Hintergrund

Er feilschte bis zuletzt

Zwar lenkt Vasella nun ein, auf die 72 Millionen Franken zu verzichten. Novartis muss aber auf das Konkurrenzverbot für den abtretenden VR-Chef verzichten. Die Details zum harten Kampf um die Einigung.

Verzichtet nicht, ohne eine Gegenleistung zu erhalten: Daniel Vasella.

Verzichtet nicht, ohne eine Gegenleistung zu erhalten: Daniel Vasella. Bild: Keystone

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Glaubt man der offiziellen Erklärung von Daniel Vasella, so zieht der scheidende Verwaltungsratspräsident von Novartis die Konsequenzen aus dem öffentlichen Entrüstungssturm, der ihm seit Freitag entgegenfegt. Dieser war in der Tat enorm und verfehlte seine Wirkung nicht. Immerhin hatten gewichtige Vertreter von Politik und Wirtschaft Vasellas 72 Millionen Franken für das Einhalten eines Konkurrenzverbots in Bausch und Bogen verdammt. Aktionärsschützer Hans-Jacob Heitz erstattete gar Strafanzeige. Und selbst der Vasella eng verbundene Abt Martin vom Kloster Einsiedeln riet gestern via TA, auf die Vereinbarung zurückzukommen: «Ein solcher Schritt würde Grösse zeigen und Respekt verschaffen.»

Vasella scheint die Aufrufe erhört zu haben. Jedenfalls liess er sich in einer Medienmitteilung wie folgt zitieren: «Ich habe verstanden, dass in der Schweiz viele den Betrag für die Einhaltung des Konkurrenzverbotes als unverhältnismässig hoch empfinden, trotz der Tatsache, dass ich meine Absicht bekannt gab, den Nettobetrag für wohltätige Aktivitäten zur Verfügung zu stellen. Deshalb habe ich dem Verwaltungsrat empfohlen, dass ich auf jegliche Zahlung in Zusammenhang mit der Konkurrenzverbotsabrede verzichten werde.»

Verzicht aus freien Stücken?

Das klingt so, als habe Vasella aus freien Stücken und im besten Einvernehmen auf die 72 Millionen verzichtet. Es gab aber auch Druck von Aktionären und Novartis-Verwaltungsräten. Offenbar fürchteten vor allem Schweizer Verwaltungsratsmitglieder um ihre Reputation. Auch sie sind unter Beschuss geraten, nachdem das Ausmass von Vasellas Entschädigung bekannt wurde und Novartis mitteilte, der Entscheid sei im Verwaltungsrat einstimmig gefallen.

Der ehemalige Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer sprach von einer «massiven Verletzung der Grundsätze der Unternehmensführung». Der Verwaltungsrat müsse darauf zurückkommen, sonst schade er sich selbst und der Glaubwürdigkeit des Unternehmens. Auch Aktionäre taten ihre Empörung kund. Ulrich Lehner, Vizepräsident und ab Freitag bis Ende Juli Übergangspräsident des Verwaltungsrats, spricht von «Bedenken der Aktionäre und weiterer Anspruchsgruppen», denen man Rechnung trage.

Economiesuisse warnte früh

Offenbar war die Einigung mit Vasella aber nicht so einfach zu erzielen. Es soll mehrere Telefonkonferenzen gegeben haben. Auch von Angesicht zu Angesicht sei mit Vasella verhandelt worden. Der 59-Jährige gilt als ausgesprochen harter Feilscher. Das zeigt sich auch am Resultat: Vasella verzichtet nicht einfach auf die 72 Millionen Franken, im Gegenzug fällt auch das Konkurrenzverbot dahin. Die übrigen Verwaltungsräte mussten dies in Kauf nehmen, obwohl sie laut Lehner «nach wie vor an den Wert des Konkurrenzverbots glauben».

Das Risiko, dass Novartis durch eine Konkurrenztätigkeit von Vasella Nachteile entstehen könnten, halten die meisten Beobachter allerdings für klein. Mit seinen 59 Jahren ist er für einen CEO-Posten bei einem grossen Unternehmen eher zu alt. Infrage käme allenfalls ein Verwaltungsratspräsidium – allerdings eher im Ausland als in der Schweiz. Hierzulande wird Vasella inzwischen auch von vielen Wirtschaftsführern als unerwünschte Person behandelt.

Ein Engagement bei einem anderen Pharmaunternehmen würde sich auch schlecht vertragen mit seinem Amt als Ehrenpräsident von Novartis. An dieser Ernennung will der Verwaltungsrat festhalten, wie Novartis gestern Abend auf Anfrage mitteilte. Überdies besitzt Vasella rund 3 Millionen Novartis-Aktien im Wert etwa 200 Millionen Franken. Schadet er Novartis, schadet er also auch sich selbst.

Novartis verspricht Besserung

All dies wussten die Novartis-Verwaltungsräte schon lange. Trotzdem haben sie Vasella eine horrende Entschädigung für das Einhalten des Konkurrenzverbots versprochen. Warum? Und warum hat keines der hochbezahlten Verwaltungsratsmitglieder den Entrüstungssturm vorausgesehen – samt dem politischen Schaden für die Volksabstimmung über die Abzockerinitiative?

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse hatte Novartis frühzeitig um Zurückhaltung gebeten. Erfolglos. Vor dem gestrigen Entscheid hat der Verband aber nicht direkt interveniert, sondern die Novartis-Spitze über die Medien wissen lassen, was man von Vasellas 72-Millionen-Paket hält: gar nichts.

Decharge verweigern

Nun gelobt Novartis, die Lehren zu ziehen: «Der Verwaltungsrat ist sich der Bedeutung vollständiger Transparenz bewusst und wird seine diesbezüglichen Anstrengungen verstärken.» Er hofft wohl auch, dass die Generalversammlung vom kommenden Freitag etwas weniger tumultuös ablaufen wird, als dies ohne Rückzieher der Fall gewesen wäre. Sprecher Michael Schiendorfer erwartet 2500 bis 3000 Aktionäre in der Basler St.-Jakobs-Halle.

Die Aktionärsvereinigung Actares ruft nach wie vor dazu auf, die Decharge zu verweigern. Denn das Vorgehen des Verwaltungsrats bleibe ein Problem. Anders die Anlagestiftung Ethos: Nachdem sie bisher ebenfalls empfohlen hatte, die Decharge nicht zu erteilen, ist sie nun doch dazu bereit. Der Verwaltungsrat habe am Ende doch noch vernünftig gehandelt, findet Ethos-Sprecher Christophe Hans. Man erkenne auch das Bemühen von Novartis um mehr Transparenz. «Der Verwaltungsrat», so Hans, «übernimmt seine Verantwortung, was er bisher nicht gemacht hat.»

Erstellt: 20.02.2013, 06:15 Uhr

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