des Berichts. Es entspreche der Wahrnehmung des Kantons Bern, dass die Kosten der Betreuung für die Familien das grössere Problem seien als das Platzangebot, sagt Gun­de­kar Giebel, Sprecher von Sozialdirektor Alain Schnegg.

Familien tragen Hauptlast

André Woodtli, Vorsteher des Zürcher Jugendamts, sagt: «Dass im Kanton Zürich das Angebot an Betreuungsplätzen die Nach­frage deckt, hängt insbesondere mit den Kosten zusammen, die die Familien für Krippen übernehmen müssen.»

Nummer 1 bei der Fremdbetreuung sind noch immer die Grosseltern. Kinder in einem Hort. Foto: Gaetan Bally/ Keystone (Archiv).

In den meisten Kantonen beteiligt sich die öffentliche Hand im Durchschnitt etwa zu einem Drittel an den Kosten eines Betreuungsplatzes, zwei Drittel tragen die Familien. In Nachbarstaaten wie Frankreich oder Deutschland, aber auch in einigen Westschweizer Kantonen, ist das Verhältnis umgekehrt. «Beteiligte sich die öffentliche Hand stärker an den Betreuungskosten, würde der finanzielle Aufwand für die Familien sinken und die Nachfrage nach Betreuungsplätzen entsprechend zunehmen», sagt Woodtli. «Dann würde das heutige Angebot nicht mehr ausreichen.»

«Wir sind für viele Familien zu teuer», sagt auch Rosmarie Quadranti, BDP-Nationalrätin und Präsidentin des Krippenverbandes. «Nicht wegen der Löhne, nicht wegen Anforderungen an die Infrastruktur, sondern weil die öffentliche Hand und die Arbeitgeber zu wenig zahlen.» Sie befürwortet zwar eine letzte Anstossfinanzierung des Bundes für zusätzliche Krippenplätze. In Teilen der Schweiz gebe es weiterhin Bedarf. Überhaupt noch nicht gelöst sei jedoch das Kostenproblem der Familien.

Wo die Firmen zahlen

Seit Juli steht ein zweiter Fördertopf des Bundes mit total 96 Millionen Franken für fünf Jahre bereit. Er soll unter anderem dazu verwendet werden, die Betreuungskosten für Familien zu senken. Geld fliesst aber nur, wenn die Kantone mitziehen.

Zürich winkt bereits ab. Im Kanton seien die Gemeinden verpflichtet, ein bedarfsgerechtes Angebot an familienergänzender Betreuung zu gewährleisten und dessen Finanzierung zu regeln, sagt der Jugendamtsvorsteher Woodtli. Zwei Initiativen, die eine kantonale Mitfinanzierung wollten, seien vom Stimmvolk verworfen worden. Der Kanton Bern plant – anders als der Kanton Zürich – die Einführung von Betreuungsgutscheinen für Familien.

In der Waadt finanzieren die Arbeitgeber Betreuungsplätze über einen Fonds mit. Ihr Verband ist allerdings dagegen, dieses System auf die ganze Schweiz auszuweiten. Obwohl die Firmen in einer Zeit, in der es zunehmend an qualifizierten Arbeitskräften mangelt, davon profitieren, wenn mehr Mütter arbeiten. «Die Finanzierung ist Aufgabe der öffentlichen Hand», sagt der Dossierverantwortliche Simon Wey. Der Staat profitiere unter anderem durch höhere Steuereinnahmen stark davon, wenn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser sei. Deshalb müssten Bund, Kantone und Gemeinden mehr tun, um die Vereinbarkeit zu fördern.

Um Druck auszuüben, findet im November ein Treffen zwischen dem Verband und Vertretern praktisch aller grossen Parteien statt. Zusagen aus der SVP stehen aus. «Es geht darum, eine breite Allianz zu schmieden», sagt Wey. «Und nach aussen zu zeigen, dass Handlungsbedarf besteht.» Für den Arbeitgeberverband hat neben der Finan­zierung von Krippenplätzen vor allem der Ausbau von Tagesschulen Priorität. Auf Letzteres dürfte sich die Allianz rasch einigen können. Die Frage ist, ob sie auch hält, wenn es ums Bezahlen geht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2018, 06:29 Uhr

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