Er täuschte sie alle

Der Sozialarbeiter T. B. war in seinem Beruf engagiert und erfolgreich wie kaum ein anderer. Gleichzeitig missbrauchte er während Jahren zahlreiche Kinder. Wie ist das möglich?

Der Täter arbeitete von 2001 bis 2008 in Köniz: Unter anderem im Schulhaus Liebefeld Steinhölzli. (Bild: Valérie Chételat)

Der Täter arbeitete von 2001 bis 2008 in Köniz: Unter anderem im Schulhaus Liebefeld Steinhölzli. (Bild: Valérie Chételat)

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Er war engagiert und charismatisch, unkompliziert und offen, kreativ, beliebt, erfolgreich. Und er täuschte sie alle. Die Eltern. Seine Arbeitgeber und Kollegen. Journalisten, die über ihn berichteten. Und einen Grossteil der von ihm betreuten Kinder und Jugendlichen. Mindestens zwanzig von ihnen jedoch erfuhren, wie T. B. wirklich war. Pädosexuell.

Meist im Alter zwischen zehn und elf Jahren belästigte der Vorzeigepädagoge seine Opfer erstmals sexuell, in seiner Wohnung oder in zugemieteten Alphütten. Teilweise liess er sie Alkohol und Tabak konsumieren. Viele hatte er als Sozialarbeiter an Schulen kennen gelernt und sich privat mit ihnen getroffen.

Am Dienstag informiert die Kantonspolizei Bern über die im Januar 2012 eingeleiteten und mittlerweile abgeschlossenen Ermittlungen gegen den heute 43-jährigen Mann. Er befindet sich in Untersuchungshaft. Die ersten Vorfälle hätten sich 1996 ereignet, es sei nicht auszuschliessen, dass es noch weitere Opfer gebe, so die Polizei. Sofort nahmen die Medien die Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe auf. Die Reaktionen darauf fielen umso heftiger aus, als bekannt wurde, dass mehrere Arbeitgeber vom Verdacht des Missbrauchs wussten, sogar aktiv wurden – den Mann jedoch nicht stoppen konnten.

Schulleitung informiert

In der Berner Gemeinde Köniz etwa, wo T. B. ab 2001 angestellt war, erfuhr eine Lehrerin im Jahr 2002, er habe an seinem früheren Arbeitsort sexuelle Übergriffe begangen. Die Überbringerin der Nachricht war eine Lehrerin aus Oberwil im Baselbiet, ebendort hatte der Sozialarbeiter bis 2001 gearbeitet. Die Könizer Lehrerin meldete den Verdacht der Schulleitung, die unverzüglich ein internes Verfahren einleitete. Während rund vier Monaten untersuchte man den Verdacht, fragte bei Fachstellen um Rat – und konfrontierte den Mann schliesslich mit den Vorwürfen. Er stritt sie ab.

Auch ein Anruf nach Oberwil mit der Einwilligung von T. B. konnte den Verdacht nicht erhärten: Sein früherer Arbeitgeber wusste nach eigenen Angaben von nichts. Die Überbringerin der Nachricht selbst kontaktierten die Könizer nicht, wie Ueli Studer sagt, SVP-Gemeinderat und Präsident der Zentralen Schulkommission von Köniz. Stattdessen habe man entschieden, T. B. müsse bei Schulausflügen stets von einer zweiten Person begleitet werden. «Aufgrund eines nicht erhärteten Gerüchts konnten wir ihn nicht entlassen», sagt Studer.

Kündigung nach juristischer Abklärung

Auch bei der Solothurner Fachstelle Perspektive ging im Frühling 2010 ein Anruf ein, diesmal von einer «Privatperson», die zu Protokoll gab, «es sei einmal etwas mit ihm gewesen», wie Geschäftsleiterin Karin Stoop sagt. Sie konfrontierte ihren Mitarbeiter, der seit Mai 2008 für Schulen in Derendingen tätig war, mit den Vorwürfen. Er stritt sie ab. Daraufhin gab Stoop einer Anwältin den Auftrag, den Verdacht mit ihm «aus dem Weg zu räumen», wie sie sagt.

Wenige Wochen später kündigte der Sozialarbeiter seine Stelle. «Es ist denkbar, dass ihn die juristische Abklärung unter Druck setzte. Vielleicht war es aber auch nur Zufall», sagt Stoop. Und: «Heute fragen mich viele, wie ich nur so naiv sein konnte, ihm zu vertrauen. Aber ich tat es eben, wie alle anderen auch. Er begegnete uns nicht als Monster.»

Auch die deutsche Sinn-Stiftung vertraute T. B. – genauso wie zahlreiche Journalisten, die über den Vorzeigepädagogen berichteten. Der «SonntagsBlick» etwa publizierte im September 2010 eine vierseitige Reportage mit dem Titel «Alp der Hoffnung». Auf einer Alp im Berner Oberland betreute der Sozialarbeiter im Auftrag der Sinn-Stifung zusammen mit einer Kollegin während fünf Wochen sechs Kinder, die unter ADHS litten. Sie sollten versuchen, zur Ruhe zu kommen – ohne Ritalin. Heute sagt Christian Rauschenfels, Gründer der Sinn-Stifung: «Wir bedauern es zutiefst, dass es uns trotz höchster Aufmerksamkeit nicht gelungen ist, die pädosexuellen Neigungen des Herrn B. zu erkennen.» Er habe seine Taten offenbar «strategisch geplant».

Auf Anzeige verzichtet

Im Juni 2011 hatten sich Eltern eines Opfers bei der Sinn-Stiftung gemeldet. Doch diese verzichtete auf Anraten ihres Rechtsberaters auf eine Anzeige – und brach die Zusammenarbeit mit T. B. sofort ab. Wenige Tage später wäre er für ein zweites Lager ins Berner Oberland gereist. Auch die Eltern des Opfers entschieden sich zu dessen Schutz gegen eine Anzeige.

Studer, Stoop, Rauschenfels – sie alle betonen, dass sie unternommen hätten, was in ihrer Macht gestanden sei. Zur Polizei hätten sie nicht gehen können und dürfen, da es sich einzig um Verdächtigungen gehandelt habe. «Eine Anzeige hätte den Charakter einer Verleumdung gehabt», sagt Rauschenfels. Auch der Zürcher Oberstaatsanwalt Andreas Brunner und Spezialist für strafrechtlichen Kinderschutz warnt vor zu frühen Anzeigen bei der Polizei. Man könne Existenzen zerstören, wenn Gerüchte die Runde machten, an denen – wie sich später herausstelle – nichts dran sei.

«Konfrontation ist falsch»

Trotzdem kritisiert Brunner die ehemaligen Arbeitgeber: «Die direkte Konfrontation von mutmasslichen Tätern ist falsch. Erstens nützt sie nichts, weil diese ihre Taten in aller Regel abstreiten. Zweitens birgt sie die Gefahr, dass Beweise zerstört werden.» Oft würden pädosexuelle Täter äusserst dreist agieren, wenn sie merkten, dass man ihnen auf der Spur sei. Vordergründig jedoch wirkten sie offen und freundlich. Gerade pädosexuelle Pädagogen seien zudem äusserst beliebt. «Damit können sie sich regelrecht einen Schutzwall aufbauen. Alle vertrauen ihnen», sagt der Oberstaatsanwalt. Das einzig Richtige ist laut Brunner, bei entsprechenden Hinweisen möglichst rasch Kontakt mit einer Opferberatungsstelle aufzunehmen. Gemeinsam könne man entscheiden, was die nächsten Schritte seien, was man tun müsse – und was nicht. Der direkte Gang zur Polizei sei dann angezeigt, wenn man jemanden in flagranti erwische oder der Verdacht wirklich erhärtet sei. Direkte Konfrontation statt Meldung bei der Opferberatungsstelle. Entlassung mit dem Risiko, dass der mutmassliche Täter am nächsten Ort weitere Opfer findet. Eine Kündigung annehmen und damit akzeptieren: Das Problem ist aus dem eigenen Sichtfeld verschwunden – jedoch nicht gelöst. All das kann Brunner durchaus nachvollziehen, wie er sagt: «Wer will in seinem Arbeitsumfeld schon einen sexuellen Ausbeuter haben? Niemand. Also versucht man, Ordnung im Laden zu machen. Doch selbst handeln ist höchst problematisch.»

«Lieber zu viel als zu wenig»

Ähnlich äussert sich Regula Schwager, die als Psychologin und Psychotherapeutin bei der Opferberatungsstelle Castagna arbeitet. Schulen und Gemeindebehörden sollten keinesfalls selbst ermitteln oder die verdächtigte Person mit Vorwürfen konfrontieren. Im Gegensatz zu Brunner ist sie jedoch fest davon überzeugt, man solle «lieber zu viel bei der Polizei melden als zu wenig». Konkret heisse das: «Sobald man Anhaltspunkte hat, dass ein Offizialdelikt passiert ist, muss man handeln.» Aus Sicht der Psychologin reichen Beobachtungen oder Aussagen wie etwa diejenige der Oberwiler Lehrerin für den Gang zur Polizei aus. Für Brunner hingegen ist ein solcher Telefonanruf zu wenig.

Was aber passiert, wenn der vermeintliche Täter in Wirklichkeit unschuldig ist? Die falschen Gerüchte womöglich seine Existenz zerstören? «Eine Falschbeschuldigung ist eine Katastrophe», sagt Schwager. «Doch der Existenz eines Einzelnen steht die Existenz Hunderter potenzieller Opfer gegenüber. Wegschauen ist am schlimmsten.» Wenn jemand nicht zur Polizei gehen wolle, solle er immerhin möglichst rasch eine Opferberatungsstelle aufsuchen. Dort könne man «zuhören, abschätzen und allenfalls zur Anzeige raten». Kürzlich habe sie nach dem Sieg einer Schwimmmannschaft einer Mutter erklärt, dass es unverdächtig sei, dass der Trainer die Kinder zur Gratulation umarmt habe. «Wir wollen nicht hysterisch reagieren», sagt Schwager. «Doch wir müssen alle Verdachtsmomente ernst nehmen. Es könnten so schwere Delikte dahinterstehen wie im Fall von T. B.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2013, 13:31 Uhr

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