«Es gibt eine schweigende Mehrheit für AKW»

Die AKW-Debatte in der Schweiz steuert unweigerlich dem nächsten Showdown entgegen. Bereits jetzt treten für Tagesanzeiger.ch/Newsnet Vertreter der jeweiligen Lager gegeneinander an.

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Im Februar 2007 hat der Bundesrat beschlossen, die bestehenden Kernkraftwerke in der Schweiz zu ersetzen oder durch Neubauten zu ergänzen. Bereits im Juni 2008 haben die Energie-Konzerne Alpiq, Axpo und BKW beim Bund Gesuche für die geplanten Ersatz-AKW in Mühleberg (BE), Beznau (AG) und Gösgen (SO) eingereicht.

Anfang 2011 erhalten die Kantone Gelegenheit, sich zu den drei Gesuchen zu äussern. Die öffentliche Auflage erfolgt Mitte 2011. Der Bundesrat wird voraussichtlich Mitte 2012 über die drei Gesuche entscheiden. Danach ist das Parlament am Zug.

Volksabstimmung in drei Jahren

Das letzte Wort wird das Volk haben: Eine Volksabstimmung könnte gegen Ende 2013 stattfinden. Bei einem Ja würden das oder die neuen AKW zwischen 2025 und 2027 ans Netz gehen.

Mit dem Engergiepolitiker und früheren Nationalrat Rudolf Rechsteiner sowie dem AKW-Befürworter und Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen treten für Tagesanzeiger.ch/Newsnet bereits jetzt Vertreter der jeweiligen Lager gegeneinander an.

Pro AKW: Christian Wasserfallen

Drei Eingaben für neue AKW in der Schweiz haben wir. Wie viele braucht es tatsächlich?
Im Moment zwei und zwar Mühleberg und Beznau. Das ist die realistische Variante. Mit drei würden wir das Fuder überladen. Weil Gösgen zuletzt abgeschaltet wird, muss man mit einem Ersatz an diesem Standort zuwarten. Die Option für ein drittes AKW müssen wir bei Bedarf prüfen.

Der Bundesrat wird über drei Gesuche entscheiden. Wie werden diese ausfallen?
Grundsätzlich können alle drei Gesuche positiv bewertet werden. Wie wir heute erfahren haben, sind aber gewisse Nachbesserungen zum Beispiel in der Erdbebensicherheit nötig. Es ist aber dringend nötig, dass die Konzerne Axpo, BKW und Alpiq sich jetzt auf zwei Standorte einigen.

Wie werden Debatte und Entscheide im Parlament verlaufen?
Die Grenzlinie zwischen Befürwortern und Gegnern ist ziemlich scharf. Es wird eine klare Mehrheit für neue Atomkraftwerke geben. Ich appelliere aber an die Gegenseite, die Debatte sachlich und konstruktiv zu führen, und ich will nicht in jedem zweiten Satz das Wort Tschernobyl hören.

Haben neue AKW beim Volk eine Chance?
Das Referendum in dieser Frage ist fakultativ, aber dass es kommt, davon gehe ich aus. Es gibt eine schweigende Mehrheit für AKW. Wer äussert sich schon gerne öffentlich für Kernenergie? Für eine Volksabstimmung bin ich aber optimistisch, da AKW den riesigen Vorteil haben, CO2-arm viel Strom in bester Qualität produzieren zu können. Ein erster Test dazu findet am 13. Februar in Bern statt. Es ist aber nur eine Konsultativabstimmung.

Wie würde die Schweiz die Energieversorgung ohne neue AKW sicherstellen?
Dann müssen wir im Ausland einkaufen. Bei der Wasserkraft ist wegen der Gesetzgebung kein Ausbau mehr möglich. Wind und Sonne gebe ich in naher Zukunft kaum mehr als 5 Prozent Potenzial. Wenn die Geothermie in 20 Jahren kommt, ist das zu spät. Vielleicht muss die Schweiz auch auf Gaskombi-Kraftwerke setzen, was ich aber aufgrund des CO2-Ausstosses nicht befürworte.

Wann hat die Schweiz ein Atommüll-Endlager?
Die in der Schweiz anfallenden radioaktiven Abfälle müssen grundsätzlich im Inland entsorgt werden. Daher werden wir werden ein solches Lager haben, das ist klar. Ich schätze es wird 2040 bis sowohl schwach- und mittelaktive (bis 2030) als auch hochaktive Elemente ein fertiges Lager haben. Das Schweizervolk wird das gutheissen. Das Kernenergiegesetz sieht auch hier einen Entscheid des eidgenössischen Parlaments mit fakultativem Referendum vor.

Wann wird in der Schweiz das letzte AKW abgeschaltet?
Ich gehe davon aus, dass wir eine zweite Generation solcher Kraftwerke bauen werden. Das könnte aber gleichzeitig auch die letzte Generation AKW sein. Wann diese abgeschaltet werden, kann ich nicht sagen. Aber die Hoffnung, dass dannzumal alternative Energien unseren Bedarf abdecken, scheint dann aber realistisch.


Christian Wasserfallen ist FDP-Nationalrat und Präsident der AKW-freundlichen Aves-Sektion Bern. Aves steht für Aktion für eine vernünftige Energiepolitik.

Kontra AKW: Rudolf Rechsteiner

Drei Eingaben für neue AKW in der Schweiz haben wir. Wie viele braucht es?
Wir brauchen kein neues AKW. Das gilt nicht nur für die Schweiz. Auch international sind wir mit der erneuerbaren Energie soweit, dass die Abdeckung des Bedarfs möglich ist. In der Schweiz könnten allein schon Solardächer, also Photovoltaikanlagen, mehr Energie als alle AKW im Land liefern.

Der Bundesrat wird über drei Gesuche entscheiden. Wie werden diese ausfallen?
So wie der Bundesrat zusammengesetzt ist, wird er alle drei durchwinken. Um damit aber durchzukommen, wird die Regierung zuerst eines bringen und das als Kompromiss verkaufen. Die nächsten beiden nach gleichem Prinzip. Jede Anlage wird aber vors Volk müssen, weil wir jedes Mal das Referendum ergreifen.

Wie werden Debatte und Entscheide im Parlament verlaufen?
Am umstrittensten ist das AKW-Geschäft in der CVP. Dort ist nämlich die Basis gegen neue AKW. Bei der SVP hat es zwar auch viele Gegner. Die Bauern getrauen sich aber nicht, Nein zu sagen. Sie machen das erst bei der Volksabstimmung, weil sie auf ihrem Scheunendach eine Solaranlage bauen wollen.

Haben neue AKW beim Volk eine Chance?
Ich gehe nicht davon aus. Bis dann – geplant ist eine Abstimmung für 2013 – werden die erneuerbaren Energien dank der Einspeisevergütung nochmals stark zulegen. In den nächsten zwei Jahren werden dank gesunkenen Preisen für Solarpanels mindestens 10'000 neue Anlagen montiert. Und in jedem Dorf wird es Installateure geben, die begreifen, dass diese Technologie ihre Zukunft ist.

Wie würde die Schweiz die Energieversorgung ohne neue AKW sicherstellen?
Gemeinsame Windfarmen mit Nachbarländern in der Nordsee. Ein starkes inländisches Ausbauprogramm. Energie aus Biomasse und Sonne müssen gefördert, Elektroöfen durch Heizen mit Pellets oder Wärmepumpen ersetzt werden.

Wann hat die Schweiz ein Atommüll-Endlager?
Ich halte das Ansinnen einer endgültigen Lösung für nicht realisierbar. Die Abfälle müssen kontrolliert und rückholbar sein. Und wer kann das auf diese langen Zeiten schon garantieren.

Wann wird in der Schweiz das letzte AKW abgeschaltet?
Nach dem nächsten Unfall. Nein ehrlich, diese Industrie gibt keinen Standort preis. Auch wenn das Volk zu neuen AKW Nein sagt, werden die bestehenden Anlagen weiterbetrieben. Selbst in Deutschland, wo die Laufzeiten verlängert wurden, wird die Atomenergie schneller ausgedient haben als in der Schweiz.


Rudolf Rechsteiner sass von 1995 bis 2010 im Nationalrat. Er machte sich als Energiepolitiker einen Namen, wobei er sich aktiv im Kampf gegen die Atomenergie engagierte.

Erstellt: 15.11.2010, 17:03 Uhr

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