Er verkauft alles, was in Bern wertvoll ist

Vom Politkonzept bis zum Tête-à-Tête mit einem Bundesrat: Lorenz Furrer kann es seinen Kunden besorgen. Jetzt kämpft der Lobbyist für das Geldspielgesetz.

Lorenz Furrers Beliebtheit ist bemerkenswert. Zumal in der Branche oft erbittert um Geld und Macht gekämpft wird. Foto: Nicole Philipp

Lorenz Furrers Beliebtheit ist bemerkenswert. Zumal in der Branche oft erbittert um Geld und Macht gekämpft wird. Foto: Nicole Philipp

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Wer im Bundeshaus etwas erreichen will und ein bisschen Budget hat, der wird früher oder später in diesem Büro anklopfen. Es liegt auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Bundesplatz, es ist chic eingerichtet mit unverbindlicher Gegenwartskunst, und es wird behaust von einem Mann, der schneller Duzis macht, als man seine Jacke ausziehen kann. Dem Lorenz Furrer. Dem Löru.

Wenn man die Jacke später wieder anzieht, hat man bestimmt ein sehr positives Gefühl mit diesem Löru. Und wenn das Budget reicht, zahlt man wohl auch gern für das, was er vorgeschlagen hat. Auch wenn der Preis, man muss es sagen, ein stolzer ist.

Lorenz Furrer, ein Pfarrerssohn von 50 Jahren, hält wenig von protestantischer Bescheidenheit. «Wir zählen sicher zu den teureren Agenturen auf dem Platz Bern», sagt er. Aber das sei auch richtig so. Denn wenn einer seiner Mitarbeiter drei, vier Tage an einem Konzeptpapier arbeite, dann sei da auch eine Leistung vorhanden und ein Preis von 10'000 Franken für das Konzept schon angemessen. «Und wenn ein Kunde einen Termin braucht mit einem Bundesrat, und zwar schnell, dann ist klar, dass das Ergebnis zählt und ich nicht einfach die Viertelstunde verrechne, die ich dafür mit dem Departement telefonieren muss.»

Der Löru, sagen viele in Bern, sei eigentlich ein Künstler.

In der Bundesstadt gibt es viele, die die Politik und das Geld zusammen­führen. Aber niemand tut es mit so viel Leichtigkeit wie Lorenz Furrer. Und kaum jemand lebt besser davon.

In Bern kennt man ihn aus drei Gründen. Erstens: Er ist der Partner von Nicole Loeb, der Erbin und Chefin des Warenhauses in der oberen Altstadt. Das Paar wohnt im Vorort Muri, verbringt die Freizeit aber gern im kürzlich umgebauten Chalet in Schönried bei Gstaad.

Zweitens: Lorenz Furrer ist Mitgründer der Erfolgsagentur Furrerhugi. Sie setzt mit Lobbying und PR rund 10 Millionen Franken pro Jahr um, unterhält Niederlassungen in Zürich, Brüssel, Lausanne und Lugano und beschäftigt rund 50 Mitarbeiter.

Häufig auf der Gewinnerseite

Drittens: Lorenz Furrer ist der wahrscheinlich herzlichste, grosszügigste und netteste Mensch in Bern. Alle mögen ihn. Sogar die Konkurrenten. Sie schnöden vielleicht hie und da ein wenig über den Furrerhugi-Hype und weisen auf die (branchentypisch) hohe Personalfluktuation und die (wenigen) geschäftlichen Misserfolge hin. Aber zum Löru fällt ihnen nichts Negatives ein, höchstens, dass er etwas chaotisch sei, aber halt auch sehr kreativ. Eigentlich, sagen viele, sei er ein Künstler.

Lorenz Furrers Beliebtheit ist bemerkenswert. Zumal in dieser Branche, in der oft erbittert um Geld und Macht und Vertrauen gekämpft wird und Furrer am Schluss häufig auf der Gewinnerseite steht.

Die allererste Kundin

In diesen Tagen allerdings befindet er sich in einer delikaten Situation. Wenn die Schweiz am 10. Juni über das neue Geldspielgesetz abstimmt, steht für Furrer viel auf dem Spiel. Er begleitet das Geschäft seit Ewigkeiten. Berner Lobbyisten erinnern sich, wie er schon vor Jahren – lange bevor das Gesetz ins Parlament kam – vorsichtig die Interessenlage auslotete und Allianzen schmiedete.

Für Swisslos und Loterie Romande, zwei von Furrers wichtigsten Kunden, hat sich die Arbeit gelohnt: Das Geldspielgesetz erhöht den Spielreiz, weil Lotteriegewinne bis 1 Million Franken künftig steuerfrei sind. Und es schottet den inländischen Markt ab, weil die ­Behörden die Websites ausländischer Anbieter von Glücksspielen und Sportwetten einfach ausknipsen können. Das Gesetz ist ein Lottosechser für die inländische Glücksspielbranche.

Doch die ursprüngliche Strategie von Lorenz Furrer, Swisslos und Co., das Gesetz ganz leise durchs Parlament zu schleusen, scheiterte. Angefeuert von ausländischen Casinos, bekämpfen Jungparteien von links bis rechts die Vorlage. Zuletzt schlossen sich auch die FDP Schweiz, die Grünen und wichtige SVP-Sektionen dem Widerstand an. Das Momentum liegt bei den Gegnern.

24 Mitarbeiter bereits nach 5 Jahren

Das ist ungewohnt für Furrer. Er muss die Dynamik umdrehen. Er sei aktiv, bestätigt Furrer, «aber nur im Hintergrund». Dort tut er, was er wie kein anderer beherrscht: Er bringt Leute zusammen. Journalisten und Experten, Influencer und Geldgeber, Politiker und Promis aus Sport und Kultur. Furrer baut darauf, dass in diesen Begegnungen jene Kampagnenideen und Medienbeiträge entstehen, die die Stimmung dort draussen noch drehen können.

Dass sich Furrer so ins Zeug legt, kommt nicht von ungefähr. Er hat der Schweizerischen Lotteriegesellschaft Swisslos viel zu verdanken. Sie war seine erste Kundin. Das war 2006, als Furrer sich nach einigen Jahren in Kommunikation und PR mit dem damaligen Sekretär der FDP Zürich, Andreas Hugi, zusammentat. Verkuppelt hat die beiden übrigens FDP-Ständerat Ruedi Noser.

100'000 Franken habe das Swisslos-Mandat eingebracht, erzählt Furrer. Damit finanzierten sich die beiden Junglobbyisten einen Lohn von 5000 Franken, eine Teilzeitsekretärin und ein kleines Büro schräg vis-à-vis dem Bundeshaus. Den Teppich mussten sie noch eigenhändig rausreissen. Aber kaum waren die Visitenkarten gedruckt, blieb für Handwerkerarbeiten keine Zeit mehr. Zwei Jahre nach der Gründung eröffneten Furrer und Hugi bereits das Büro in Brüssel. Beim 5-Jahr-Jubiläum zählte die einstige Zweimannbude bereits zwei Dutzend Mitarbeiter.

Lobbying per Lammnierstück

Das Erfolgsgeheimnis: Furrer und der zurückhaltendere Andreas Hugi kommen zur richtigen Zeit mit dem richtigen Produkt. Mitte der Nullerjahre ist die Ära des alten Wirtschaftsfilzes in Bern abgelaufen. Die Manager in den globalisierten Unternehmen lehnen Branchenlösungen und Hinterzimmerkartelle ab und zweifeln an den schwerfälligen Verbänden. Sie wollen ihr eigenes Ding drehen, Lobbying nach dem angelsächsischen Vorbild betreiben: selbstbewusst, transparent, flexibel und effektiv. Furrer und Hugi, beide freisinnig und wirtschaftsfreundlich, bedienen dieses Bedürfnis.

Sie machen ihre Mandate publik. Sie reden mit den Medien offen über ihre Arbeit. Sie geben dem Lobbying ein Gesicht und nehmen ihm damit seinen Schrecken. Sie sind erfinderisch bei der Kundenakquisition: Furrer und Hugi richten ein elektronisches Frühwarnsystem für politische Prozesse ein. Fortan bieten sie Kunden massgeschneiderte Lobbyinglösungen an, um Probleme aus der Welt zu schaffen, von welchen die Kunden noch gar nicht wissen, dass sie existieren. Mit der nötigen Flexibilität ist jedes Gesetz eine gutes Geschäft.

Viele Kunden, viele Konflikte

Und nicht zuletzt verstehen sie etwas von der hohen Kunst des Feierns. Lobbying sei früher eine sehr protestantische Angelegenheit gewesen, erzählt eine Branchenvertreterin. Erst habe man einen Termin mit einem Politiker vereinbart. Dann habe man ihn im Bundeshaus getroffen. Dann sei man ins Büro zurückgekehrt, um einen Bericht zu schreiben. «Lorenz Furrer machte das anders. Er lud alle wichtigen Leute zu einem grossen Apéro ein und redete mit allen und schaute, dass alle eine gute Zeit hatten. Das machte nicht nur mehr Spass, es war auch viel effektiver.»

Als die Konkurrenz nach einigen Jahren ebenfalls begann, regelmässiger Apéros auszurichten, legte Furrer wieder vor. Im diskreten dritten Ober­geschoss der Agentur eröffnete er ein ­Privatrestaurant mit vier Tischen, den Clé de Berne. Um die Entrecotes kümmerte sich anfänglich ein Michelin-­Sterne-Koch. Vor einiger Zeit servierte ein junger, bärtiger Hipster butterzarte Lammnierstücke auf Kresse. Bestechende Argumente für eine Zusammenarbeit.

Doch nicht alles ist so barock. Seit einem Jahr wettet Furrer auf die Zukunftstechnologie Blockchain: Eine neue Tochterfirma macht Lobbying und PR für Firmen der Kryptobranche. Um deren Wünsche in Bern rascher und nachdrücklicher einzubringen, gründete Furrer kürzlich mit dem ausdrücklichen Wohlwollen der Bundesräte Johann Schneider-Ammann und Ueli Maurer eine private «Blockchain-Taskforce».

Streit als Ergebnis von mangelhafter Organisation

Aber auch die traditionellen Geschäfte laufen gut, die Kundenliste wächst. Das macht Furrers Job aber nicht nur lukrativer, sondern auch komplizierter. Seine Firma lobbyiert gleichzeitig für McDonald’s und die Gesundheitsförderung. Für die Rüstungsindustrie und die Landeskirchen. Für die Kantonalbanken und die unabhängigen Vermögensverwalter. Für die Bauindustrie und den Heimatschutz. Für Glencore und World Vision. Für Google und Swisscom. Für die Hausärzte und für Spitäler. Für Krankenkassen und für Pharmaproduzenten. Und Furrerhugi arbeitet – ein ganz aktuelles Beispiel – für die SRG, welche das Radiostudio Bern nach Zürich zügeln möchte, und die Hauptstadtregion Bern, welche genau das verhindern will.

Wie geht das, so viele gegensätzliche Interessen gleichzeitig zu vertreten? Wie bleibt man glaubwürdig gegenüber den Kunden? Wie löst man Konflikte? Lorenz Furrer sieht das nicht so eng. Im Ernstfall müsse die Agentur halt in den Ausstand treten, sagt er. Das sei auch schon vorgekommen. Aber da die Kunden nicht zentral betreut würden, sondern direkt durch die zuständigen Consultants, komme es eigentlich kaum zu Konflikten.

Streit, das ist in der Welt von Lorenz Furrer nicht das Ergebnis von weltanschaulichen Differenzen, sondern von mangelhafter Organisation. Streit ist nicht gut für ein positives Gefühl. Und das hat man tatsächlich, wenn man die Jacke wieder anzieht und Furrers Büro verlässt. Doch, wenn das Budget reichen würde, man würde dem Löru schon den einen oder anderen Auftrag rüberreichen. Gute Arbeit hat halt ihren Preis. So ist es überall. Warum sollte es in der Politik anders sein? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 20:24 Uhr

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