Hintergrund

«Er will und kann nicht»

Welche Chancen hätte eine Minder-Partei? Politstratege Josef Roos traut dem Ständerat Thomas Minder zwar keinen Parteivorsitz zu, sieht aber ungenutztes politisches Potenzial.

Überbrückt Parteigräben: Thomas Minder an einer Medienkonferenz. (24. Januar 2013)

Überbrückt Parteigräben: Thomas Minder an einer Medienkonferenz. (24. Januar 2013) Bild: Keystone

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«Volksheld», «neuer Wilhelm Tell», «Superstar»: Thomas Minder hat dieser Tage viele Namen. Die Abzockerinitiative verhalf dem Unternehmer und Ständerat zu internationaler Aufmerksamkeit. Die Ideen des Parteilosen stecken derweil auch dort drin, wo sein Name nicht draufsteht: zum Beispiel bei den politischen Anstrengungen um mehr Swissness.

Stimmen für seine Vorhaben findet Minder bei SVP, SP und in der Mitte. Parteigräben scheint der Schaffhauser problemlos zu überbrücken. In den Leserforen wird nun der Ruf nach der Minder-Partei laut. Welche Chance hätte so eine Bewegung der Mut- oder Wutbürger, wie es der Politologe Claude Longchamp ausdrückte?

«Der falsche Typ Mensch»

Im Ausland wäre der Schritt zur eigenen Partei wohl mittlerweile überfällig. Oft waren es Rechtspopulisten, die nach politischen Siegen One-Man-Shows lieferten. In Österreich wirbelt aktuell Frank Stronach mit seinem Team Stronach den Politbetrieb auf – wie Minder politisiert er nach Sachthemen und wirft viel eigenes Geld in Wahl- und Abstimmungskämpfe.

«Grundsätzlich hätte eine Minder-Partei sehr grosse Chancen», sagt dazu der erfahrene Politstratege Josef Roos. Das Problem liege aber weniger in den Möglichkeiten einer solchen Partei, sondern vielmehr in der Persönlichkeit von Thomas Minder. «Minder will und kann keine politische Bewegung führen.»

Minder sei dazu der falsche Typ Mensch. «Er hat wenig Charisma und steht nicht gerne im Rampenlicht», meint Roos. «Er ist kein Blocher und auch kein Bäumle, welche die Politik als Treibstoff für ihr Leben brauchen.» Minder sei primär ein Unternehmer und erst an zweiter Stelle ein Politiker. «Für einen Volkstribun bräuchte es das Format eines Gottlieb Duttweiler, davon ist er weit entfernt.»

Vakuum zwischen FDP und SVP

Auch wenn Roos Minder die eigene Partei nicht zutraut, sieht er für eine solche Bewegung dennoch grosses politisches Potenzial. «Eine solche Partei hätte die Möglichkeit, das momentan bestehende Vakuum zwischen der FDP und der SVP zu füllen», sagt Roos. Bei wirtschaftspolitischen und migrationspolitischen Fragen sei Minder zwar auf der Seite der Volkspartei. Diese habe jedoch das Problem, dass sie in vielen gesellschaftspolitischen Fragen konservativer politisiere, als viele bürgerlich Denkende es sich wünschen.

«Diese wollen zwar eine klare Regulierung des Staates, aber eben auch der Grossfinanz und erhoffen sich zum Beispiel bei Frauen- und Bildungsfragen mehr liberale Offenheit.» Minder habe diese Bedürfnisse erspürt und gekonnt für seine Zwecke genutzt. «Im Gespräch mit SVP-Mitgliedern merke ich immer wieder, wie ihnen diese Themen unter den Nägeln brennen», sagt Roos.

«Grünliberale sind ihm heute zu grün»

Die FDP hingegen, die seit Jahren mit einem Mitgliederschwund kämpft, orientiert sich laut Roos zu stark an ökologischen Themen. Roos ist sich sicher: «Zwischen den beiden rechtsbürgerlichen Parteien existiert eine Lücke, in der eine Minder-Partei gut gedeihen würde.» Bei SP und den Grünen hätte sie aber wohl trotz grossen Sympathien in gewissen Sachfragen keinen Erfolg. Und die Grünliberalen, zu denen sich Minder einst hingezogen fühlte? «Die sind ihm heute wohl doch zu grün», meint Roos.

Ob Thomas Minder selbst Ambitionen auf eine Parteigründung hegt, ist nicht bekannt. Dass es damit aber schnell gehen könnte, zeigt eine Interviewpassage aus dem Jahr 2006. Auf die Feststellung des Interviewers «Vielleicht müssten Sie ins Parlament» antwortete Minder: «Wenn es so weitergeht, muss ich wirklich in die Politik.» Knapp sechs Jahre später sass Thomas Minder bereits im Ständerat.

Erstellt: 15.03.2013, 14:29 Uhr

Umfrage

Hätte eine Minder-Partei Chancen?

Ja

 
35.8%

Nein

 
64.2%

1532 Stimmen


Josef Roos ist Geschäftsführer und Inhaber der Agentur Public Voice und berät Unternehmer und Politiker.

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