Er glaubte, er sei Wilhelm Tell

Ein Attentat des Schweizers Moritz Conradi verstimmte 1923 die Sowjets.

Conradis Leben nach der Tat: Frauengeschichten, Fremdenlegion, Fabrik und viel Alkohol. Foto: Wikipedia

Conradis Leben nach der Tat: Frauengeschichten, Fremdenlegion, Fabrik und viel Alkohol. Foto: Wikipedia

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Am Auffahrtstag 1923 betritt der junge Schweizer Moritz Conradi den Speisesaal des Hotels Cécil in Lausanne. Am Fenster sitzen hohe Sowjet-Funktionäre. Conradi geht auf sie zu, zieht seine Browning und feuert siebenmal. Der Lenin-Vertraute Watzlaw Worowski, zu einer internationalen Konferenz in die Schweiz abdelegiert, ist sofort tot. Zwei Begleiter sind schwer verletzt. Conradi kommentiert die Tat so: «Ich habe eine gute Sache vollbracht.»

Ein Schweizer Dokfilm schildert jetzt das Verbrechen, das die Beziehungen der Schweiz zum jungen Sowjetstaat ruiniert. «Die Affäre Conradi» hat morgen Premiere im Landesmuseum Zürich. Am 29. März läuft der Film auf SRF 1.

Conradi wird 1896 in St. Petersburg geboren. Sein Grossvater ist einst aus dem bündnerischen Andeer nach Russland ausgewandert; als Zuckerbäcker gründet er eine Schoggifabrik, in der später 500 Angestellte arbeiten.

Moritz Conradi wächst behütet auf und besucht eine teure Schule. Mit Sondergenehmigung des Zaren zieht er als Schweizer für Russland in den Ersten Weltkrieg. Dann kommt 1917 die Revolution mit Wladimir Lenin an der Spitze. Conradi kämpft auf der Seite der Zaristen, bis diese vollends unterliegen. Dann flieht er in die Schweiz. Der Herr Hauptmann aus hablichem Haus wird Zeichner bei Escher Wyss in Zürich und trinkt viel. Er hasst die, wie er sagt, «roten Hunde». Die Schoggifabrik in Russland ist verstaatlicht, der Vater dort verhungert.

Zaristische Kräfte im Exil geben Conradi das Geld für die Browning und nennen ihm Diplomat Worowski als Ziel. Der Prozess nach den tödlichen Schüssen von Lausanne: ein Witz. Die Sowjetunion ist dem Schweizer Bürgertum verhasst, weil es eine Revolution im eigenen Land fürchtet. Damen der Romandie verwöhnen Conradi in der Zelle mit Süssem. Der Verteidiger dreht die Sache um und setzt sozusagen Lenin und dessen Kommunismus auf die Anklagebank. Die Geschworenen sind voreingenommen. Im Saal dominieren russische Adelige.

Conradi wird freigesprochen. Moskau rast. «Das Verbrechen des Mörders ist voll und ganz das Verbrechen der Schweiz», heisst es in einer Regimezeitung. Mehr als zwei Jahrzehnte gibt es zwischen dem riesigen Land und dem kleinen Land keine diplomatischen Beziehungen und keinen Handelsverkehr. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg normalisiert sich das Verhältnis, als die Schweiz 10 000 internierte russische Soldaten an Sowjetdiktator Josef Stalin ausliefert.

Conradis Leben nach der Tat: Frauengeschichten, Fremdenlegion, Fabrik und viel Alkohol; in Genf in einem Cabaret beisst er eine Tänzerin in den Hals. Die Eröffnung der Schweizer Botschaft in Moskau – kurz vor seinem Tod 1947 in Chur – trifft ihn hart. Bis zuletzt hat er an dem Satz festgehalten, den er damals im Hotel Cécil in den Saal rief: «Ich bin der neue Wilhelm Tell.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2017, 22:52 Uhr

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