Porträt

Er hilft Managern und Muslimen

Johannes Czwalina zahlt die Bussen muslimischer Familien, die ihre Töchter nicht in den Schwimmunterricht lassen. Er will das Gute fördern, irritiert damit aber auch.

Johannes Czwalina: Integrieren, nicht strafen.

Johannes Czwalina: Integrieren, nicht strafen. Bild: Lucian Hunziker

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er steht nachdenklich da, pastell gekleidet, schaut zum Fenster hinaus und sagt: «Ich verstehe das nicht.» Johannes Czwalina bekam gegen 100 Hassbriefe und mehrere Todesdrohungen. Mit solch rassistischen Ausfällen musste er rechnen. Aber dass er öffentlich kritisiert wird, wenn er sich in Basel für religiöse Minderheiten einsetzt: Das will ihm nicht in den Kopf. Der 58-jährige entstammt einem alten deutschen Geschlecht, studierte in Israel und der Schweiz Archäologie, dann protestantische Theologie. Er ist zum zweiten Mal verheiratet, arbeitet in Riehen an der deutschen Grenze und betreibt ein Zweitbüro in seiner Heimatstadt Berlin.

Pfarrer und Unternehmensberater

«Meine gemeinnützige Arbeit wird hier aufgefasst, als wolle ich die Schweizer belehren», sagt Czwalina. «Nichts läge mir ferner.» Er lebt seit bald 40 Jahren hier, seit Mitte der 80er-Jahre als Schweizer Bürger.

Johannes Czwalina will auch nicht belehren, er will wirken. 30 Prozent seiner Arbeit, sagt der ehemalige Pfarrer und jetzige Unternehmensberater, verrichte er für gute Zwecke. Dabei empfängt er Kaderleute in der Krise, die kein Geld für teure Kurse haben. Er beherbergt eine junge Pakistanerin, die eine Zwangsheirat ausschlug und vor der Blutrache ihrer Familie geflohen ist. Er hat im ehemaligen deutschen Bahnwärterhäuschen von Riehen – es liegt schräg gegenüber seinem Büro – ein kleines Mahnmal eingerichtet: für Flüchtlinge aus dem Zweiten Weltkrieg. Es gruppiert allegorische Bilder zum Thema mit einer übersichtlichen Bibliothek.

Gilt das Gesetz wirklich für alle?

Die Hassbriefe hat sich Czwalina eingehandelt, als er sich im letzten Sommer per Inserat anerbot, fünf muslimischen Familien die Bussen der Basler Regierung zu zahlen. Die Familien weigern sich, ihre Töchter in den gemeinsamen Schwimmunterricht zu schicken. Die Regierung hat sie nach mehreren Gesprächen mit je 350 Franken gebüsst. Da sie auch ihre jüngeren Töchter fernhalten wollen, drohen weitere Bussen. Czwalina will auch diese übernehmen. Warum tut er das?

«Wenn ich von etwas überzeugt bin, ziehe ich es durch», sagt er. Das habe mit seinem hoch entwickelten Gerechtigkeitsempfinden zu tun. Warum würden muslimische Familien gebüsst, während jüdische Kinder einen eigenen Kindergarten besuchen könnten und er mehrere evangelikale Familien kenne, die ihre Kinder ebenfalls nicht ins gemischte Schwimmen schickten? Basel habe eine grosse humanistische Tradition. «Diese empfindlichen Strafen aber, die der Wertschätzung entbehren, betreiben das Gegenteil der Integration.» Und sie verletzten das religiöse Schamgefühl dieser Menschen. Er selber, sagt der vierfache Familienvater, habe mit dem gemeinsamen Schwimmen übrigens keine Probleme.

Johannes Czwalina sei «sehr beseelt», sagt trocken der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann. Dennoch verstehe er dessen Empörung nicht. Das Gesetz gelte für alle und garantiere die Trennung von Kirche und Staat. Sollten Lehrerinnen und Lehrer mit evangelikalen Familien Probleme bekommen, würden diese genauso gebüsst. Eymann irritiert auch, wie viel über fünf renitente Familien geschrieben wird und wie wenig über die 1600 muslimischen Kinder, die jedes Jahr die Basler Schulen besuchen. Und mitschwimmen.

Mit gespielter Bescheidenheit

Czwalina hat wohl Recht mit seinem Eindruck, als belehrender Deutscher wahrgenommen zu werden. Dabei ist an seinem Engagement und seinem Bürgermut nicht zu zweifeln. Dass man ihn aber für seine Taten zu wenig schätzt: Das könnte damit zu tun haben, dass er selber so gerne davon erzählt.

Davon zeugt schon die breite Datenspur, die er in der Presse hinterlässt. Er mag schon lange kein Pfarrer mehr sein, redet aber immer noch wie einer. Weich durchschreitet er den Raum, preist mit sorgfältig gezügelten Gesten und im Tonfall der gespielten Bescheidenheit sein Wirken. Wie er die deutsche Wirtschaftsspitze berät und ihr als Vermittler hilft. Wie er weltweit von Führungskräften aufgesucht werde, «weil meine unkonventionelle Erfahrung in der Managerberatung neue Blicke und Lösungen ermöglichen». Dazwischen verteilt er routinierte Bekenntnisse: «Es gehört zu meinem Schicksal, dass ich viele Themen einsam durchgegangen bin.»

Was er als Protestant und Theologe und Unternehmensberater dem Papst raten würde, fragt man ihn zwischendurch. Er überlegt. «Er soll aufhören, seine eigene Unfehlbarkeit zu verkünden.» Johannes Czwalina hält sich nicht für unfehlbar. Und hört nicht auf, darüber zu reden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2011, 22:25 Uhr

Artikel zum Thema

«Es ist für die SP wichtig, dass wir in der Asylpolitik glaubwürdig werden»

Bilanz SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga erarbeitet ein Integrationskonzept. Ausländerrechte sollen vermehrt an Bedingungen geknüpft werden, sagte sie an ihrer Pressekonferenz zu den ersten 100 Amtstagen in Bern. Mehr...

«Wir haben 40 Jahre lang falsche Einwanderungspolitik gemacht»

Grosse Fragen zum Jahreswechsel: Der EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit über Unfähigkeit der regierenden Politiker. Über deren Angst, mutig für eine Vertiefung der europäischen Integration einzustehen. Und über die Schweiz. Mehr...

Integration auf Schweizer Art

Die Praxis für die Integration von Menschen aus dem Ausland soll vereinheitlicht werden – im ganzen Land. Der Nationalrat stimmte einer entsprechenden Motion klar zu. Mehr...

Dossiers

Kommentare

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...