Interview

«Es gab Momente, in denen ich Angst bekam»

Die SVP verliert eines ihrer liebsten Feindbilder: Georg Kreis hört Ende Jahr als Präsident der Antirassismuskommission auf. Diese führte der Basler Professor während 16 Jahren.

«Ich sehe mich als 68er»: Georg Kreis, Präsident der Antirassismuskommission.

«Ich sehe mich als 68er»: Georg Kreis, Präsident der Antirassismuskommission. Bild: Keystone

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Herr Kreis, Sie stehen seit 1995 an der Spitze der Kommission gegen Rassismus. Wie hat sich in diesen Jahren der Umgang von Schweizern mit Ausländern verändert?
Als ich begann, war die Aufgabe der Kommission zwar nicht völlig unbestritten, aber doch breit akzeptiert. Inzwischen stelle ich beim Publikum gewisse Ermüdungserscheinungen fest. Wir kommen halt immer wieder mit denselben Botschaften; das liegt in der Natur unserer Funktion. Parallel zum sinkenden Interesse stelle ich fest, dass die Hemmschwellen im Bereich des Rassismus sinken. Das ist nicht weiter erstaunlich, wenn Werte wie Solidarität, Rücksichtnahme und Anstand immer öfter als Nicht-Werte propagiert werden.

Die Schweiz im zivilisatorischen Rückwärtsgang?
Man darf die kontroversen, manchmal groben Äusserungen zur Arbeit der Kommission nicht als Indikator für den Gesamtzustand der Nation nehmen. Ich halte diesen Gesamtzustand für nicht schlecht. Vergleichbare Gesellschaften wie die holländische oder die dänische haben ähnliche Probleme wie wir. Bei uns sind Zuwanderungs- und Identitätsdiskussionen einfach sichtbarer, weil sie dank der direkten Demokratie intensiver bewirtschaftet werden können.

Der Optimist könnte daraus folgern: Dank der intensiven Diskussion des Themas konnte sich in der Schweiz eine besondere Sensibilität für das Fremde ausbilden.
Ich glaube, dass die Sensibilität gegenüber rassistischem Verhalten tatsächlich zugenommen hat. In der Realität ist es dann allerdings so, dass es Problematisierer und Ent-Problematisierer gibt. Ich gehöre kraft meiner Aufgabe zur Seite der Problematisierer – wobei ich nicht bestreiten will, dass es auf dieser Seite auch immer mal wieder zu Übertreibungen kommt. Auf der Seite der Ent-Problematisierer gibt es eher Untertreibungen, vor allem von Leuten, die selber noch nie Opfer eines rassistischen Übergriffs waren. Sie reagieren bevorzugt mit Entwarnungen von der Art «jetzt macht doch nicht so ein Theater.»

Derzeit stösst die Personenfreizügigkeit auf immer breitere Kritik. SVP-Politiker fordern die Kündigung. Die Umweltschutzbewegung Ecopop will mit einer Initiative die Zuwanderung begrenzen und so den freien Personenverkehr aushebeln. Und auch die SP äussert neuerdings Bedenken. Was kommt da auf uns zu?
Die Zuwanderungsdebatte wird kontroverser und heftiger werden, das ist sicher. Und es ist anzunehmen, dass dabei auch mit rassistischen Grundmustern argumentiert werden wird. Diese treten in jeder Zuwanderungsdebatte auf. Geht es vor allem um eine Unterschichtseinwanderung, wird mit dem Bild des unqualifizierten Ausländers Stimmung gemacht. Geht es, wie im Fall der Personenfreizügigkeit, vor allem um hoch qualifizierte Einwanderer, tritt eher das Bild einer fremden, gegenüber den Einheimischen rücksichtslosen Macht in den Fokus.

Sie erwarten eine Welle der Fremdenfeindlichkeit?
Darauf muss man sich einstellen. Dabei trifft die Ausgrenzung des «Anderen» nicht allein Zuwanderer, sondern immer auch Leute, die schon lange, zum Teil seit immer zu unserer Gesellschaft gehören. Leute, die etwa Militärdienst leisten, aber als fremd eingestuft werden, weil sie zum Beispiel eine dunkle Haut oder einen deutschen Akzent haben.

Wie hat sich Georg Kreis selbst in den 16 Jahren als Präsident der Kommission verändert?
Vielleicht zu wenig. Veränderungen sind ja grundsätzlich etwas Positives. Man darf sie nicht immer nur unter dem Titel Verrat sehen.

Sie wurden oft und oft hart kritisiert. Bekommt man mit der Zeit eine dicke Haut?
Das lässt sich nicht generell sagen. Wie souverän man auf Kritik reagiert, hängt zum Teil von der psychischen und physischen Tagesform ab. Man weiss im Voraus nie, wie nahe einem etwas geht.

Indem Sie mit Ihren Äusserungen regelmässig auf die SVP zielten, trugen Sie aber auch selbst dazu bei, dass Sie zur Reizfigur wurden.
Ich höre immer wieder, dass ich mich auf die SVP eingeschossen hätte. Ich habe den Eindruck, es sei eher umgekehrt: dass die SVP mich und die Kommission tagsüber heftig bekämpft und nachts dafür betet, dass wir ihr noch möglichst lange erhalten bleiben.

Die Kommission ist nicht eine Art Anti-SVP?
Ich finde nicht, dass die Kommission eine parteipolitische Schlagseite hat. Im Gegenteil: Wir treten in Abstimmungskämpfen regelmässig auf die Bremse. Da üben wir Zurückhaltung. Es ist aber auch nicht Aufgabe der Kommission, unparteiisch zu sein. Wir sind Partei und wir wollen Partei sein, nämlich die Partei von Leuten, die rassistisch diffamiert und diskriminiert werden. Das ist unsere Aufgabe. Wir können und wollen uns nicht auf einen billigen Neutralismus zurückziehen.

Gibt es Interventionen der Kommission, von denen Sie rückblickend denken: Das hätten wir besser bleiben gelassen?
Nein. Es gibt nichts, von dem ich finde, dass wir es besser unterlassen hätten. Aber manches hätten wir besser sagen können.

Auch das Communiqué, in dem Sie die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Deutschen kritisiert hatten, würden Sie wieder schreiben? Trotz des breiten, öffentlichen Widerspruchs?
Unbedingt. Es gibt Personen, die sich dafür bedankt haben, von denen Sie das nie und nimmer denken würden. Und warum bedankten sie sich? Weil sie zum Beispiel deutsche Ehepartner haben und wussten, wovon wir sprachen

Was hätten Sie besser sagen können?
2006 publizierten wir einen Bericht über die Situation der muslimischen Minderheit. Da hätten wir Irritationen verhindern können, wenn wir die – von uns gar nicht bestrittenen – Herausforderungen und Probleme stärker thematisiert hätten, die sich bei der Integration von Muslimen stellen.

Dass Sie zu einer Reizfigur der Rechten geworden sind, mag auch an Ihrem Wesen liegen: Sie sind ein urbaner Professor, dessen Sprache ein bisschen nach feiner Gesellschaft klingt. Sollte Ihr Nachfolger einer sein, der vom Land kommt, Gewerbler ist und den Stammtischduktus beherrscht?
Warum nicht? Wobei er oder sie schon über ein minimales Expertenwissen verfügen und vielleicht das eine oder andere Buch zum Thema gelesen haben sollte. Es kann und soll nicht jeder einer Expertenkommission angehören. Es wäre mir aber noch so recht, wenn mein Nachfolger vom Erscheinungsbild her mehr Akzeptanz genösse als ich.

Kam es vor, dass Sie sich fragten: Warum tue ich mir das eigentlich an?
Ja, das kam vor. Ich habe mir in solchen Momenten dann überlegt, wie ein Rücktritt gedeutet würde. Dabei war mir klar, dass es vor allem zwei Varianten gäbe: erstens die Deutung, dass ich aus dem Verkehr gezogen worden wäre. Oder dann die Deutung, dass ich resigniert hätte. Beide Deutungen wären falsch gewesen, und keine von beiden wollte ich nähren. Es gibt selbst beim jetzigen regulären Abschied auf Ende der Amtsperiode noch genug Leute, die dahinter irgendetwas zu erkennen glauben. Ich bekomme ja auch immer wieder Post… (zeigt ein Blatt, auf das ein anonymer Schreiber in grossen Lettern geschrieben hat: «Endlich eine gute Meldung»).

Blieb es bei Beschimpfungen, oder bekamen Sie auch mal Angst?
Oh ja, es gab solche Momente, wo ich Angst bekam. Drohungen, gefährliche Post, ich erlebte so ziemlich alles.

SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer hat Sie einmal als «typischen Konvertiten» bezeichnet, der vom Rechtsfreisinnigen zum radikalen SVP-Antipoden geworden sei.
Ein totaler Unsinn. Ich sehe mich als 68er. Es gehören ja nicht nur jene zu den 68ern, die beim Globus-Krawall Steine geworfen haben. Es gibt ein breites Spektrum. Was mir die lieben Linken lange als Rechtsmanifestation angehängt haben, war mein Einspruch gegen Niklaus Meienberg. Es gab in den 70er-Jahren auf der linken Seite eine Radikalität, die mich – das gebe ich gerne zu – provoziert hat. Gerade Meienberg präsentierte angebliche Wahrheiten derart manipulativ, das sich der Liberale in mir regte.

Aber da gab es doch schon eine Bewegung von rechts nach links? Man nimmt Sie heute als Intellektuellen wahr, der von links gegen die politische Mehrheit opponiert. Als ambitionierter junger Historiker traten Sie jedoch der FDP bei, also der damals weitaus mächtigsten Partei im Land.
Der Eindruck, dass mein Beitritt zur FDP aus Karrieregründen erfolgte, täuscht. Damals war das historische Seminar an der Uni Basel komplett von Linken dominiert. Wer da der freisinnigen Partei beitrat, machte karrieretechnisch gesehen so ziemlich das Dümmste. Hinzu kam, dass ich mich innerhalb der FDP von Beginn weg in einer Minderheit befand, was für die Karriere ebenfalls nicht hilfreich war. Zum Beispiel kämpfte ich schon früh für einen zivilen Ersatzdienst. Als ich mich 30-jährig zu einem Parteibeitritt entschloss, war für mich die Frage: SP oder FDP? Ich ging zum Freisinn, weil ich lieber ein Linker in der FDP als ein Rechter in der SP sein wollte. An meinem ersten Parteitag musste ich mir dann ein Referat von Ernst Cincera anhören. Das war ein kleiner Schock.

Ihrer Ansicht nach haben nicht Sie sich nach links bewegt, sondern die FDP nach rechts?
Davon bin ich überzeugt. Wenn man liest, was Ulrich Bremi 1991 in seiner Rütli-Rede gesagt hat . . . Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die FDP einmal geglaubt und gehofft hat, wir seien im Jahr 2007 Mitglied der EU – und wenn man das dann mit dem vergleicht, was heute von der FDP kommt: Da liegen Welten dazwischen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2011, 22:17 Uhr

Georg Kreis

Professor, Intellektueller

Der 67-jährige Basler ist Präsident der eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Die Expertenkommission fördert im Auftrag des Bundesrats das Verständnis zwischen den Ethnien und bekämpft die Rassendiskriminierung. Seit ihrer Gründung 1995 sorgt sie mit ihren Stellungnahmen immer wieder für politischen Wirbel. Auf Ende Jahr gibt Kreis sein Präsidentenamt nach 16 Jahren ab. Üblicherweise sind für solche Funktionen drei vierjährige Amtszeiten vorgesehen. Aufgrund besonderer Umstände bat jedoch 2007 der damalige Bundesrat Pascal Couchepin Kreis, eine zusätzliche Periode anzuhängen. Georg Kreis ist emeritierter Professor für Geschichte an der Uni Basel und leitet noch bis zum Herbst das Basler Europainstitut. Der Historiker war Mitglied der Bergier-Kommission.(han)

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