Ensi erklärt erhöhte Cäsium-Werte im Bielersee

Das Ensi tritt dem Verdacht entgegen, Radioaktivität habe unbemerkt in den Bielersee gelangen können. Die schon früher dokumentierten Werte seien «weder überraschend noch gefährlich».

Die Cäsiumabgaben aus dem AKW Mühleberg sind laut dem Ensi in den letzten Jahren immer kleiner geworden: Badende im Strandbad Biel. (15. Juli 2013)

Die Cäsiumabgaben aus dem AKW Mühleberg sind laut dem Ensi in den letzten Jahren immer kleiner geworden: Badende im Strandbad Biel. (15. Juli 2013) Bild: Keystone

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Die Atom-Aufsicht des Bundes hat die Berichte um erhöhte Radioaktivität im Bielersee heute Abend erneut relativiert. Nach ihrer Darstellung ist der Cäsiumfund «weder überraschend noch gefährlich». Es habe keine unbemerkten Abgaben von Cäsium in die Aare gegeben, betonte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) auf seiner Website.

Die für das Jahr 2000 gemessenen 41 Becquerel pro Kilogramm seien eine vergleichsweise kleine Erhöhung des Cäsiumwerts im Bielersee und korrelierten mit erhöhten Cäsium-Abgaben im AKW Mühleberg, die 1998 und 1999 festgestellt worden seien.

Arbeiten mit Verfestigungsanlage

Diese Abgaben seien unter anderem in den Jahresberichten der Ensi-Vorgängerorganisation HSK dokumentiert. In den beiden Jahren habe Mühleberg etwas mehr Cäsium abgegeben als in den Jahren zuvor und danach, doch die Grenzwerte seien stets deutlich eingehalten worden. In den letzten Jahren seien die Abgaben immer weiter zurückgegangen.

Die erhöhten Abgaben 1998 und 1999 seien nicht auf Zwischenfälle zurückzuführen, sondern auf die endlagerfähige Konditionierung von Altharzen aus dem Zwischenlager mit der 1999 in Betrieb gesetzten Verfestigungsanlage CVRS. Der Betrieb dieser Anlage sei in den Folgejahren «weiter optimiert» worden. Die Cäsiumabgaben seien wieder kleiner geworden.

Höchstwerte 1963 und 1986

Im übrigen zeige die in der «SonntagsZeitung» zitierte Studie, dass die beiden höchsten Cäsium-Werte im Bielersee nicht für das Jahr 2000, sondern für 1986 und 1963 gemessen worden seien. Beide Ereignisse stünden nicht in Zusammenhang mit dem AKW Mühleberg. Der Spitzenwert von 1986 mit über 160 Becquerel pro Kilogramm sei auf die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl zurückzuführen. Der Anstieg von 1963 auf über 120 Becquerel werde mit dem Fallout infolge der Atombomben-Tests in der Atmosphäre erklärt.

Einen Zusammenhang mit Mühleberg habe hingegen ein Anstieg im Jahr 1976 auf 95 Becquerel, schreibt das ENSI. Dieser lasse sich mit Brennelementschäden im AKW Mühleberg in Zusammenhang bringen.

«Deutlich unter den Grenzwerten»

Das ENSI hatte bereits am Sonntag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda darauf hingewiesen, dass die geltenden Grenzwerte deutlich unterschritten worden seien. Auch in Mühleberg lägen die radioaktiven Abgaben über das Wasser weit unterhalb der gesetzlichen Vorgaben.

Die «SonntagsZeitung» hatte auf eine Studie von Genfer Geologen hingewiesen, die im Februar veröffentlicht worden war. Demnach floss um das Jahr 2000 mehr radioaktives Cäsium in den Bielersee als üblich. Das AKW Mühleberg gelte als wahrscheinlichster Verursacher.

Trotz dieses naheliegenden Zusammenhangs «können nicht alle gemessenen Cäsium-Spuren eindeutig und ausschliesslich Kernkraftwerken zugeordnet werden», hielt das ENSI am Montagabend fest. «Ähnliche und teils höhere Werte finden sich auch in den Sedimenten anderer Schweizer Seen, die nicht im Unterlauf eines Kernkraftwerks liegen.»

Viel höhere Werte anderswo

Im Tessin zum Beispiel seien um ein Vielfaches höhere Werte weit verbreitet, betonte das ENSI. Auch in Berner Seen seien höhere Werte gemessen worden. Die Autoren der in der Sonntagspresse zitierten Studie untersuchten laut ENSI auch den Brienzer- und den Thunersee, die oberhalb des AKW Mühleberg liegen. In beiden Seen sei im betreffenden Zeitraum ebenfalls Cäsium-137 im Sediment gefunden worden.

Im Brienzersee seien für die späten 1990er-Jahre Werte zwischen 50 und 100 Becquerel pro Kilogramm gemessen worden - «also höhere Werte als im Bielersee unterhalb von Mühleberg», wie das ENSI betont. Allerdings seien alle gemessenen Cäsium-137-Werte im Sediment der Schweizer Seen nicht gesundheitsgefährdend. (rub/sda)

Erstellt: 15.07.2013, 19:09 Uhr

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Auch zwei Jahre nach dem Atomunfall von Fukushima haben weltweit mehrere Kernkraftwerke noch immer keinen ausreichenden Notfallplan für Katastrophen. Das teilte die Internationale Atomenergiebehörde IAEA in ihrem jährlichen Sicherheitsbericht mit. Über die Zahl der betroffenen Anlagen und ihre Standorte machte ein IAEA-Sprecher am Montag keine Angaben. In einem von der IAEA bemängelten Reaktor soll ein Notfallplan erst im kommenden Jahr eingeführt werden. Eine andere Anlage hatte zwar entsprechende Richtlinien, die Mitarbeiter bekamen laut dem Bericht aber keine ausreichende Einschulung für die korrekte Anwendung. Andere Kraftwerksbetreiber setzten sich nicht genügend damit auseinander, was passieren könnte, wenn es in mehreren Einheiten gleichzeitig zu Unfällen kommen sollte. Von diesem Problem betroffen ist unter anderem das bulgarische Atomkraftwerk Kozloduj, wie aus einer Pressemitteilung der IAEA im Dezember hervorging. (sda)

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