«Es gibt durchaus Frauen, die zur Pädophilie neigen»

Was unterscheidet pädophile Frauen und Männer? Und wann sind Eltern übergriffig? Dazu Kinderrechts-Experte Philip Jaffé.

Philip Jaffé: «Bei Frauen besteht in der Beziehung zu Kindern ein grosser Graubereich.»

Philip Jaffé: «Bei Frauen besteht in der Beziehung zu Kindern ein grosser Graubereich.»

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Auf der schwarzen Liste der Kantone stehen heute die Namen von 95 Pädagogen. Fast alle dürfen nicht mehr unterrichten, weil sie ein Sexualdelikt begangen haben, wie die «SonntagsZeitung» schreibt. Im Kanton St. Gallen stehen auch die Namen zweier Frauen auf der Liste. Aus welchem Grund, wollte man nicht bekannt geben. Frauen, die Kinder missbrauchen, kann man sich jedoch nur schwer vorstellen.
Wenn man an eine pädophile Person denkt, denkt man stets an einen Monsieur Dutroux und nie an eine Madame Dutroux. Dabei gibt es durchaus Frauen, die zur Pädophilie neigen.

Wie macht sich diese Neigung bei Frauen bemerkbar?
Pädophile Frauen unterscheiden sich stark von pädophilen Männern. Manche sind traumatisiert – nicht selten, weil sie als Kind selbst missbraucht worden sind. Oder sie haben eine sexuelle Beziehung zu einem jungen, aber noch minderjährigen Mann. Ist der Altersunterschied gross, wird eine solche Beziehung selbst dann nicht von der Gesellschaft toleriert, wenn sie im gegenseitigen Einvernehmen besteht. Und: Die Pädophilie der Frauen ist im Gegensatz zu jener der Männer fast immer heterosexuell.

Können Sie abschätzen, wie hoch der Anteil der Fälle ist, bei denen die Frau Täterin ist?
Das lässt sich kaum sagen – nicht nur, weil die Opfer aus Scham oft schweigen. Sexuelle Avancen und Handlungen von Männern sind in der Regel direkt und unverhohlen. Meist lässt sich klar sagen, ob sie legal oder illegal gehandelt haben. Bei Frauen hingegen besteht ein grosser Graubereich. Ihre Beziehung zu Kindern ist oft gefühlsbetonter, und sie haben eine grössere körperliche Nähe zu ihnen. Wo setzt man die Grenze? Oft könnten es nicht einmal die Beteiligten selbst genau sagen, was zulässig ist und was nicht. Manche Kinder sind sich nicht bewusst, dass die Beziehung weitergeht als üblich. Andere merken dies zwar, können das Vorgefallene aber nicht einordnen.

In Dietikon stand letztes Jahr eine Mutter vor Gericht, weil sie ihre siebenjährige Tochter noch immer auf intime Weise stillte, sie wurde aber freigesprochen. Können Eltern auch unbewusst eine so nahe Beziehung zu ihren Kindern entwickeln, dass sie als übergriffig gelten kann?
Ja, Eltern und Kinder können eine Beziehung zueinander entwickeln, die inzestuöse Züge trägt – ohne dass sie sich dessen bewusst werden. Das kann in jeder Familie geschehen, auch in gut situierten. Es kommt aber eher in Familien vor, die in beengten Verhältnissen, vielleicht auch nur in einem Zimmer zusammenleben müssen. Dort braucht es viel mehr Klarheit darüber, was akzeptiert ist und was nicht.

Werden Frauen, die Kinder missbrauchen, vielleicht auch weniger entdeckt, weil man es ihnen weniger zutraut als Männern?
Nun, es kommt ganz objektiv gesehen selten vor, dass eine Frau Minderjährige missbraucht. Allerdings akzeptiert es die Gesellschaft auch eher, wenn eine ältere Frau eine Beziehung mit einem minderjährigen Mann eingeht als umgekehrt; man geht davon aus, dass sich ein junger Mann eher zur Wehr setzen könnte als eine junge Frau.

Weshalb ist die Pädophilie unter Männern deutlich stärker verbreitet als bei Frauen?
Die Antwort liegt in der menschlichen Entwicklung: Die männliche Sexualität enthält auch Aspekte von Macht und Unterdrückung, die manche gegenüber körperlich Schwächeren, Frauen und Kindern, ausleben.

Bis heute spricht man kaum von Frauen mit pädophiler Neigung. Weshalb?
Das beginnt sich zu ändern. Heute ist man gegenüber dem Thema Pädophilie ganz grundsätzlich stärker sensibilisiert und spricht mehr darüber. So berichten auch die Medien öfter über dieses Thema – in Frankreich auch über die Pädophilie von Frauen. Das begrüsse ich – Kinder leiden stark, wenn sie missbraucht worden sind, und wenn über Missbräuche diskutiert wird, kann dies dazu beitragen, diese zu verhindern.

Erstellt: 29.10.2018, 18:36 Uhr

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Philip Jaffé ist Direktor des interdisziplinären Zentrums für Kinderrechte der Universität Genf (Bild: PD)

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