Elektrovelos verdrängen Citybikes

Elektrovelos sind in der Schweiz so begehrt wie noch nie. Doch der Boom erfolgt auf Kosten der Fahrräder ohne Strom fressende Batterien. Für die Umwelt sei dies gleichwohl ein Gewinn, sagen Experten.

«Der Boom verstärkt sich selber»: Eine Elektrovelo-Lenkerin in Genf.

«Der Boom verstärkt sich selber»: Eine Elektrovelo-Lenkerin in Genf. Bild: Martial Trezzini/Keystone

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Die Branche jubelt, das Elektrovelo überhole sich selber. Denn die Verkaufszahlen sind regelrecht explodiert: Gegen 50'000 E-Bikes wurden 2011 in der Schweiz abgesetzt – das entspricht jedem siebten verkauften Fahrrad. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 waren es erst 1800 E-Bikes. Für das letzte Jahr liegen die Zahlen zwar noch nicht vor, doch Velosuisse, der Verband der Schweizer Fahrradlieferanten, rechnet mit einer Zunahme auf rund 60'000.

Der Boom hat jedoch eine Kehrseite, erfolgt er doch zunehmend auf Kosten der Citybikes, also von Fahrrädern ohne Motorsupport. Im gleichen Mass, wie die Verkaufszahlen bei den E-Bikes steigen, sinken sie seit 2009 bei den Citybikes, dies bei einer stagnierenden Gesamtverkaufszahl von rund 350'000 Velos. «Es findet eine Substitution statt», folgert Roland Fuchs, Sprecher von Velosuisse. Für dieses Phänomen hat er mehrere Erklärungen. So seien Elektrovelos seit einigen Jahren zunehmend besser erhältlich und günstiger im Preis, sodass sie auch unter rein monetären Aspekten als Alternative zum Citybike infrage kämen. «Zudem verstärkt sich der Boom selber, weil die Präsenz der E-Bikes auf der Strasse die Lust auf einen Neukauf weckt», sagt Fuchs.

Im Direktvergleich schlechter

Die Folgen dieser Verdrängung scheinen auf den ersten Blick klar zu sein: Ein Teil der Velogemeinschaft in der Schweiz – der Bestand der benutzten Fahrräder beträgt rund 2,8 Millionen – ist nicht mehr ganz so umweltfreundlich unterwegs. Fuchs bestreitet nicht, dass ein batteriebetriebenes Bike bei gleicher Kilometerdistanz und gleichem Gewicht die schlechtere Ökobilanz als ein gewöhnliches Velo aufweist. E-Biker, wendet er ein, würden jedoch in der Regel bedeutend längere Strecken zurücklegen als die Benutzer gewöhnlicher Velos. «Wenn sie dafür auf ein anderes Verkehrsmittel wie das Auto verzichten, ist dies unter dem Strich ökologischer.»

Untersuchungen der Universität Bern zum Fahrverhalten von E-Bikern stützen Fuchs’ These. Deren Resultat: Der typische Elektrovelofahrer legt im Durchschnitt 2000 Kilometer pro Jahr zurück. Im Gegenzug verzichtet er auf andere Fahrten. Konkret: Er unterlässt es, je ein Drittel dieser Strecke mit dem Auto oder Motorrad, den öffentlichen Verkehrsmitteln und gewöhnlichen Velos zu fahren. «Die Ökobilanz ist also besser», sagt Bernhard Schneider von Newride, jenem Programm, mit dem Kantone und Gemeinden in Zusammenarbeit mit dem Bund den Einsatz von energieeffizienten Fahrzeugen fördern wollen. Schneider verweist zudem auf eigene Befragungen von E-Bike-Nutzern und Händlern, die ähnliche Ergebnisse gezeitigt hätten. Ein Vergleich lässt den Gewinn für die Umwelt erahnen: Um eine Batterie für 2000 Kilometer E-Bike-Fahrt mit Strom zu laden, braucht es, umgerechnet in Benzin-äquivalenten, 2 Liter des Treibstoffes. Ein sparsames Auto benötigt 120 Liter Benzin für die gleiche Strecke.

Auto weiter dominierend

Trotz des skizzierten Effekts ist der Langsamverkehr, zu dem die Velos zählen, noch weit entfernt davon, in der Schweiz eine dominierende Rolle zu spielen. Durchschnittlich 37 Kilometer legt jeder Einwohner der Schweiz pro Tag zurück; dies zeigt der Mikrozensus 2010 des Bundes, die jüngste Befragung der Schweizer zu ihrem Mobilitätsverhalten. Nur 2,8 Kilometer der Tagesstrecke werden dabei zu Fuss oder mit dem Fahrrad absolviert. 24,4 Kilometer hingegen mit dem Auto oder dem Töff.

Erstellt: 24.01.2013, 09:57 Uhr

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Das E-Bike verdrängt zunehmend das Citybike. (Bild: TA-Grafik / Quelle: Velosuisse)

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