Linden/Thun

Ernstfall in Jassbach

200 Jahre prägt der Waffenplatz Thun die Schweizer Armee. Jetzt wird hier das nächste Kapitel Militärgeschichte aufgeschlagen: das der Cyberarmee.

Ein Teilnehmer des Cyberlehrgangs bei der Arbeit an einem PC.

Ein Teilnehmer des Cyberlehrgangs bei der Arbeit an einem PC. Bild: Patric Spahni

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Zwei Notebooks, ein Beamer, Kaffeemaschine, Getränke und «Zwipf» für Offiziere: der Rapportraum in der Kaserne Jassbach könnte in irgendeiner Kaserne der Schweiz sein. Und doch ist alles etwas anders hier im Niemandsland zwischen Emmental, Berner Mittelland und Berner Oberland. Wo die Armee sonst allzu gerne mit sprichwörtlich grossem Geschütz auffährt, wenn Medien eine Anfrage für einen Kasernenbesuch und einen Stimmungsbericht platzieren, so beschränkt man sich in Jassbach – in der Gemeinde Linden – darauf, die Medien zur Präsentation zu einem einfachen Gespräch zu bitten.

Einen richtigen Einblick in das Wirken der gefragten Truppe gibt es nicht. Der Cyberlehrgang, um den es hier geht, ist einerseits ein Flaggschiffprojekt der Schweizer Armee – andererseits ein hochsensibles Thema. Denn anders als Rekruten in einer Infanterie-RS ballern die Cybersoldaten nicht in einen Übungshang. Sie befinden sich im Ernstfall.

Weitermachen ist Pflicht

Als der damalige Verteidigungsminister, Bundesrat Guy Parmelin (SVP), im Herbst 2017 in den Medien verkündete, dass im Ausbildungszentrum für elektronische Kriegführung in Jassbach jedes Jahr 50 Spezialisten ausgebildet würden, war Oberst im Generalstab Robert Flück mit Hochdruck daran, just diese Ausbildung auf die Beine zu bringen. «Rückblickend dürfen wir stolz sagen, dass wir binnen gut eines halben Jahres Ausserordentliches geleistet haben», sagt der gebürtige Brienzer.

Cyberlehrgang-Leiter Robert Flück

Im Herbst 2017 erhielten Flück und sein Team den Auftrag, einen Cyberlehrgang für Milizsoldaten zu schaffen. Im August 2018 rückten die ersten Rekruten ein. Mittlerweile haben sie die RS hinter sich, leisten als Unteroffiziere Dienst im zweiten Lehrgang und absolvieren so den zweiten Teil ihrer Ausbildung. Denn: Wer den Cyberlehrgang absolvieren will, verpflichtet sich automatisch, eine Unteroffiziersschule an die RS anzuhängen (vgl. Kasten). «Wir bilden die Leute während insgesamt rund 800 Stunden aus», sagt Flück. «Dafür reicht eine RS nicht.»

Zwei Unteroffiziere im Rang eines Wachtmeisters, die derzeit im zweiten Lehrgang im Einsatz sind, sind am Medientermin auch zugegen; einer aus der Romandie für die französisch sprechende Journalistin, einer aus der Deutschschweiz für den Redaktor des Lokalblattes. Dass sie neben den beiden Obersten kein Namensschild auf der Brust tragen, ist indes kein Verstoss gegen die Tenürichtlinien. Es ist Absicht. «Wir machen keine persönlichen Angaben zu den Lehrgangsteilnehmern, sie dürfen auch nicht fotografiert werden», sagt Waffenplatzkommandant Patrik Anliker. «Das ist zu ihrem Schutz.»

Waffenplatzkommandant Patrik Anliker

Risikofaktor Mensch

Nein, in Gefahr sehe er sich nicht, erklärt der junge Mann im anschliessenden Gespräch unter vier Augen, «zumindest nicht körperlich». Aber er weiss, was «Social Engineering» heisst – und wie sich Personen und Organisationen so immer wieder erfolgreich illegal Zugang zu Computersystemen verschaffen, um Daten zu rauben, Systeme auszuspionieren – oder gar so zu manipulieren, dass ganze industrielle Produktionszweige zum Erliegen kommen.

«Die grösste Schwachstelle bleibt der Mensch», pflichtet der Wachtmeister seinem Lehrgangsleiter Flück bei. «Social Engineering» bedeutet nämlich nichts anderes, als dass Übeltäter versuchen, Menschen über geschickte Manipulation dazu zu bringen, einen Fehler zu machen, um ihnen so Schad- oder Spionagesoftware unterzujubeln, mit der sie Zugriff auf ganze Computernetzwerke erhalten können.

Coachen statt hacken

Deshalb sind die Cybersoldaten auch nicht vom Morgen bis zum Abend daran, digitale Waffen zu programmieren und zu bedienen oder fremde und unbekannte Systeme und Programme zu untersuchen. Nein, sie greifen in den Alltag zahlreicher Bundesangestellter ein. «Wir sind regelmässig als Coachs im Einsatz, um das Personal für die Gefahren des ‹Social Engineering› zu sensibilisieren», sagt der Wachtmeister.

Will heissen: Die Cybersoldaten zeigen den normalen Anwendern in Armee und Verwaltung, wie sie unsichere oder gefährliche E-Mail-Anhänge erkennen, wie sie sich in sozialen Medien bewegen sollten – und wie man eigene und staatliche Geräte und damit Daten vor ungewollten Zugriffen von aussen schützt.

«Wir müssen davon ausgehen, dass alles im Internet als öffentlich betrachtet werden muss.»Ein Teilnehmer des Cyberlehrgangs

Bleibt die Frage, ob sich die Art und Weise, wie der Wachtmeister sich im Alltag im Internet bewegt, verändert hat, seit er den Cyberlehrgang angefangen – und Einblick in die düsteren Untiefen des Netzes erhalten hat: «Ich bin definitiv vorsichtiger geworden», sagt er. Und damit meint er nicht nur die Tatsache, dass er seine Passwörter mittlerweile von einem Passwortmanager generieren und verwalten lässt. «Ich bin zurückhaltender mit der Internetnutzung.» Der Grund dafür sei einfach, sagt der Cyberfachmann: «Wir müssen grundsätzlich davon ausgehen, dass alles, was im Internet publiziert, gespeichert oder zugänglich ist, als öffentlich betrachtet werden muss.»

Erstellt: 17.04.2019, 12:06 Uhr

Der Cyberlehrgang

Der Cyberlehrgang der Schweizer Armee dauert 40 Wochen und findet an der Elektronische-Kriegführung-Schule 64 in Jassbach statt. Er beinhaltet 800 Stunden Ausbildung und Einsatz im Bereich Cyber. Der erste Lehrgang startete im Sommer 2018, der zweite im Februar 2019. Für den Lehrgang infrage kommen Rekruten, die eine Lehre als Informatiker/-in EFZ, Mediamatiker/-in EFZ oder ICT-Fachfrau/ICT-Fachmann EFZ abgeschlossen haben, Maturandinnen oder Maturanden mit Schwerpunkt in naturwissenschaftlichen Fächern, Studentinnen oder Studenten der Fachrichtungen Informatik, Physik, Mathematik, Elektrotechnik, Automation oder/und Pädagogik sowie «Personen, welche sich autodidaktisch umfassende Kenntnisse im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik angeeignet haben», wie die Armee im Flyer für den Cyberlehrgang schreibt. Nach der Grundausbildung dient der Einsatz in den Wiederholungskursen dazu, die Informatik- und Telekommunikationssysteme und -infrastrukturen der Schweizer Armee zu überwachen und zu schützen. Die dafür verantwortliche Berufsorganisation der Führungsunterstützungsbasis bindet die Dienstleistenden in den täglichen Betrieb ein und leitet sie fachlich an. Ziel ist, dass dereinst 600 Milizsoldatenim Bereich Cyber tätig sind. Der aktuelle Bestand liegt bei gut 250 Personen. Weil der Ausbildungsstoff nicht in einer Rekrutenschule von 18 Wochen vermittelt werden kann, ist die Ausbildung von 40 Wochen zum Wachtmeister die Regel und die Bereitschaft zum «Weitermachen» somit eine Voraussetzung. Nach Abschluss des Lehrgangs kann die Berufsprüfung zum «Cyber Security Specialist» mit eidgenössischem Fachausweis abgelegt werden. Die akademische Anerkennung des Lehrgangs mittels ECTS-Punkten – für das Europäische System zur Übertragung und Akkumulierung von Studien­leistungen – ist zurzeit in Ab­klärung. (maz/pd)

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