Hintergrund

Einwanderung bringt Männer in die Überzahl

Die Schweizer Wirtschaft braucht ausländische Arbeitskräfte – und es kommen vorwiegend Männer. Als Folge der Einwanderung sinkt seit 2001 kontinuierlich der Frauenanteil in der Gesamtbevölkerung.

Zuwanderung lässt den Männeranteil an der Bevölkerung steigen.

Zuwanderung lässt den Männeranteil an der Bevölkerung steigen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweiz ist seit geraumer Zeit ein Masseneinwanderungsland. Jedes Jahr wächst die Bevölkerung um 80'000 Menschen – das entspricht der Einwohnerzahl der Stadt St. Gallen. Die Zuwanderung führte zu den bekannten Auswirkungen auf dem Wohnungsmarkt und bei der Verkehrsinfrastruktur – Stichwort Dichtestress. Gleichzeitig wird die Schweiz aber auch zunehmend männlicher. Wie eine Auswertung des Bundesamts für Statistik (BFS) im Auftrag des «Tages-Anzeigers» zeigt, wandern seit 2001 deutlich mehr Männer als Frauen ein.

Hält die Einwanderung in dieser Form an, ist es nur eine Frage der Zeit, bis in der Schweiz mehr Männer als Frauen leben: So ist der Frauenanteil an der Gesamtbevölkerung in dieser Zeit von 51,1 auf 50,7 Prozent gesunken. Bereits gekippt ist die Zentralschweiz, wo nach nur einem Jahrzehnt aus einem Frauen- ein Männerüberhang wurde.

Kehrtwende 2001

Diese demografische Entwicklung hängt nicht zufällig mit dem Inkrafttreten des Freizügigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der Europäischen Union im Juni 2002 zusammen, wie es beim Bundesamt für Statistik heisst. War die Einwanderung in den 90er-Jahren noch ausgeglichen bis mehrheitlich weiblich, kamen ab 2001 überwiegend Männer in die Schweiz.

Besonders drastisch war es 2007, als 21 Prozent mehr Ausländer als Ausländerinnen einwanderten. In den folgenden drei Jahren betrug der Unterschied zwischen 11 und 19 Prozent. Mit dem Resultat, dass heute nur noch knapp 47 Prozent der ausländischen Bevölkerung (ohne Asylsuchende) Frauen sind.

Jobs in Männerbranchen

Die Ursache dafür liegt im Arbeitsmarkt. Insbesondere im Finanzwesen, im Bau, in der Industrie oder im Rohstoffhandel bestehe ein grosser Bedarf an ausländischen Arbeitskräften, sagt Professor François Höpflinger vom Soziologischen Institut der Universität Zürich. Und da es sich dabei um klassische Männerbranchen handle, würden in erster Linie Arbeitnehmer kommen.

Gut beobachten lässt sich dies am Beispiel des urbansten wie reichsten Zentralschweizer Kantons: In Zug sank der Frauenanteil seit 2000 von 50,1 auf 49,6 Prozent. «Der Kanton zieht mit seinem Branchenmix viele gut ausgebildete ausländische Arbeitskräfte an, die zudem oft ohne ihre Familie eine Zweitwohnung beziehen», sagt Höpflinger. Bekanntlich befindet sich in Zug einer der weltweit wichtigsten Rohstoffhandelsplätze der Welt, zudem haben viele nationale wie internationale Unternehmenszentralen ihren Sitz hier. Schliesslich spielt laut Höpflinger auch die «Zugisierung» zunehmend eine Rolle: «Wegen seiner hohen Immobilienpreise und Wohnungsmieten ist Zug kein idealer Wohnort mehr für Familien.»

In den übrigen Innerschweizer Kantonen wie Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, aber auch in den beiden Appenzell, im Thurgau oder in Glarus verschärft die geschlechtsselektive Abwanderung die Entwicklung. Verantwortlich dafür sind ein stark ausgeprägter Landwirtschafts- oder Industriesektor oder eine Kombination davon. So ist Luzern der einzige Zentralschweizer Kanton, in dem mit 50,5 Prozent noch mehr Frauen als Männer leben. «Das hat mit dem Urbanisierungsgrad zu tun: Frauen aus ländlichen Kantonen ziehen wegen ihrer stärkeren beruflichen Ausrichtung auf den Dienstleistungssektor eher in städtische Zentren», stellt der Berner Soziologieprofessor Ben Jann fest.

In Schwyz fehlen 3200 Frauen

Folgerichtig haben Kantone mit einem überregionalen Zentrum wie beispielsweise Luzern, Basel, Zürich, Bern oder Genf immer noch eine Frauenmehrheit. So wiesen Ende 2011 Basel-Stadt und Genf mit 52,1 respektive 51,8 Prozent die höchsten Frauenquoten der Schweiz auf. Während es in Basel 7000 Frauen mehr als Männer gibt, fehlen in Schwyz mit einer der landesweit tiefsten Frauenquoten mittlerweile 3200 Frauen.

«Die grossen Zentren bieten mit ihrer stark ausgebauten Gesundheitsbranche und besseren Ausbildungsmöglichkeiten insbesondere jungen Frauen mehr berufliche und schulische Möglichkeiten», sagt Bevölkerungssoziologe Höpflinger. Es ist denn auch kein Zufall, dass beispielsweise das Luzerner Kantonsspital mit seinen 5600 Angestellten nicht nur der zweitgrösste Arbeitgeber der Zentralschweiz ist, sondern mit 77 Prozent den wohl höchsten Frauenanteil eines Unternehmens in der Region hat. Damit nimmt Luzern in der Innerschweiz eine Sammelfunktion für weibliche Arbeitskräfte ein.

Politisch nicht auf dem Radar

Offenbar macht Stadtluft aber auch frei. Nach einer Scheidung oder nach einer ausserehelichen Geburt ziehen Frauen nicht selten aus ländlichen Gemeinden in eher städtische Gebiete, da sich alleinerziehende Frauen dort weniger kontrolliert fühlen als auf dem Land. «Dies dürfte vor allem in katholischen Regionen der Fall sein, wo eine Scheidung, aber auch eine ledige Mutterschaft teilweise noch negativ bewertet wird», sagt François Höpflinger.

Dass es für Männer in ländlichen Gebieten zunehmend schwieriger ist, eine Lebenspartnerin zu finden, zeigen Fernsehsendungen wie «Bauer, ledig, sucht . . .» Über dieses bekannte Phänomen hinaus hält sich der Leidensdruck der Männer hierzulande in Grenzen. Wer einen Partner sucht, schaut sich längst nicht mehr nur im Inland um – davon zeugen die zahlreichen binationalen Eheschliessungen. Anderseits glaubt Höpflinger, dass erst ab einer Differenz von 10 Prozent zwischen den Geschlechtsanteilen «dramatische Auswirkungen» zu erwarten seien.

Die Politik scheint im wachsenden Frauendefizit noch kein Problem erkannt zu haben. Im Gegenteil, männlich dominierte Einwanderung erscheint nicht einmal auf dem politischen Radar. Als das Bundesamt für Statistik Ende August seine jährliche Bevölkerungsstatistik veröffentlichte, ging die Behörde in ihrem Bericht mit keinem Wort auf den sinkenden Frauenanteil ein. In den fünf betroffenen Zentralschweizer Kantonen ist dies ebenfalls kein Thema.

Die glücklichsten Frauen leben im urnerischen Schattdorf

Der TA fragte bei den jeweiligen Regierungsrätinnen nach: In Schwyz und Obwalden reagierte die Regierung nicht, in Nidwalden hiess es, dass «man sich bisher nicht mit dieser wissenschaftlichen Frage beschäftigt» habe. Die Zuger Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard sieht es gelassen: «Mit einem Unterschied von knapp 1000 Personen zwischen Frauen und Männern bei einem Total von 115'000 Personen kann nicht von einem Frauenmangel gesprochen werden.» Sie vermutet, dass «mehr Singlemänner als Frauen den Schritt wagen, für eine bestimmte Zeit in einem der internationalen Unternehmen zu arbeiten und damit auch die hohen Wohnungsmieten bezahlen können.»

In Uri, das seit langem mit der Abwanderung zu kämpfen hat, nimmt es Regierungsrätin Heidi Z’graggen mit Humor: «Eine Studie zeigt, dass die glücklichsten Frauen der Schweiz im urnerischen Schattdorf leben.» Ausserdem hofft Z’graggen, dass mit dem Aufbruch in Andermatt vermehrt attraktive Arbeitsstellen im dritten Sektor auch für Frauen geschaffen werden. Dann stehe nichts mehr im Wege, dass die Frauen wieder in Uri verbleiben oder nach Uri kommen.

Erstellt: 19.09.2012, 06:48 Uhr

Artikel zum Thema

Wieso profitieren nur die Frauen?

Blog Politblog Die wichtigsten Aspekte der Gleichstellungsfragen werden immer noch nicht thematisiert. Eine Carte Blanche von Walter Hollstein, Gutachter des Europarates für Männerfragen. Zum Blog

Auf einem Auge blind

Blog Politblog Gemäss Soziologe Walter Hollstein gibt es mehr Männer mit schlechten Jobs als Frauen. Das ist falsch. Eine Replik von Sven Broder. Zum Blog

Politiker erwägen Frauenquote für Zürichs Verwaltung

Die Fraktionspräsidentin der Stadtzürcher SP, Min Li Marti, lanciert das Thema Frauenquote für Kaderpositionen in der Stadtverwaltung. Selbst bürgerliche Politiker sind nun bereit, darüber zu diskutieren. Mehr...

Blog

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...