Hintergrund

Es geht auch mit dem Bus

Die Idee des Bundes, diverse Bahnlinien durch Busse zu ersetzen, sorgt für rote Köpfe. Gegner betonen die Nachteile. Doch der Busbetrieb kann auch erfolgreich sein, wie Beispiele aus dem Aargau und Emmental zeigen.

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Die Kantone müssen schweizweit 175 Bahnverbindungen prüfen, deren Kostendeckung weniger als 50 Prozent beträgt. Am Montag publizierte der Bund eine Liste mit den betroffenen Linien, bei denen die Umstellung von Bahn- auf Busbetrieb geprüft werden soll. Ein Aufschrei ging durchs Land. Busverbindungen werden in diversen Medienberichten als langsam oder unökologisch bezeichnet. Der Faktor Stau wurde ebenfalls wiederholt erwähnt.

Es stellt sich die Frage, wie nachteilig es tatsächlich ist, von Bahn- auf Busbetrieb umzustellen. Im Emmental wurde im Jahr 2010 die Bahnlinie zwischen Sumiswald und Huttwil eingestellt. Seither fährt ein Bus mitten durch die Dörfer, die teils weiter entfernt von den Bahnhöfen im Tal liegen. Laut Wolf-Dieter Deuschle, Vorsteher des Amts für öffentlichen Verkehr des Kantons Bern, gab es kaum Widerstand gegen die Umstellung. «Die Bevölkerung erkannte, dass die Buslinie mehr Qualität mit sich bringt als die Zugverbindung.» Die Beteiligten, darunter eine Gruppe aus Gemeindevertretern, hätten eine sachliche Diskussion geführt. Wie Deuschle weiter ausführt, hat sich die neue Buslinie gut etabliert und geniesst eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Weil die Region zudem nicht dicht besiedelt ist, kann der Bus den Fahrplan ohne Probleme einhalten.

Erst der Aufschrei, dann die Akzeptanz

Im Kanton Aargau hat man in den 1990er-Jahren ebenfalls Erfahrungen mit der Umstellung gemacht, und dies gleich mehrfach. Wie Reto Kobi von der Sektion öffentlicher Verkehr des Kantons Aargau auf Anfrage sagt, wurden unter anderem folgende regionalen Bahnlinien durch Busse ersetzt: Wohlen–Meisterschwanden, Lenzburg–Wildegg, Frick–Brugg , Laufenburg–Koblenz und Wettingen–Mellingen. Der Bahnbetrieb lohnte sich immer weniger. Die Bahnhöfe waren oft weit weg von den Dörfern, die Auslastung der Züge schlecht. So überprüfte der Kanton ein Umsteigen auf den Bus auf den wenig rentablen Strecken.

Im Gegensatz zum Emmental war die Umstellung im Aargau «eine langwierige Angelegenheit, die für viele Diskussionen sorgte», wie sich Kobi erinnert. «Bei Veranstaltungen zum Thema waren öfters Bahnfans anwesend, die sich beherzt für die Erhaltung der Zugstrecken einsetzten.» Heute haben sich die Buslinien laut Kobi etabliert, und die Akzeptanz in der Bevölkerung ist hoch. So gut wie kein Passagier würde sich heute auf diesen Strecken noch den Zug zurückwünschen. Zwischen Wohlen und Meisterschwanden sowie Beromünster und Menziken wurden übrigens die Bahntrassees zu Velowegen umfunktioniert. Sie erfreuen sich grosser Beliebtheit.

Bus muss mindestens so gut sein wie der Zug

Eine der fraglichen Strecken auf der Liste des Bundes ist die Zugstrecke zwischen Spiez und Interlaken Ost. Schon heute verkehren in den Randstunden nach 20.30 Uhr stündlich Busse zwischen den beiden Orten. Dies funktioniert problemlos, wie Wolf-Dieter Deuschle vom Kanton Bern sagt. Doch eine gänzliche Abschaffung der Bahnverbindung kommt für ihn derzeit noch nicht infrage: «Tagsüber ist der Verkehr entlang der Strecke besonders in Därligen zu dicht, um auf dem Strassenweg den Fahrplan einhalten zu können.» Mit einer separaten Busspur etwa könnte sich Deuschler aber durchaus einen Bus anstelle der Bahn auf dieser Strecke vorstellen. Allerdings wäre der Einsparungseffekt nicht allzu gross: «Das Gleis muss erhalten bleiben für die IC-Züge nach Interlaken.» Hinzu kämen die Kosten für den Bus sowie Investitionen in bauliche Massnahmen auf der Strasse.

Zu den Aargauer Bahnlinien, die auf der Roten Liste des Bundes stehen, meint Kobi: «Bei uns sind heute zusätzliche Umstellungen von Zug auf Bus nirgends mehr sinnvoll.» Der Kanton habe dies schon mehrmals in Studien überprüft und die nötigen Massnahmen bereits umgesetzt. Ein Umsteigen auf den Bus bringe kaum etwas auf Strecken, die ohnehin schon von den Fernverkehrszügen der SBB oder dem Güterverkehr benutzt würden. «Ebenso wenig in dichter besiedelten Gebieten, wo ein Durchkommen auf der Strasse schwierig ist.»

Abschliessend meint Reto Kobi vom Kanton Aargau, das Busangebot müsse mindestens gleichwertig sein wie dasjenige des Zuges. Nur so stosse das Angebot auf Akzeptanz. Busverbindungen würden gut funktionieren, wenn Gebiete weniger dicht besiedelt seien und das Verkehrsaufkommen auf den Strassen kleiner sei . «Herrscht jedoch viel Verkehr, wie etwa in den Ballungsgebieten, braucht es unbedingt eine separate Busspur für ein zügiges Durchkommen», so Kobi.

Erstellt: 16.10.2012, 17:26 Uhr

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