Erstmals arbeiten weniger Grenzgänger in der Schweiz

Die Zahl ausländischer Pendler ist erstmals seit 20 Jahren gesunken. Liegt es am Inländervorrang? Es gibt auch eine andere Erklärung.

Fast 170’000 französische Grenzgänger arbeiteten Ende September in der Schweiz: Unbewachter Grenzposten zwischen der Schweiz und Frankreich bei Le Brassus im Vallée de Joux.

Fast 170’000 französische Grenzgänger arbeiteten Ende September in der Schweiz: Unbewachter Grenzposten zwischen der Schweiz und Frankreich bei Le Brassus im Vallée de Joux. Bild: Dominic Favre/Keystone

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Sie arbeiten in der Basler Pharmabranche, pflegen in Genfer Spitälern Patienten und kümmern sich in Tessiner Hotels um die Gäste: Rund 312’000 Grenzgänger aus Deutschland, Frankreich und Italien arbeiteten Ende September in der Schweiz. Erstmals seit 20 Jahren ist ihre Zahl zurückgegangen.

Im dritten Quartal 2018 arbeiteten laut dem Bundesamt für Statistik 0,8 Prozent weniger ausländische Pendler in der Schweiz als ein Jahr zuvor. Im Tessin sind es gar 4,1 Prozent weniger, in der Nordwestschweiz ist die Zahl um 2,4 Prozent zurückgegangen. In beiden Regionen ist der Zustrom von Personen mit Wohnsitz im Ausland laut BFS schon seit Jahresbeginn rückläufig.

Gehen den Grenzregionen um Lugano, Genf und Basel nun die Arbeitskräfte aus? Für das Tessin sind die Grenzgänger ein wichtiger Faktor für die Wirtschaftsleistung, zeigte eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics im Februar 2018. Die Wirtschaft im Tessin ist laut dem BAK stärker gewachsen als im Rest der Schweiz, vor allem im Industriesektor. Man dürfe nicht vernachlässigen, dass der Wirtschaftsfaktor der Grenzgänger wichtig sei und eine Rolle spiele für die Dynamik der Tessiner Wirtschaft, sagte Luca Albertoni, Direktor der Tessiner Handelskammer, zu SRF. Pro Tag pendeln 27 Prozent der Tessiner Arbeitnehmer von Italien in die Schweiz.

Der Widerstand im Tessin gegen ausländische Pendler ist bei der Bevölkerung gross – Lohndumping und verstopfte Strassen gehören zu den grössten Sorgen. Im Jahr 2016 hatten die Tessiner die kantonale SVP-Initiative «Prima i nostri» («Zuerst die Unsrigen») angenommen. Umgesetzt wurde sie schliesslich nur lückenhaft – da sie mit dem Freizügigkeitsabkommen mit der EU im Konflikt steht.

Mehr freie Stellen an den RAV

Dass die Tessiner Unternehmen nun ihre freien Stellen nicht mehr besetzen können, glaubt Stefano Rizzi nicht. Der Direktor des Tessiner Wirtschaftsamts verweist auf eine Kampagne, mit der die Partnerschaft zwischen den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren und den Unternehmen vertieft worden sei. Das habe sich positiv auf die Arbeitslosenquote im Tessin ausgewirkt – sie lag im September bei 2,7 Prozent (Vorjahr: 3,1 Prozent). Die Einstellung von Einheimischen könne ein Grund für die sinkende Zahl der «Frontalieri» sein.

Die Kampagne lief vor der Einführung der Stellenmeldepflicht am 1. Juli 2018 an – eine Folge der vom Volk angenommenen Masseneinwanderungsinitiative. Meldepflichtig sind Stellen, sofern mindestens 8 Prozent der Berufsleute mit diesem Job arbeitslos sind. Ziel ist ein Vorsprung für bei den RAV registrierte Stellensuchende. Könnte der Inländervorrang der Grund für die sinkenden Grenzgängerzahlen sein?

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Inländervorrang: Doch eine gute Sache?




Seit Anfang Juli haben Schweizer Firmen mehr freie Stellen gemeldet, als sie müssten. Ende September waren nur rund 60 Prozent der gemeldeten offenen Arbeitsplätze meldepflichtig, gab das Staatssekretariat für Wirtschaft im Oktober bekannt. Die restlichen 40 Prozent hätten den RAV nicht zwingend angegeben werden müssen. «Es ist noch zu früh um einen kausalen Zusammenhang zwischen der Einführung der Stellenmeldepflicht und dem Rückgang der Grenzgänger festzustellen», sagt Fabian Maienfisch, Mediensprecher vom Staatssekretariat für Wirtschaft. Das Seco beobachte die Situation aber genau.

Nach Herkunftsland betrachtet, nahm die Zahl der Grenzgänger aus Italien mit einem Minus von 3,1 Prozent am stärksten ab. Ende September zog die Schweiz noch knapp 71’400 «Frontalieri» an. Auch Deutschland stellte mit 60’400 Personen ein etwas kleineres Kontingent (–2,1 Prozent). Die mit fast 170’000 Arbeitskräften am stärksten vertretenen Franzosen konnten dagegen noch leicht zulegen (+0,5 Prozent).

Neben der Stellenmeldepflicht könnte auch der wirtschaftliche Aufschwung Grund für die sinkenden Zahlen ausländischer Pendler sein. «Der wichtigste Treiber hinter der Zahl der Grenzgänger ist die wirtschaftliche Situation in den Nachbarländern», sagt Lukas Rieder, Sprecher des Staatssekretariates für Migration.

Wenn der Arbeitsmarkt in der Schweiz besser laufe als bei den Nachbarn, so steige auch die Zahl der Grenzgänger. Im letzten Jahr habe die Wirtschaft in den Nachbarstaaten bekanntlich stark angezogen und die Arbeitslosigkeit nähere sich langsam an das Niveau vor der Finanzkrise an. «Dementsprechend ist der Druck für Arbeitnehmer im Grenzgebiet zur Schweiz weiterhin kleiner geworden, sich bei uns eine Arbeit zu suchen», sagt Rieder. Dadurch sei auch die Zahl der Grenzgänger in die Schweiz gesunken.

In der EU weist die Arbeitslosenquote Ende September mit 6,7 Prozent den niedrigsten Durchschnittswert seit Januar 2000 auf. Insgesamt waren in der EU laut Eurostat 16,57 Millionen Männer und Frauen auf Jobsuche – rund 1,8 Millionen weniger als ein Jahr zuvor. Die niedrigste Arbeitslosenquote verzeichnete Tschechien mit 2,3 Prozent. Es folgten Deutschland und Polen mit jeweils 3,4 Prozent. Die höchsten Werte hatten Griechenland (19,0 Prozent nach Daten vom August) und Spanien (14,9 Prozent).

Ein Jahresminus bei den Grenzgängern gab es letztmals im dritten Quartal 1998 (–0,7 Prozent). Seither hat die Zahl der Grenzgänger von Jahr zu Jahr zugenommen, schweizweit um mehr als 177’000 Personen oder gut 130 Prozent. Der Andrang hat 2018 aber deutlich nachgelassen. Im Genferseeraum, der wichtigsten Grenzgängerregion, stagnierte der Bestand bei knapp 115’000 Personen. In den anderen Gebieten nahm die Anzahl der Arbeitspendler aus dem Ausland zwar noch zu, am deutlichsten im Espace Mittelland (+6,2 Prozent) und in der Zentralschweiz (+8,7 Prozent). Zahlenmässig fallen diese Regionen aber weniger stark ins Gewicht. (ij mit Material der SDA und AFP)

Erstellt: 02.11.2018, 15:47 Uhr

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