Kopf des Tages

Er war auf dem Basler Stadiondach

Der 33-jährige Umweltingenieur Andreas Schmidt war einer der Greenpeace-Aktivisten vom St.-Jakob-Park. Warum er nun dem FCB die Daumen drückt.

Andreas Schmidt: Er war einer der Greenpeace-Aktivisten vom St.-Jakob-Park.

Andreas Schmidt: Er war einer der Greenpeace-Aktivisten vom St.-Jakob-Park. Bild: PD

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Er habe noch nie mit so freundlichen, korrekten Polizisten und Security-Leuten zu tun gehabt wie am Mittwochabend im Basler St.-Jakob-Park, sagt Andreas Schmidt. Die führten ihn und seine drei Mitkletterer ab, nachdem sie unter dem Stadiondach ein 28 Meter breites Greenpeace-Protestplakat mit der Aufschrift «Gazprom don’t foul the Arctic» entrollt hatten. «Ich habe mich bei den Security-Leuten für die Unannehmlichkeiten entschuldigt, die wir ihnen bereitet haben», erklärt er am Telefon. «Die meisten hatten Verständnis für unsere Aktion.»

In Deutschland aufgewachsen, lebt Schmidt seit 7 Jahren in der Schweiz; derzeit in Zürich, wo er an der ETH ein Studium als Umweltingenieur abgeschlossen hat. Für Greenpeace begeisterte ihn ein Schlüsselerlebnis: Aktivisten der Organisation verhinderten 1995 die Versenkung des schwimmenden Öltanks Brent Spar in der Nordsee. Als 15-Jähriger habe er sich damals in seiner «ersten Politisierungsphase» befunden und gemerkt: «Aha, um bestimmte Ziele zu erreichen, muss man manchmal auch zu aussergewöhnlichen Mitteln greifen.»

Schon als Kind habe er sich für Umweltthemen interessiert. In Ostdeutschland, wo er die Volksschule besuchte, habe die Lehrerin über die atomare Bedrohung durch den Westen gesprochen – «das machte mir Angst». Im Westen sei er später mit der Antiatombewegung rund um Gorleben in Kontakt gekommen.

«Ich nehme vieles, was heute mit unserer Umwelt passiert, als zerstörerisch wahr», sagt Schmidt. Es reiche nicht, wenn er sich nur über die Eingriffe der Menschen in die Natur aufrege oder traurig werde – «ich muss mich selber engagieren und dagegen kämpfen». Sein privates Umfeld unterstütze ihn dabei, wenn auch nicht aktiv: «Sie sagen: ‹Junge, pass auf, dass dir nichts passiert.› »

«Relativ erfahren»

Der 33-Jährige, der sich nicht als Greenpeace-Veteran, aber als «relativ erfahren» bezeichnet, gehörte etwa zum Team, das im Juni 2011 am Römer Colosseum ein Protestplakat gegen die geplante Aufhebung des Atommoratoriums in Italien aufhängte. Und nun eben zur Viererseilschaft, die in Basel gegen die Ölbohrungen des Gazprom-Konzerns in der Arktis protestierte. Der Anlass im St.-Jakob-Stadion eignete sich, weil die Russen zugleich Hauptsponsor der Champions League und des Bundesligisten Schalke 04 sind, Basels Gegner vom Dienstag.

Als Schmidt am Seil hoch über der Tribüne hing, hörte er die immer lauter werdenden Pfiffe und Buhrufe aus dem Publikum. Einige hätten ihm den Stinkefinger gezeigt, andere riefen: «Ihr seid Scheisse.» Damit habe er kein Problem gehabt. Es sei ihm wichtig gewesen, «möglichst vielen Menschen vor Augen zu führen, dass der Sport, der laut Uefa unpolitisch sein soll, doch eine grosse politische Dimension hat, wenn er von einem Konzern wie Gazprom unterstützt wird».

«Als das Spiel unterbrochen wurde, entschieden wir uns, wieder hochzuklettern», sagt Schmidt, «denn wir wollten den Anlass nicht übermässig stören». Er würde bedauern, wenn es zu einer Bestrafung des FC Basel durch die Uefa käme. Insgesamt wurden nach der Aktion 18 Aktivistinnen und Aktivisten kurzfristig festgenommen, die meisten mit Schweizer Wohnsitz.

Schmidt betont im Gespräch, man achte bei der Arbeit am hängenden Seil stets streng darauf, keine Unbeteiligten zu gefährden – und halte die «internationalen Höhenarbeiterstandards» ein, welche etwa für Brückenarbeiter gelten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2013, 06:45 Uhr

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