Einsamkeit lässt sich nicht verwalten

Nachher wissen viele, was man vorher hätte tun sollen. Das zeigt sich im Moment besonders deutlich im Fall des flüchtigen Rentners in Biel.

Noch konnte die Polizei den Bieler Rentner nicht fassen.

Noch konnte die Polizei den Bieler Rentner nicht fassen. Bild: Reuters

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Nach letzten Meldungen läuft Peter Hans Kneubühl noch immer frei herum. Trotz ihres grossen Aufgebots hat die Polizei den bewaffneten Mathematiker von Biel nicht fassen können. Der Appell eines Bekannten verhallte ungehört, jedenfalls hat der 67-jährige Rentner noch nicht darauf reagiert. Und auch die Flugblätter der Polizei verflatterten ergebnislos.

Ein Vermittler ist nötig

Umso heftiger haben die Medien und ihre Experten agiert, die nachher besonders gut wissen, was vorher zu tun gewesen wäre. Ihre Vorwürfe treffen nicht nur die Polizei, sondern zunehmend auch die Behörden. Und vom Vorwurf zur Aufforderung ist es nie weit. Dass nämlich auch Biel und andere Orte brauchen, was erst in vier Schweizer Städten — unter anderem in Zürich – installiert ist: eine Ombudsperson, die verzweifelte Bürger ernst nähme – einen Vermittler zwischen Amt und Querulant.

Das klingt zunächst vernünftig. Weil ja Menschen selten zum Gewehr greifen, bevor sie die Behörden nicht minutiös mit ihrer Angst, ihrer Wut oder ihrem Wahn konfrontiert haben. So ging auch Kneubühl vor und verstrickte verschiedene Amtsstellen in einen administrativen Abnützungskrieg.

Das Problem ist die Prognose

Natürlich lässt es sich nicht ausschliessen: Ein Ombudsmann hätte vielleicht eingreifen können, bevor der erste Schuss gefallen war. Denn er hat mehr Zeit als die Behörden, und er hat die nötige Erfahrung für solche schwierigen Gespräche.

Nur lässt sich daraus keine Garantie ableiten. Es gibt sehr viele Menschen, die mit den Behörden herumstreiten, aber nicht jeder von ihnen greift zum Gewehr, nicht jeder will mit der Waffe sterben, nicht jeder stürmt das Parlamentsgebäude wie Friedrich Leibacher in Zug, der vor neun Jahren 14 Menschen tötete. Denn solche Taten kommen äusserst selten vor. Alle potenziellen Amokläufer zu erkennen, bleibt ausserordentlich schwer, das kann auch kein Ombudsmann.

Je älter, desto einsamer

Wer jetzt vorschnell nach neuen Verantwortlichen ruft, will vor allem Schuldige produzieren, die sich nach einem Drama kritisieren lassen. Gleichzeitig scheint es niemanden zu kümmern, dass bei der Psychiatrie, mehr noch als in anderen Disziplinen, seit Jahren hart gespart wird. Die Folge: Viele Menschen, die therapeutische Hilfe brauchten, melden sich bei der Dargebotenen Hand, landen auf der Gasse oder vereinsamen in ihren Wohnungen.

Je älter die Menschen werden, desto stärker nimmt die Vereinsamung zu, vor allt der Kollateralschaden einer Gesellschaft, die den Individualismus liebt. Und die für jene, die nicht damit klarkommen, bestenfalls das Altersheim oder die Klinik vorsieht. Und schlimmstenfalls das Gefängnis. Oder, in letzter Not, den Fangschuss.

Erstellt: 13.09.2010, 21:48 Uhr

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