Endlich schneller nach München

Ein deutscher Verkehrspolitiker kündigt eine Finanzspritze an, um die Bahnstrecke durch das Allgäu zu renovieren.

250 Kilometer und weit über vier Stunden Zugfahrt ist der Bahnhof München von Zürich entfernt. Foto: Sven Hoppe (Keystone)

250 Kilometer und weit über vier Stunden Zugfahrt ist der Bahnhof München von Zürich entfernt. Foto: Sven Hoppe (Keystone)

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Eine Zugreise von Zürich nach München ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit der Bahntechnik: Rollmaterial aus Grossmutters Tagen, Fortkommen im Schneckentempo – und vor allem 155 Kilometer nicht elektrifizierte Strecke zwischen Lindau am Bodensee und Geltendorf nahe München. Die Dieselloks bewältigen die Fahrt durch das Allgäu derart schleppend, dass Schweizer auf der Schiene bis nach München weit über vier Stunden brauchen – obschon die bayrische Metropole von Zürich in Luftlinie nur etwa 250 Kilometer entfernt ist.

Seit über zwei Jahrzehnten schon drängt die Schweiz auf einen Ausbau und insbesondere die Elektrifizierung der Allgäubahn. Sie hat sich vor sechs Jahren sogar per Staatsvertrag verpflichtet, die Modernisierung der Strec­ke mit rund 50Millionen Franken zu unterstützen. Doch die Planungen auf deutscher Seite wollten und wollten nicht vorwärtskommen, nicht zuletzt aus budgettechnischen Gründen. Die vertragliche Frist für den Ausbau endet im Jahr 2020 – dass die Deutschen diesen Termin einhalten würden, daran glaubte zuletzt kaum noch jemand.

Schweizer sollen profitieren

Nun könnte eine Wende in buchstäblich letzter Minute dazu führen, dass die Vereinbarungen doch noch eingehalten werden. Zu verdanken ist dies ausgerechnet der Euroschwäche: Um die Konjunktur anzukurbeln, forciert die Bundesregierung in Berlin derzeit ein breit angelegtes Investitionsprogramm. Alleine für den Infrastruktur- und Verkehrsbereich sind dabei gemäss Beschlüssen vom März 4,35 Milliarden Euro vorgesehen. Und wie sich nun zeigt, kommt das womöglich auch den Schweizer Bahnreisenden zugute: «Ich gehe davon aus, dass die Linie München–Zürich zu den Projekten gehört, die vom neuen Investitionspaket der Bundesregierung profitieren werden», sagt Martin Burkert, Bundestagsabgeordneter der bayrischen SPD.

Burkert leitet den Verkehrsausschuss des Bundestags (das deutsche Parlament); er ist damit neben Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) der einflussreichste Verkehrspolitiker Deutschlands. Wie viel Geld aus dem Konjunkturprogramm konkret für die Allgäu­strecke abfällt, gibt Burkert noch nicht bekannt. «Doch mit dieser Investition wäre es möglich, die Strecke fristgerecht bis Ende 2020 zu elektrifizieren.»

Acht statt vier Züge täglich

Optimismus verbreitet auch die Deutsche Bahn (DB). «Zürich und München sind die zwei wichtigsten Wirtschaftsräume nördlich der Alpen. Eine bessere Verbindung zwischen diesen zwei Städten hat für uns hohe Priorität», sagt DB-Sprecher Michael-Ernst Schmidt. Gebaut werde voraussichtlich vor allem in den Jahren 2018 und 2019. Funktioniere alles wie geplant, werde München ab 2020 in weniger als dreieinhalb Stunden von Zürich aus erreichbar sein. Zudem sollen in beide Richtungen neu acht statt wie heute vier Züge pro Tag verkehren.

In der Schweiz vernimmt man solche Ankündigungen gerne – man ist ihnen gegenüber aber auch misstrauisch. Allzu oft schon, sagen Verkehrspolitiker, habe die deutsche Seite in grossspurigen Tönen baldige Fortschritte angekündigt. Trotzdem sei das Projekt nicht vom Fleck gekommen. Besonders kritisch zeigt sich Tim Guldimann, bis vor wenigen Tagen Schweizer Botschafter in Berlin. Mit der Strecke Zürich–München sei es eine «elende Schlamperei».

Einspracherecht der Anwohner

Er habe die Deutschen immer wieder an ihre vertraglichen Pflichten erinnert, sagt Guldimann, der für die Zürcher SP als Nationalrat kandidiert. Noch als quasi letzte Amtshandlung sei er diesbezüglich im Mai bei DB-Chef Rüdiger Grube vorstellig geworden. Die DB und ihr mangelhaftes Zusammenspiel mit dem Verkehrsministerium sind laut Guldimann hauptverantwortlich für die Verzögerung.

Bei der DB wiederum macht man auf die komplizierte Finanzhistorie des Bauprojekts aufmerksam. Erste Kostenschätzungen seien von 210 Millionen Euro ausgegangen. Vor drei Jahren habe sich dann gezeigt, dass es 310 Millionen brauche. Erschwerend kämen die Ein- und Mitspracherechte von betroffenen Anwohnern hinzu, die in Deutschland viel umfassender als in der Schweiz oder in Österreich seien – die Behörden sind mitunter verpflichtet, jede Bürgereingabe in einem aufwendigen Pro­zedere zu verarbeiten und ihrem Inhalt gerecht zu werden.

DB-Sprecher Schmidt glaubt aber, dass die Bahn mit ihrer Informationspolitik nun das Fundament für rasche Fortschritte zwischen Lindau und München gelegt habe. «Man darf davon ausgehen, dass die Strecke 2020 unter Strom steht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.06.2015, 22:56 Uhr

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