Entwicklungshilfe als Renditeobjekt

Der Bund testet mit einem ehemaligen Banker in Mexiko ein Konzept, das Entwicklungshilfe für Investoren rentabel macht. Mit Kliniken für Zuckerkranke können sie einen Erfolg verbuchen.

Volksleiden Nummer 1 in Mexiko: Behandlung von Diabetes mit Insulin. Foto: Maskot, Getty Images

Volksleiden Nummer 1 in Mexiko: Behandlung von Diabetes mit Insulin. Foto: Maskot, Getty Images

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Kann Entwicklungshilfe Rendite abwerfen? Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) will zusammenbringen, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. In Mexiko ist sie auf gutem Weg dazu: Den Beweis treten Javier Lozano und Fernanda Zorrilla mit ihren Clínicas del Azucár in Monterrey an. Sie bieten die Behandlung für Zuckerkranke 40 Prozent günstiger als bisher üblich an und erreichen damit viel mehr Patientinnen und Patienten. 95 Prozent davon kommen erstmals in ihrem Leben in den Genuss einer Behandlung.

Diabetes ist das Volksleiden Nummer eins in Mexiko. Die Deza hat deshalb den beiden Unternehmern Zuschüsse versprochen, wenn sie tatsächlich ärmere Kranke versorgen können. Diese finanzielle Sicherheit erleichterte den Klinikgründern die Suche nach privaten Geldgebern. Lokale Investoren liessen sich überzeugen: Aus einem Dollar öffentlichem Geld wurde so fünfeinhalbmal mehr privates Geld, nämlich 1,5 Millionen Dollar. Abwerfen soll es eine marktübliche Rendite.

Freilich brauchte es mehr als den Geldonkel aus Übersee. Ebenso wichtig war die Prüfung des Businessplans durch die Inter-American Development Bank. «Noch während diese lief, stockte die Klinik von fünf auf neun Standorte auf», erzählt Björn Strüwer. Der ehemalige CS-Banker hat das dahinterliegende Konzept der Social Impact Incentives mit der Deza entwickelt.

Björn Strüwer ist überzeugt von diesem Ansatz und auch ein bisschen stolz, dass er schon erste Nachweise für dessen Funktionieren vorlegen kann: Die ersten Ziele, welche von der Deza definiert worden seien, hätten die Clínicas del Azucár erreicht. Damit könne auch die erste Tranche von 275 000 Dollar ausbezahlt werden. Die Auszahlung erfolgt halbjährlich innerhalb von zweieinhalb Jahren. Mit allem Drum und Dran investiert die Deza 2,8 Millionen Franken in die Entwicklung dieses Ansatzes.

Kritik: «Nullsummenspiel»

Die Deza versucht so, der sinkenden politischen Bereitschaft zu begegnen, für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe zu zahlen. Der Finanzbedarf aber insbesondere für humanitäre Hilfe wächst laut Deza: Die Zahl instabiler Regionen und Länder nimmt zu. Das raubt dort lebenden Menschen die Perspektiven. Noch nie waren mehr auf der Flucht als heute.

Ökonom Mathias Binswanger bezweifelt, ob man aus solchen sozialen Aufgaben ein rentables Geschäft machen kann. Am Ende, befürchtet er, werde dies höchstens als «Nullsummenspiel» enden. Man gaukle ein Investitionsobjekt vor, müsse dann aber ein Controlling aufziehen, das ebenfalls koste. Es sei fraglich, ob damit öffentliche Mittel wirklich effizienter eingesetzt würden. Zudem kämen nur Projekte infrage, bei denen es eine gewisse Erfolgsgarantie gebe. Diese Risikoselektion sei schädlich. Oft sei Entwicklungshilfe gerade dort nötig, wo sich wegen des hohen Risikos niemand engagieren wolle.

Diese Bedenken teilt Alliance Sud. Die Organisation vertritt sechs grosse Schweizer Entwicklungsorganisationen. Eva Schmassmann von Alliance Sud beobachtet, dass derartige Instrumente nicht in den ärmsten Ländern angewandt würden: «Mit den Ärmsten lässt sich kein Geld verdienen», stellt sie fest. Hier führe kein Weg an staatlich finanzierter Hilfe vorbei.

Ergänzung, nicht Konkurrenz

Rückschläge, das weiss auch die Deza, sind in der Entwicklungszusammenarbeit gerade in unsicheren Gebieten Alltag. Engagements in solchen Gebieten stellten diese neuen Ansätze nicht infrage. Viel mehr möchte man die beschränkte öffentliche Hilfe mit privatem Geld multiplizieren. Banker Strüwer, der mittlerweile eine auf nachhaltige Finanzierungen spezialisierte Firma führt, umschreibt dies so: «Nicht jeder Bereich eignet sich. Wo es passt, klappt es.» Geeignet seien etwa die Bereiche Gesundheit, Landwirtschaft oder die Energieversorgung in abgelegenen Regionen. Indem man das «unlimitierte Reservoir privater Gelder» anzapfe, würden Mittel für jene Bereiche frei, wo niemand Geld investieren würde.

Damit es funktioniert, müssen laut Strüwer Investoren eine marktübliche Rendite erwarten können. Das soziale Engagement, das immer häufiger mitentscheide bei Investitionen, sei eine zusätzliche Bedingung. Strüwer wehrt sich gegen die Sichtweise, so verkomme Entwicklungshilfe zum Renditeobjekt. Denn der Zweck bleibe erhalten. Auch den Vorwurf, es entstünden neue Kosten für Verwaltung und externe Evaluation, weist er zurück: «Wir mobilisieren Investments in Firmen, die sich am Markt bewähren.»

Deza sieht grosses Potenzial

Eine noch etwas andere Herangehensweise prüft die Deza mit dem Internationalen Roten Kreuz. Der Finanzierungsansatz des letzten Herbst lancierten Pilotprojekts basiert auf einem Human Impact Bond. Bei diesem erhalten private Investoren eine Rendite auf ihr investiertes Kapital ausbezahlt, wenn das Projekt in Bezug auf andere vergleichbare Projekte überdurchschnittliche Ziele erreicht. Finanziert wird dieses aber weiterhin durch den Staat. Ausgelagert wird dagegen ein Teil des Risikos: Werden die Ziele nicht erreicht, muss der private Investor sein Geld teilweise abschreiben.

Binswanger bleibt skeptisch. Er bezeichnet solche Vehikel als «Pseudoinvestitionen», die Renditen auf «Pseudoerfolgen» erzielten. Sie entsprängen dem Bedürfnis, alles in Investitions­objekte verwandeln zu wollen. Die Deza wartet mit ihrem Urteil noch zu. Sie sieht «sehr grosses Potenzial», aber auch Risiken. Einer der «Versuchsballone» scheint jedenfalls bereits Fahrt auf­zunehmen. Den Clínicas del Azucár wurden in diesen Tagen erstmals rund 50'000 Franken überwiesen. Geht der Businessplan von Javier Lozano und Fernanda Zorrilla auf, betreiben die beiden bis 2020 200 Kleinkliniken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2018, 20:16 Uhr

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