Er gilt als arbeitsam, unauffällig – und dann plötzlich diese Horrortat

Was brachte den eritreischen Familienvater Habte A. aus Wädenswil dazu, jemanden vor den Zug zu stossen? Protokoll einer rätselhaften Eskalation.

Der verhaftete Habte A. im weissen Einweg-Overall nach seiner Vorführung beim Haftrichter im Frankfurter Amtsgericht.

Der verhaftete Habte A. im weissen Einweg-Overall nach seiner Vorführung beim Haftrichter im Frankfurter Amtsgericht.

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Oberhalb von Wädenswil, in einem Weiler aus zwei sich kreuzenden Landstrassen, mit einem Dutzend Häusern, einer Gärtnerei und einer Pizzeria in Sommerpause, bahnt sich in der Hitze des 25. Juli eine Katastrophe an. Hoch über dem Zürichsee kommt es zu häuslicher Gewalt, welche die Zürcher Kantonspolizei vorerst als Dutzendfall taxiert. Doch dies ist, was niemand ahnt, nur der Auftakt. Die Sache endet vier Tage später 400 Kilometer nördlich im Horror, verübt durch denselben mutmasslichen Täter, einen Familienvater aus dem Kanton Zürich.

Der Eritreer Habte A. stösst am Montagmorgen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof eine Mutter und ihren achtjährigen Sohn vor einen heranfahrenden ICE. Dann greift er eine weitere Frau an. Die 78-Jährige hat das Glück, dass sie nur auf den Bahnsteig stürzt und nicht unter den Zug gerät. Auch die 40-jährige Mutter, bereits auf dem Gleis, kann sich retten. Doch ihr Bub stirbt.

Habte A., ebenfalls 40 Jahre alt, Vater dreier Kinder im Alter von einem, drei und vier Jahren, eilt davon, trabt die Gleise entlang. Weit kommt er nicht. Passanten und Polizisten überwältigen ihn.

A. wird verhaftet und steht nun unter Verdacht eines Mordes und des zweifachen Mordversuchs. Die Polizei in Hessen und in Zürich versucht herauszufinden, wie ein Unauffälliger zu einem mutmasslichen Mörder werden konnte.

«Ein Rätsel»

Erklärungen gibt es erst im Ansatz. Beziehungsprobleme? Keine bekannt. Eine Terrortat? Keine Hinweise, A. ist christlich-orthodoxen Glaubens. Vorstrafen? Nur ein Bagatelldelikt im Strassenverkehr. Psychische Auffälligkeiten? Darauf gibt es erste Hinweise.

Das Leben von A. war verlaufen wie jenes von vielen der über 30'000 eritreischen Flüchtlinge in der Schweiz. 2006 kam er hierher, 2007 nach Wädenswil. Sein Asylantrag wurde 2008 bewilligt, drei Jahre später bekam er eine C-Bewilligung. Bedingungen dafür sind im Kanton Zürich unter anderem gute Sprachkenntnisse, keine Straftaten, zuletzt drei Jahre lang keine Sozialhilfe sowie eine Berufstätigkeit. A., der gut Deutsch spricht, kann sie erfüllen.

Für einen Eritreer aus Zürich, der A. seit Jahren kennt, ist es «ein Rätsel» und «ein Schock», wie dieser zum mutmasslichen Mörder werden konnte. Gemäss seinen Angaben war der Verdächtige in der eritreischen Diaspora respektiert und als arbeitsam und zurückhaltend bekannt.

Vorgesetzter beschreibt ihn als motiviert

Zwar gab es auch Rückschläge. Eine Stelle bei einem Bauschlosser in Aarau verlor A. gemäss eigenen Angaben, als seinem Chef die Aufträge ausgingen. Er landete zwischenzeitlich auf dem Arbeitsamt.

Über die Vermittlung des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) kam A. bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) unter, wo er zuletzt in den Werkstätten arbeitete. Dort galt er sogar als Musterintegrierter.

Video: Die Pressekonferenz der Zürcher Polizei

Der Eritreer, der einen Jungen vor einen Zug gestossen hat, galt bei den VBZ lange als vorbildlicher Mitarbeiter. (Video: Tamedia)

«Er zeichnete sich durch einen starken Durchhaltewillen und eine super Arbeitsmoral aus», sagt Laetitia Hardegger, Kommunikationsverantwortliche beim SAH. Deshalb porträtierte das Hilfswerk A. in einem Jahresbericht als ein gelungenes Beispiel aus seinem Programm zur Integration von Sozialhilfebezügern in den Arbeitsmarkt. Sein VBZ-Vorgesetzter lobte ihn gleichenorts: «Er ist immer an der ‹Büetz› und nicht jemand, der rumplaudert oder rumsteht. Er ist wirklich engagiert und zuverlässig. Seine Freude war gross, als wir ihm eine Festanstellung angeboten haben.»

A. ist nicht aufzufinden

Dies geschah im November 2017, doch die Freude über die Arbeit in der Karosserie währte nicht allzu lang. Im Januar 2019 kam es zum Bruch mit den Verkehrsbetrieben: A. wurde wegen psychischer Probleme krankgeschrieben, gemäss der Kantonspolizei Zürich war er deswegen in ärztlicher Behandlung.

Doch davon hat die Polizei, wie sie am Dienstag beteuert, noch nichts gewusst, als sie am 25. Juli seinetwegen in den Wädenswiler Weiler ausrücken muss. Auch dort, an seinem Wohnsitz, galt A. als unauffällig, Nachbarn haben ihn nur vereinzelt gesehen. Seine Gattin fiel eher auf mit dem Kinderwagen und den drei gemeinsamen Kleinen, die manchmal vor dem Mehrfamilienhaus spielten.

Am Donnerstag hat A. dort eine Nachbarin angegriffen und mit Worten und einem Messer bedroht. Seine Familie und die Nachbarin sperrte er ein.

Als die Sicherheitskräfte vorfuhren, ist er geflüchtet. Das Messer nahm er mit, was für die Polizei ein Grund war, die Wohnung nicht zu durchsuchen. Überhaupt schätzte sie den Vorfall als nicht gravierend ein. «Wir hatten keine Hinweise, dass es ein gefährlicher Täter sein könnte», sagt der Zürcher Staatsanwalt, der sich nun mit A. beschäftigt. Ähnliche Vorfälle von häuslicher Gewalt gebe es im Kanton Zürich ein Dutzend – jeden Tag.

A. wird zur Fahndung ausgeschrieben, national, nicht international. Bezugspersonen werden gemäss der Polizei befragt, Bezugsorte aufgesucht. Doch A. ist nicht aufzufinden.

SVP schlachtet Tat aus

Er hat sich nach Deutschland abgesetzt, mit dem Zug von Basel nach Frankfurt, wie er aussagen wird. Dort kommt es am Montag zur Horrortat. Erst jetzt wird die Wohnung im Wädenswiler Weiler durchsucht, erst jetzt erfährt die Polizei von den psychischen Problemen von A. Die Mutter und die drei Kleinkinder bringt sie an einen sicheren Ort. Dort werden sie betreut.

Kaum wurde bekannt, dass es sich beim mutmasslichen Täter um einen Eritreer handelt, meldeten sich SVP-Exponenten wie Christoph Mörgeli sowie die Nationalräte Thomas Aeschi und Claudio Zanetti auf Twitter. Die Partei fordert schon lange die Ausreise eritreischer Flüchtlinge. Mörgeli fand: «Eritreer sind keine Flüchtlinge!» Aeschi forderte Bundesrätin Karin Keller-Sutter implizit auf, betreffend eritreischer Flüchtlinge eine Praxisänderung vorzunehmen, und Zanetti lamentierte: «Nun müssen wir schon von den deutschen Behörden über die im Schweizer Asylwesen herrschenden Missstände informiert werden.» Am liebsten hätten die SVPler, wenn die Mehrzahl der Eritreer aus der Schweiz in das autoritär regierte Land in Ostafrika geschickt würde.

Für Ron Halbright vom Eri-Info-Zentrum hingegen steht fest: «Bei häuslicher Gewalt sowie bei Tötungsdelikten, die auf psychische Probleme zurückzuführen sind, handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches – und bestimmt nicht um ein rein eritreisches – Problem.»

Erstellt: 30.07.2019, 22:43 Uhr

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