Eine staatliche digitale Identität für alle

Die Schweizer Identitätskarte wird rundum erneuert. Sie soll auch als Internetausweis verwendet werden können. In Deutschland wurde ein ähnliches Projekt zu einem teuren Flop.

Sollen durch neue Versionen abgelöst werden: Ein biometrischer Schweizer Pass und eine aktuelle Identitätskarte.

Sollen durch neue Versionen abgelöst werden: Ein biometrischer Schweizer Pass und eine aktuelle Identitätskarte. Bild: Keystone

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Der Bundesrat will, dass die Identitätskarte (ID) auch im Internet genutzt werden kann. Anders als in vielen anderen europäischen Staaten fehle hierzulande «ein weitverbreitetes elektronisches Identifikationsmittel».

Vor einigen Jahren hat der Bund zwar mit finanziellen Beiträgen die Lancierung der privaten Suisse-ID, an der unter anderem die Post und die Swisscom beteiligt sind, unterstützt. Über eine Anwendung in «Nischenbereichen» sei diese aber nicht hinausgekommen, lautet das Fazit eines Berichts des für Ausweise zuständigen Bundesamts für Polizei (Fedpol) von 2013. Die Beschaffung sei «zu aufwendig», die Installation «zu wenig komfortabel», und es fehle an genügend Anwendungsmöglichkeiten.

Jetzt soll stattdessen die ID um eine neue Funktion erweitert werden. Ihre Nutzung im Netz wäre danach gleich einfach wie auf der Strasse, so die Vision. Zum Einsatz kommen soll der elektronische Ausweis (eID) etwa bei Bestellungen in Onlineshops, bei der Eröffnung eines Bankkontos oder im digitalen Kontakt mit den verschiedensten Ämtern. Es ist vorgesehen, dass sich der Preis im Vergleich zur herkömmlichen ID nur wenig erhöht. Die Erneuerung von Pass und ID sollte gemäss ersten Planungsangaben rund 16 Millionen Franken kosten, die Einführung war ab Ende 2016 geplant.

Modell «Deutschland» ist Favorit

Erste Konzepte zur neuen ID sind ausgearbeitet, allerdings muss sich der Bundesrat noch für ein bestimmtes Modell entscheiden. Ursprünglich war dies für Mitte 2014 vorgesehen, inzwischen wurde der Start der Vernehmlassung auf frühestens Ende Jahr verschoben, wie das Fedpol bestätigt.

Klar ist schon heute, dass der Bezug einer ID mit elektronischer Zusatzfunktion freiwillig sein wird. Bereits im Rahmen der Einführung der biometrischen ID hat das Parlament darauf bestanden, dass die herkömmliche ID weiterhin angeboten werden muss. An diesem Prinzip wird laut dem Fedpol aus heutiger Sicht festgehalten – ausser das Parlament ändere bei der Beratung des Gesetzes für die neue ID seine Meinung.

In der Konzeptstudie werden vier Lösungsvarianten beschrieben. Das Papier wurde im letzten Jahr in eine informelle Konsultation gegeben. Angeschrieben wurden kantonale Behörden, aber auch Konsumentenschutz, Wirtschaftsverbände und die Betreiber der privaten Suisse-ID. Widerstand gegen die Idee eines elektronischen Identitätsnachweises gab es nicht. Unter den Adressaten kristallisierten sich zwei Favoriten heraus. Die bisherigen Anbieter sprachen sich aus naheliegenden Gründen für die Weiterführung der Suisse-ID aus. Sonst schwang jenes Modell obenaus, das die Karte kopieren will, die Deutschland 2010 eingeführt hat.

«Rohrkrepierer» für 50 Millionen

In Deutschland können auf dem neuen Personalausweis (ePA) elektronisch via Chip Vor- und Nachnamen, Geburtsdatum und -ort sowie die Adresse abgerufen werden. Zudem wird übermittelt, ob ein Ausweis noch gültig ist. Zur Datenübermittlung wird ein persönliches Kartenlesegerät verwendet. Die elektronische Funktion kann deaktiviert werden (hier finden Sie ein Anwendungsschema).

Über 50 Millionen Euro hat die Einführung des neuen deutschen Ausweises gekostet. Ein Jahr danach schrieb die «Welt» von einem «Rohrkrepierer» und einem «Totalausfall». Das Problem war das gleiche wie bei der Suisse-ID. Die Bürger konnten mit der neuen Karte fast nichts anfangen. Es gab viel zu wenig Anwendungsmöglichkeiten.

Wie sicher ist der Chip?

Wie der deutsche Chaos Computer Club (CCC) in einem Text vom Herbst 2013 schreibt, ist dies bis heute der Fall. Die Hackervereinigung kritisiert zudem Sicherheitslücken. Der in der Karte verwendete Chip kann kontaktlos ausgelesen werden und ist deshalb theoretisch anfällig für Missbrauch. Zwar hat es gemäss dem Innenministerium bislang keinen Zwischenfall gegeben. Laut dem CCC kann das «nur das Desinteresse von Ausweisbesitzern und Unternehmen, die neuen Funktionen des ePA zu nutzen», erklären.

In der Schweiz wurde der Datenschutzbeauftragte inzwischen zum Projekt der neuen eID konsultiert, wie Sprecher Francis Meier sagt. Man werde demnächst Stellung nehmen. Beim vorliegenden Gesetzesentwurf bestehe noch Klärungsbedarf. Skeptisch sei man bezüglich der Verwendung der AHV-Nummer bei der eID, da deren Einsatz als Personenidentifikator ausserhalb des Sozialversicherungsbereichs beträchtliche erhebliche Risiken für die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger berge.

Erstellt: 16.07.2014, 16:23 Uhr

Wie die neue ID funktionieren könnte

Ein Schema des Innenministeriums erklärt die Funktion des neuen deutschen Personalausweises: Um den ganzen Ablauf anzuschauen, bitte auf das Bild klicken. (Bild: Bundesinnenministerium)

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