«Er hat es ja gesagt: Gewünscht sei eine Parallelgesellschaft»

Islamkennerin Saïda Keller-Messahli warnt vor dem islamischen Zentralrat. Die Gruppierung von Schweizer Konvertiten müsste verboten werden. Denn Gewalt sei Teil ihrer Ideologie.

Debatte vor dem Bundeshaus: Der Schweizer Konvertit Nicolas Blancho.

Debatte vor dem Bundeshaus: Der Schweizer Konvertit Nicolas Blancho. Bild: Keystone

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Frau Keller, der Chef des Migrationsamts, Alard Du Bois-Reymond, vergleicht islamistische Gruppierungen in der Schweiz mit der früheren RAF in Deutschland. Teilen Sie diese Einschätzung?
Zum Teil. Die RAF führte einen bewaffneten Kampf für Ihre Ideen und nahm dabei den Tod von Menschen in Kauf, die ihre Ideen nicht teilten. Die radikalen Islamisten in der Schweiz sind nicht bewaffnet – wenigstens nicht dass ich wüsste. Dennoch sollten wir diese Leute nicht verharmlosen: Sie haben eine Hirnwäsche hinter sich und sind bereit, sich bedingungslos für «den wahren Islam» einzusetzen. In ihrem Fanatismus ist die Idee der Gewalt bereits enthalten.

Im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit steht vor allem der islamische Zentralrat, der von Schweizer Konvertiten geführt wird.
Die Militanz und Verblendung der Mitglieder des Zentralrats gibt zu denken. Diese Islamisten haben radikal mit ihrer Vergangenheit gebrochen, nicht nur ihr Äusseres, sondern sogar ihren Namen geändert. Sie haben einen wichtigen Teil ihrer Identität amputiert. Sie treten plakativ mit Bart, Käppli und einem Gewand aus vergangenen Zeiten auf. Das ist ein Zeichen: Diese Leute haben keinen Bezug mehr zu ihrer Vergangenheit und zur Realität in der sie leben. Kurzum: Sie sind gegenüber ihrer Umwelt genauso radikal wie gegenüber sich selber.

In der Öffentlichkeit schlagen die Konvertiten aber gemässigte Töne an, anerkennen das Schweizer Rechtssystem und lehnen etwa die Einführung der Scharia ab.
Das tun diese Leute nur gegen aussen. In Tat und Wahrheit manipulieren sie die Leute und kultivieren einen doppelbödigen Diskurs. Herr Blancho hat es ja gesagt: gewünscht sei eine Parallelgesellschaft. Wer nicht so lebt wie die Islamisten, gilt aus ihrer Sicht als irregeleitet.

Geht denn von europäischen Konvertiten die grössere Gefahr aus, als von Muslimen aus dem arabischen Raum?
Im islamischen Raum schauen junge Menschen mit Bewunderung nach Europa. Jeder zweite Jugendliche träumt davon, in Europa zu leben. Die Flüchtlingstragödien im Mittelmeer zeugen von diesem Traum. Wenn sich nun ausgerechnet ein Europäer und Christ von den Werten Fortschritt, Aufklärung und Menschenrechte abwendet und sich stattdessen zum fundamentalistischen Islam bekennt, hat das für diese Leute sehr viel Bedeutung. Zumal dieser Trend auch von den arabischen Medien wie Al-Jazeera ausgeschlachtet wird. Der Sender produziert Sendungen, in denen sogenannte prominente Konvertiten lang und breit über ihre Erleuchtung sprechen. Das wird mit Genuss und ohne kritischen Kommentar zur Schau gestellt.

Bestehen Beziehungen der Islamisten in der Schweiz zu arabischen Gruppierungen?
Es ist kein Geheimnis, dass zum Beispiel der Prediger Pierre Vogel in Saudiarabien eine Ausbildung genoss. Es ist davon auszugehen, dass auch Schweizer Konvertiten dort geschult werden und enge Verbindungen zu dort ansässigen radikalen Gruppen bestehen.

Die Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids) hat am Wochenende das Gespräch mit dem islamischen Zentralrat gesucht. Gibt es Ihrem Ermessen nach Anlass zu diesem Dialog?
Aus meiner Sicht kann ein Dialog mit Menschen, die totalitäre Vorstellungen haben und davon überzeugt sind, dass sie allein im Besitz der Wahrheit sind, nicht ergiebig sein. Möglicherweise meint Fids-Präsident Hisham Maizar, er könne dort verlorene Schäfchen abholen. Doch Maizar wird im Zentralrat Wölfe finden. Die muslimischen Verbände müssen sich heute entscheiden: Wollen sie sich von rechts ködern lassen oder wollen sie klarer für die Menschenrechte einstehen?

Führt eine Ausgrenzung nicht zu einer weiteren Radikalisierung dieser Gruppierungen?
Können sich denn diese Leute noch mehr radikalisieren? Ich bin der Auffassung, dass es sinnlos ist, mit Menschen einen Dialog zu führen, die eine totalitäre Haltung vertreten, denn diese Leute werden kein Jota von ihrer Weltanschauung abrücken.

Maizar glaubt, dass der Zentralrat frustrierte Jugendliche anspricht und diesen eine neue Perspektive gibt. Vor diesem Hintergrund dürfe man diese Leute nicht einfach vor den Kopf stossen.
Von was für einer Perspektive sprechen wir denn hier? Es ist die Perspektive des Fanatismus. Und gegen diese müssen wir Stellung beziehen. Die Jugendlichen müssen merken, dass wir den Mut haben, diesen Leuten Einhalt zu gebieten. Nur so können wir verhindern, dass sie diesen Rattenfängern auf den Leim kriechen.

Wie gut gelingt es den Islamisten denn, junge Leute für ihre radikalen Ansichten zu mobilisieren?
Nach der Annahme der Minarett-Initiative sind viele Muslime in der Schweiz frustriert. Sie fühlen sich abgewiesen. Das weiss natürlich der Zentralrat – und versucht, daraus Kapital zu schlagen. Ich glaube aber nicht, dass er in diesem Unterfangen allzu erfolgreich ist: Der Zentralrat spricht von 1000 passiven Mitgliedern. Ich glaube ihm kein Wort. Ausser einer Handvoll Schweizer Konvertiten und ein paar weiteren Gesinnungsgenossen, kenne ich keine Muslime, die die Weltanschauung des politischen Islams teilen, auch nicht im konservativen Lager.

Treten Sie für ein Verbot des islamischen Zentralrats ein?
Ja, so wie auch rechtsextreme Parteien verboten werden können – im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2010, 12:19 Uhr

«Es ist sinnlos, mit diesen Menschen einen Dialog zu führen»: Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. (Bild: Hanspeter Hänni)

Zur Person

Saïda Keller-Messahli ist Präsidentin des Forums für einen Fortschrittlichen Islam (FFI). Die gebürtige Tunesierin lebt in Zürich. Das FFI vertritt Schweizer Muslime und Musliminnen, die für «die Befreiung des Islams aus der festgefahrenen kulturfeindlichen Sackgasse» eintreten.

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