Er ist radikaler und findet doch mehr Freunde

Olivier Kessler ist ein aufsteigender Kopf der SVP: Er präsidiert die «No Billag»-Initiative und führt bald die «Schweizerzeit».

SVP-Newcomer Olivier Kessler will nicht konservieren, sondern revolutionieren. Foto: Urs Jaudas

SVP-Newcomer Olivier Kessler will nicht konservieren, sondern revolutionieren. Foto: Urs Jaudas

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Blochers Kinder im Geist werden flügge. Das war eine der Erkenntnisse, die sich aus dem Fernsehabend des 19. Juni ziehen liessen. Eine gute Stunde lang war nämlich in der «Arena» des Schweizer Fernsehens SRF ein junger Mann beim Voranflug zu beobachten.

Es war die «No Billag»-Initiative, der er an diesem Abend und seither in verschiedenen Medien ein Gesicht gegeben hat: ein Volksanliegen, das die Streichung der SRF-Gebühren verlangt – und das eine SVP-Generation zuvor kaum denkbar gewesen wäre. «No Billag» ist das Produkt eines Loslöseprozesses. Und Olivier Kessler, das Gesicht mit dem akkurat gestutzten Bart, das dank der «Arena» nun so viele kennen, steht selber für diesen Prozess.

Freund und Feind tun gut daran, Kesslers Gesicht zu kennen, denn der 28-Jährige ist nicht irgendwer. Noch im laufenden Jahr wird er in Nachfolge von Alt-Nationalrat Ulrich Schlüer die Chefredaktion der «Schweizerzeit» übernehmen, mittelfristig auch den Verlag. Damit wird die neue, andere SVP zur Spitze der nationalkonservativen Publizistik aufsteigen, mit schwer absehbaren Folgen. Denn das Neue, Andere, für das Kessler steht, höhlt zuallererst den Begriff «nationalkonservativ» aus. Es ist nicht so, dass Kesslers Positionen nicht SVP-konform wären. Nur geht er viel weiter, als man es sich bisher gewohnt war. Kessler will im Grunde nicht konservieren, sondern revolutionieren.

Begeisterung für Baader

Die politische Sozialisierung verlief konventionell. Kindheit in Wollerau SZ, in einem bürgerlich, aber noch nicht SVP wählenden Elternhaus, ein negatives Erlebnis als 14-Jähriger mit jungen Ausländern, Ärger über Rassismusvorwürfe, ab da Engagement in der lokalen SVP-Sektion, Leserbriefe in der Lokalpresse zu allen möglichen Themen, von EU bis zu Sozialhilfe, stets auf Parteilinie.

Doch irgendwann beginnt sich Kessler für die Schriften Roland Baaders zu begeistern. Und jene von Baaders Mentoren, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, die Patronage der libertären Denkschule. Das daraus erwachsende gedankliche Gepräge schafft Differenzen zu Übervater Christoph Blocher. Dieser vertritt zwar neoliberale Positionen. Doch seine Referenzgrössen – Niklaus von der Flüe, Gottfried Keller, Winston Churchill – sind keine Revolutionäre, und es sind keine Ökonomen: Mit heimatverbundener Aphoristik liefern sie Blocher intellektuelle Andachtsstätten, die vielen jungen, SVP-affinen Rechten à la Kessler nicht mehr genügen. Sie wollen Kathedralen – die Baader-Ökonomik bietet sie ihnen. Baaders Traktate, eine Mischung aus parfümierter Theologenmetaphorik und Dr.-oec.-Jargon, vermitteln ein elaboriertes Weltbild mit glasklarer Zweiteilung: hier «der Staat», verantwortlich für sämtliches Weltenleid, dort «der Markt» als sein ­naturrechtlich-guter Gegenpol. Hier «die Lüge», kondensiert im Sozialismus, dort «die Wahrheit», kondensiert in der Baader-Lehre. Die Staatsablehnung geht so weit, dass selbst das Gewaltmonopol unter Verdacht steht.

Auch bei Olivier Kessler. Es sei eine «philosophisch interessante Frage», sagt er, ob man nicht «die Sicherheit konkurrierenden Versicherern übertragen sollte» – wie das der Philosoph Hans-Hermann Hoppe fordere (auch er ein ­libertärer Denker). Die Faszination für solche Gedankenspiele teilt Kessler mit vielen Gleichgesinnten und -altrigen – und diese bringt Allianzen hervor. Die «No Billag»-Initiative ist nicht einfach eine SVP-Initiative. Co-Präsident ist neben Kessler der Jungfreisinnige Florian Maier. Kessler und er haben sich an ­einer Veranstaltung mit dem Titel «Endstation Sozialismus» kennengelernt. «Wir stellten fest, dass es in Volksabstimmungen meist darum geht, den Status quo gegen antifreiheitliche Vorlagen zu verteidigen. Darum dachten wir uns ein Projekt aus, das für einmal ein Plus an Freiheit bringen könnte», sagt Kessler. Überhaupt: «Die Zusammenarbeit mit den Jungfreisinnigen funktioniert sehr gut. Ich stelle dort seit einigen Jahren einen beachtlichen Wandel fest. Immer mehr Jungfreisinnige entwickeln ein echt freiheitliches Gedankengut.»

«Heute habe ich den Eindruck, dass unsere Gesellschaft verblödet.» SVP-Politiker Olivier Kessler

Maurus Zeier, Chef der Jungfreisinnigen, hält zwar fest, dass nur ein kleiner Teil seiner Partei wirklich libertär sei. Auch er bestätigt aber das gute Einvernehmen mit der rechten Konkurrenz. Die junge, neue, libertär-intellektuelle SVP schafft das Kunststück, radikaler und zugleich integrativer als die Exponenten der Mutterpartei zu sein. Eine ­internationale Denkschule, die parteiübergreifende Nestwärme schafft, der Vorrang der Ökonomie vor allen anderen Themen – das sind Kennzeichen dieser jungen Rechten, die neben Kessler beispielsweise auch der St. Galler Nationalrat Lukas Reimann perfekt verkörpert, ebenso gewisse Redaktoren von «Basler Zeitung» und «Weltwoche».

Die Entwicklung birgt für die SVP auch Risiken. Nach wie vor liegt der Basis das Ausländerthema näher als anarchokapitalistische Theorien der Baader-Schule. Der Aufstieg von Figuren wie Kessler – der an der Hochschule St. Gallen International Affairs & Governance studiert hat – könnte die Partei vor Herausforderungen eigener Art stellen.

Immerhin: Gemeinsamkeiten mit der alten Blocher-SVP bestehen noch in Fülle. «Als vorbildliche Gesellschaft sehe ich am ehesten die Schweiz, wie sie vor ein paar Jahrzehnten einmal war», sagt Kessler. «Heute habe ich zum Teil den Eindruck, dass unsere Gesellschaft verblödet. Man sieht das etwa daran, wie sich die Leute wegen den von der Zentralbank heruntermanipulierten Zinsen hirnlos mit Konsumkrediten verschulden. Heute will man immer alles sofort bekommen.»

Hier erinnert Kessler tatsächlich an Blocher. Weniger wegen der Positionen. Eher wegen der Traurigkeit, des Pessimismus.

Erstellt: 01.07.2015, 00:09 Uhr

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