«Erdbeben sind nicht die einzige Gefahr»

Die Umweltfachfrau Sabine von Stockar misstraut der AKW-Aufsichtsbehörde Ensi. Die­ses sei nicht unabhängig von den Betreibern der Atomkraftwerke.

Die Auflagen an die Kernkraftwerke gehen ihr noch nicht weit genug: Sabine von Stockar.

Die Auflagen an die Kernkraftwerke gehen ihr noch nicht weit genug: Sabine von Stockar. Bild: PD / Fabian Biasio

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sabine von Stockar hat kein Vertrauen in das Eidgenössische Nuk­­learsicherheitsinspektorat (Ensi). Die­ses sei nicht unabhängig von den Betreibern der Atomkraftwerke, behauptet die Umweltnaturwissenschafterin und Projektleiterin bei der Schweizerischen Energiestiftung. Von Stockars Ziel ist der Ausstieg aus der Kernkraft.

Basler Zeitung: Frau von Stockar, das Ensi sagt, die Schweizer Kernkraftwerke seien erd­­bebensicher. Warum glauben Sie das nicht?
Sabine von Stockar:Es ist noch immer unklar, wie hoch das Erdbebenrisiko an den einzelnen Standorten der Atomkraftwerke ist. Frühere Studien weisen auf ein höheres Risiko hin, als es heute angegeben wird.

Das Ensi hat die Erdbebensicherheit aufgrund von vorläufigen Resultaten einer Studie vom Mai 2011 festgestellt. Ende Jahr sollen definitive Informationen vorliegen. Sollten Sie mit Ihrer Kritik nicht so lange warten?
Das vom Ensi präsentierte Zwischenresultat ist eine Abschwächung von Gefahrenwerten einer Studie von 2007. Die Sicherheitsbehörde hat einfach die Sicherheitsmargen reduziert. Das Hin und Her über die Anforderungen an die Erdbebensicherheit zeigt: Jetzt braucht es eine unabhängige Expertise. Über die Erdbebensicherheit dürfen nicht nur das Ensi und die AKW-Betreiber entscheiden.

Was meinen Sie mit unabhängiger Expertise?
Ein Gutachten einer unabhängigen Firma aus dem Ausland. Ich denke zum Beispiel an den Technischen Überwachungsverein (TÜV) in Deutschland. Es muss ein Unternehmen sein, das ausserhalb des kleinen Schweizer AKW-Kuchens urteilt. Hier kennt jeder jeden. Das kann zu schwierigen Situationen führen.

Und wenn diese unabhängige Institution zum Schluss kommt, dass unsere Kernkraftwerke erdbebensicher sind?
Wenn diese Institution keine Gefahr sieht und das Ensi im Anschluss auf dasselbe Resultat kommt, dann kann ich damit leben. Es ist allerdings wichtig zu wissen, dass Berechnungen immer Berechnungen bleiben und ein Naturereignis immer auch schwerer ausfallen kann als auf dem Papier berechnet. Das Restrisiko bleibt.

Sie wären aber trotzdem für einen Ausstieg aus der Atomenergie.
Selbstverständlich. Wie gesagt, ein Restrisiko bleibt immer bestehen, Anforderungen hin oder her. Erdbeben sind bei Weitem nicht die einzige Gefahr für die AKW.

Aber ist es nicht so, dass das Ensi machen kann, was es will – Sie wollen nur eines, den Ausstieg.
Eine saubere AKW-Kontrolle und der Atomausstieg sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir kritisieren das Ensi so lange, bis es seine Aufsichtspflicht wirklich wahrnimmt. Wir kritisieren auch, dass das Ensi davon ausgeht, dass die Atomkraftwerke sicher sind. Es sollte vom Gegenteil ausgehen und sich eines Besseren belehren lassen.

Sie tun so, als ob das Ensi nichts unternimmt. Wenn man deren Berichte, Analysen und Auflagen an die Kraftwerke liest, kommt man zu einem anderen Schluss. Warum sollte das Ensi nicht das grösste Interesse daran haben, dass Kernkraftwerke sicher sind?
Das Ensi orientiert sich stark an den Interessen der AKW. Die Anforderungen an die Erdbebensicherheit sind von Swissnuclear berechnet worden, das ist ein Gremium der AKW-Betreiber. Eine Atomaufsicht müsste unabhängige Fachleute mit solchen Berechnungen beauftragen. Darum fehlt mir das Vertrauen in die Arbeit des Ensi. Dass das Ensi unvollständige Berichte wie etwa vom AKW Gösgen durchwinkt, stärkt das Vertrauen nicht.

Das Ensi ist die Aufsichtsbehörde der Kernkraftwerke und muss logischerweise mit Informationen der Stromkonzerne arbeiten. Das Bundesamt für Gesundheit, die Aufsicht der Krankenversicherer, muss auch mit den Daten der Krankenkassen arbeiten. Aus dem einfachen Grund, weil niemand anderes diese Daten liefern kann.
Es gibt ein Ungleichgewicht des Wissens. Die AKW-Betreiber besitzen das Wissen über ihre Kraftwerke. Darum wird das Ensi abhängig von den AKW-Betreibern. Das ist ein Systemfehler, der korrigiert werden muss. Dieses Wissen sollten auch andere Gremien besitzen, die sich ein unabhängiges Urteil bilden können.

Warum sollten das Ensi oder die Kraftwerksunternehmen ein Interesse daran haben, in Sicherheitsfragen die Zügel schleifen zu lassen?
Aus wirtschaftlichen Gründen. Die AKW-Betreiber hoffen einfach, dass nichts passiert, weil die Eintretenswahrscheinlichkeit nicht sehr hoch ist. Aber das ist eine Fehlüberlegung. Ein Unfall eines AKW wäre für unser Land verheerend.

Der Ensi-Direktor weist den Filz-Vorwurf zurück. Es sei wichtig, im Einvernehmen und nicht «mit Gezänk und Misstrauen» die Aufsicht wahrzunehmen. Nur so könne volle Transparenz erreicht werden.
Das zeigt eben genau die Abhängigkeit des Ensi von den AKW-Betreibern. Es kann nicht sein, dass eine Behörde sympathisieren muss mit jenen, die sie beaufsichtigt. Das Ensi ist dazu da, hart zu prüfen, ob die Sicherheit der AKW gewährleistet ist oder nicht.

Das Ensi macht grosse Auflagen an die Kernkraftwerke, was schon unmittelbar nach Fukushima der Fall war.
Das Ensi lässt ein paar Sicherheits­aspekte prüfen und setzt dafür eine lange Frist. So läuft es immer. Aber die Sicherheit der Atomkraftwerke wird so nicht besser. Trotzdem verkündet das Ensi immer wieder, unsere AKW seien sicher. Eigentlich sollte man das Werk so lange vom Netz nehmen, bis alle Fragen beantwortet und Nachrüstungen gemacht sind.

Sie kritisieren jede technische Massnahme oder Verfügung des Ensi, um Ihr politisches Ziel zu verwirklichen – den Ausstieg aus der Kernenergie. Ist es nicht so?
Es geht hier einzig und alleine um die Sicherheit der Schweizer Atomkraftwerke. Es ist wichtig, diese genau unter die Lupe zu nehmen, für die Sicherheit der Schweiz – und der umliegenden Länder.

Erstellt: 12.07.2012, 13:38 Uhr

Artikel zum Thema

Das Ensi rüffelt das AKW Gösgen

In der Schweiz gibt es statistisch gesehen alle 10'000 Jahre ein sehr starkes Erdbeben. Die fünf AKW sind gemäss Ensi dafür gerüstet und dürfen am Netz bleiben. Das AKW Gösgen wird dennoch getadelt. Mehr...

«Gösgen war stets Musterschüler unter den AKW»

Das AKW Gösgen wurde als einzige Anlage von der Aufsicht Ensi gerüffelt. Eingeforderte Unterlagen waren unzureichend – offenbar nicht zum ersten Mal. Atomexperten nehmen Stellung. Mehr...

Beznau 2 abgeschaltet – Ensi gibt Entwarnung

Erst vor kurzem beteuerte Axpo-Chef Karrer, Beznau sei in einem Top-Zustand. Nun musste der älteste Reaktor der Welt abgeschaltet werden. Die Reparatur wird mehrere Tage dauern. Mehr...

Blog

Blogs

Geldblog Vorsicht beim Verrechnungsverzicht!

Mamablog Nehmt euch Zeit fürs Kranksein!

Paid Post

Verstehen Sie Ihre Arztrechnungen?

Sie wollen wissen, was genau auf Ihrer Arztrechnung steht? Kein Problem – lassen Sie es sich einfach im Kundenportal des Gesundheitsversicherers Atupri übersetzen.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...