«Es braucht eine Therapie des therapeutischen Unfugs»

Psychologen sollen ihre Leistungen vermehrt über die Krankenkassen abrechnen dürfen, fordert das Departement von Alain Berset. Bei den Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Lesern weckt diese Idee viele Ängste.

«Er macht, was er am besten kann»: SP-Bundesrat Alain Berset an einer Medienkonferenz zur Änderung des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung.

«Er macht, was er am besten kann»: SP-Bundesrat Alain Berset an einer Medienkonferenz zur Änderung des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung. Bild: Keystone

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Schweizer sollen öfters psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Dieses Ziel verfolgt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) offenbar mit seinem Plan, selbständigen Psychologen ab 2013 den Zugang zur Krankengrundversicherung zu ermöglichen. Zu den finanziellen Auswirkungen dieses Vorhabens existieren keine zuverlässigen Prognosen, wie der «Tages-Anzeiger» heute berichtete.

Es scheint aber gerade die Frage nach den möglichen Kosten zu sein, die den Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Lesern am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Denn obwohl zahlreiche Kommentatoren es grundsätzlich begrüssen würden, dass die Krankenkassen mehr psychotherapeutische Leistungen übernehmen, überwiegen doch die kritischen Voten.

«Der Mensch ist nicht nur Körper»

Leserin Soraya Moana beispielsweise fühlt sich von Bersets Vorhaben in ihrer Überzeugung bestätigt: «Der Mensch besteht nicht nur aus Körper, sondern auch aus Seele und Geist. Sind diese beiden krank, braucht es dafür einen spezialisierten Arzt.» Sie frage sich, wie viele an Seele und Geist erkrankte Menschen sich nicht behandeln liessen, weil sie es nicht bezahlen könnten, und vermutet: «Wohl zu viele! Burn-outs, Suizide und so weiter… viele Folgekosten könnten vermieden werden.» Auch Markus Hirsbrunner findet es richtig, bei psychischen Erkrankungen Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Krise könne aus jedem einen Alkoholiker machen, die richtige Unterstützung aber helfe, dies zu vermeiden. «Somit wäre eine Behandlung günstiger als die Spätfolgen.» Eine Überweisung durch den Hausarzt sollte seiner Meinung nach allerdings zwingend sein.

Verschiedene Vertreter der bürgerlichen Parteien haben Bersets Vorschlag bereits kritisiert. Viele Leser können diese Reaktionen nicht nachvollziehen. So zum Beispiel Thomas Meier, der die Gegner für ihre Kurzsichtigkeit kritisiert: «In ihrem Eifer vergessen sie, dass unbehandelte psychische Krankheiten sehr hohe Nachfolgekosten nach sich ziehen können.» Und Sabine Schweizer schreibt: «Die Reaktionen zeigen, wie gross die Angst und wie klein die Achtung vor der eigenen Psyche ist.»

«Ich bezahle nicht für die Wellness anderer Leute»

Gerade diese Auseinandersetzung mit der Psyche geht Dieter Bachmann entschieden zu weit. Die Grundversicherung solle nur die medizinische Grundversorgung finanzieren, findet er. «Wer dazu noch Aromatherapie, Akupunktur und Psychoanalyse möchte, soll das doch bitte mit einer Zusatzversicherung abdecken.» Er bezahle gerne solidarisch für lebensrettende Medizin, aber nicht für die Wellness anderer Leute. Auch Hans-Rudolf Wyss plädiert für mehr Selbstverantwortung: Der Leistungskatalog solle auf das Unumgängliche beschränkt, die restlichen Leistungen von jedem Einzelnen bezahlt werden – «es muss sich lohnen, ein gesundes Leben zu führen». Hans Herbst findet: «Hierzulande braucht es vor allem eine Therapie des therapeutischen Unfugs, der sich breit gemacht hat.» Und Robert Herz befürchtet: «Auf diese Weise wird therapiert, was nicht therapiert werden müsste.»

Einige Leser sehen im Vorschlag von Alain Berset eine logische Folge seiner parteipolitischen Ausrichtung: «Herr Berset macht doch nur, was er als Sozialdemokrat am besten kann: Das Geld anderer ausgeben», schreibt dazu Peter Imhof. «Am Ende bezahlen wir alle die Mitte-Links-Ausgaben-Politik.» Peter Kaegi glaubt festzustellen: «Immer bei einem Wechsel eines Linken in das Gesundheitswesen bringt die erste Veränderung den nächsten Kostenschub.» Dem widerspricht allerdings Thomas Meier: «Im Jahr 2003 hat die FDP das Gesundheitsdepartement übernommen. Und was hat das in den letzten acht Jahren bewirkt? Jährlich einen neuen Kostenschub.»

Die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen

Unabhängig von der Diskussion um Sinn und Unsinn des BAG-Vorhabens stellen sich die Leser eine weitere Frage: Woran liegt es, dass die psychischen Probleme in der Schweizer Bevölkerung offenbar immer mehr zunehmen? René Hofstetter vermutet: «Ein grosser Teil der psychischen Belastung der Menschen kommt vom Arbeitsplatz.» Vom Vorschlag des BAG würden darum letztlich vor allem die Arbeitgeber profitieren: «Erhalten nun mehr Leute psychologische Hilfe, können sie mehr Leistung erbringen.»

Auch Amon Scherrer sieht die Verantwortung bei den Schweizer Unternehmen: «Man müsste die Arbeitgeber mehr in die Pflicht nehmen, sich um ihre Arbeitnehmer zu kümmern, bevor die Allgemeinheit übernimmt.» Cassandra Dürr stimmt ihm zu: «Sehr richtig! Sechs Wochen Ferien würden da schon viel helfen.» ()

Erstellt: 20.02.2012, 18:53 Uhr

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