Es gibt nur einen wie Beni

Mit dem Abschied von Bernard Thurnheer endet die goldene Fernseh-Epoche unserer Eltern. Er war die Stimme der Baby­boomer, durchdrungen von Optimismus, fleissig, ehrgeizig, bescheiden.

Eine Identifikationsfigur für viele Schweizer: Beni Thurnheer. Video: Philipp Loser, Urs Jaudas, Lea Blum

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Es war in Zunzgen, es war im Juni 1994, und die Eigentumswohnung war so trist wie das Kaff im Oberbaselbiet. Beiges Sofa, beige Wohnwand, beige Läufer, beiges Laminat in der Küche. Aber das spielte alles keine Rolle. Der Röhrenfernseher (der war wohl auch beige, aber wer kann das nach zwanzig Jahren noch so genau wissen) zeigte uns Amerika, den Silverdome, Wahnsinn. Die Schweiz an einer Weltmeisterschaft, all unsere Helden im Panini-Album. Sutter, Pascolo, Chapuisat, Bregy, Ohrel, Hottiger, Geiger, Knup, sogar Egli mochten wir.

Für uns 13-jährige Schulbuben, die wir uns auf das beige Sofa drängten, war es das erste Spiel einer Schweizer Nationalmannschaft an einer Weltmeisterschaft überhaupt. Und wie sind wir aufgesprungen und haben gejubelt und die Fäuste geballt, als Georges Bregy irgendwann in der ersten Halbzeit diesen Freistoss in die rechte obere Ecke schnibbelte. Wahnsinn. Zehn Minuten später war das Glück wieder vorbei. Schuld daran war nicht Wynalda und sein (um einiges schöner getretener) Freistoss kurz vor der Halbzeit. Schuld war nur Beni Thurnheer. «Es gibt keinen Zweiten wie Bregy», hatte der Sportmoderator leichthin gesagt, und dann nahm ­Wynalda Anlauf und . . .

Abschied seit gefühlten Jahren

Heute mag man Spässe machen über den Spruch von Beni Thurnheer. «Die grösste Leistung meiner Karriere war eine Fehleinschätzung», sagt er dazu gerne in Interviews. Aber damals nahm ich ihm das ziemlich übel. Er hatte den Treffer herbeigeredet, so wie es nur die ganz schlechten Fernsehkommentatoren machen. Das Rumänien-Spiel ein paar Tage später half, um mich wieder mit ihm zu versöhnen. Sutters Schuss trotz gebrochener Zehe, der Antritt von Sforza, der eiskalte Knup und dazu Benis «Jipieiei». 4:1! Das war die beste Nationalmannschaft aller Zeiten, begleitet vom besten Sportkommentator aller Zeiten. Beni Thurnheer: Sound meiner Kindheit. Vorbild mit Traumjob. All die Orte, an die er reisen durfte, all die Spieler, die er persönlich kannte. Die i h n kannten. Ein Held!

Nun nimmt der Held Abschied, seit gefühlten Jahren schon. Zum letzten Mal Nationalmannschaft, zum letzten Mal Weltmeisterschaft, zum letzten Mal «­Benissimo», zum letzten Mal «Sportpanorama» (eben erst, als er in Tränen ausbrach ob Roger Federers Laudatio). Final ist auch dieser Abschied nicht. Er macht noch etwas Kunstturnen und dann, in einem Jahr, die Schlussfeier der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. «Das ist doch passend: Nach der Schlussfeier ist wirklich Schluss.»

Kaum ein Moderator im Schweizer Fernsehen wurde je so ausgiebig verabschiedet. Es ist, als ob die Fernsehmacher im Leutschenbach Benis Abschied bewusst in die Länge zögen, als ob sie spürten, dass hier mehr geschieht, etwas Grundsätzliches. Und sie haben recht. Denn mit dem Ende von Thurnheers Karriere endet auch eine Schweizer Epoche: die goldene Zeit der Nachkriegsgeborenen, die Zeit der Übersichtlichkeit, die hohe Zeit des Fernsehens als zentraler Bestandteil des täglichen Lebens.

«Zu Beginn meiner Karriere erlebte ich den Aufstieg des Fernsehens», sagt Beni Thurnheer. «Und jetzt, zum Ende der Karriere, seinen Niedergang.» Er sagt das ohne Pathos, ganz rational. So rational, wie ihm das all jene, die ihn nur vom Fernsehen kennen, kaum zutrauen würden. Wir sitzen auf der Haupttribüne des FC Winterthur, hier, wo eine der grössten Karrieren im Schweizer Fernsehen begonnen hat. «Da drüben, gleich neben der Bierkurve, da stand ich immer.» Alle zwei Wochen ein Heimspiel des FCW, «mehr gab es in der Arbeiterstadt damals nicht als Abwechslung».

Spielte Winterthur auswärts, hörte Thurnheer Radio. Und war so fasziniert wie die Schulbuben auf dem Zunzger Sofa viele Jahre später. Genau das wollte er. Herumreisen, Fussball sehen, Fussball kommentieren. Vor dem Radio in Winterthur begann eine Aufsteiger­geschichte, wie sie viele in seiner Generation erlebten. Zuerst lernt man etwas Rechtes: Im Fall von Thurnheer (in dessen Haushalt erst ein Fernseher angeschafft wurde, als der einzige Sohn die Matura bestanden hatte) war das die ­Juristerei. Nach bestandenem Lizenziat bewarb sich Thurnheer beim Radio – und setzte sich gegen 1600 Mitbewerber durch. «Nie hätte ich gedacht, dass ich das schaffen könnte. Aber ich hätte es mir nicht verziehen, wenn ich es nicht versucht hätte.»

Thurnheers Optimismus ist typisch für die Generation unserer Väter. Die Baby­boomer, verschont vom Schrecken des Krieges, durchdrungen von den Möglichkeiten in einer sich neu entfaltenden Welt. Beni Thurnheer war die Stimme dieser Generation. Eine Identifikationsfigur für viele Schweizer. Weil er so typisch schweizerisch war. Fleissig (seine Karteikärtchen mit Informationen zu jedem einzelnen Spieler waren legendär), ehrgeizig, bescheiden. Er habe sich ­immer Mühe gegeben, sich möglichst durchschnittlich zu geben, sagt Thurnheer, und wohl darum schaffte er es, dass das Gros der Zuschauer seiner nie überdrüssig wurde. Beni war ein guter Bekannter, ein ständiger Begleiter, das Hintergrundrauschen des rechtschaffenen Schweizer Lebens. Am Montag «Tellstar», unter der Woche Europacup, am Wochenende «Benissimo» und das «Sportpanorama». Beni war immer da. Beni war eine Konstante.

Und plötzlich war er peinlich

Meine Eltern, mit ähnlichem Jahrgang wie Thurnheer, sind mit ihm älter geworden. Ich habe mich von ihm verabschiedet, zwischenzeitlich auf jeden Fall. Plötzlich war es nicht mehr cool, am Samstagabend mit den Eltern «Benissimo» zu schauen (darauf hätte man auch früher kommen können: Was die «Friends» da veranstalteten, war ein Verbrechen am guten Geschmack), plötzlich war es auch nicht mehr wirklich cool, zu fest mit der Nationalmannschaft zu ­fiebern. Der Verein wurde wichtiger, die Freunde wussten jetzt über Taktik Bescheid, über Laufwege und das richtige Umschaltspiel. Beni Thurnheer blieb bei den Kalauern. Also schalteten wir um, zu den Deutschen oder noch lieber zu den fatalistischen Österreichern.

Nur noch selten, wenn es wirklich nicht mehr anders ging, blieben wir bei Beni hängen. Und schämten uns dann immer ein bisschen. Weil er Fehler machte, weil er manchmal Witzchen machte, die eben genau das waren: Witzchen. Weil er Dinge tat, die man bei den eigenen Eltern auch peinlich finden würde. Als er sich nach 28 Jahren scheiden liess, suchte er quasi halb öffentlich eine neue Freundin, immer begleitet vom «Blick». Das Boulevardblatt, das Thurnheer während Jahren gehätschelt hatte, wandte sich nun gegen ihn. Als sich Beni mit einer halb so alten Frau bei einer Zirkuspremiere zeigte, schleifte das der «Blick» über Wochen durch die Zeitung. Wie peinlich!, schrien sie und begannen überall nach Fehlern zu suchen. Jeder verwechselte Spieler eine neue Schlagzeile. «Beni, hör auf!».

«Ich habe ein Leben lang in jedem Spiel einen oder zwei Spieler verwechselt. Im 20. Jahrhundert hat das niemand interessiert. Im 21. Jahrhundert machen sie jedes Mal eine Geschichte draus.» Ein Problem? Kein Problem. Er habe manchmal Mitleid gehabt mit dem Volontär, der ihn nach einem Spiel anrufen musste. «Die anderen haben sich nicht mehr getraut.» Auch die Episode mit der zu jungen Blondine ist längst vergessen. Heute lebt Thurnheer in einer glücklichen Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau aus der Ostschweiz, «sammelt» in der zunehmenden Freizeit Länder (87 hat er besucht, die 100 will er noch vollmachen) und geniesst den langsam einsetzenden Ruhestand. «Ich hatte immer Angst, dass ich unter Entzugserscheinungen leiden würde. Aber das Gegenteil ist der Fall: Es geht mir immer besser.»

Wie er da so entspannt auf der Haupttribüne des FC Winterthur sitzt, in kurzen Hosen und Poloshirt, wie er gelassen von fast vierzig Jahren Fernsehen erzählt, da ist es an mir, mich etwas zu schämen. Ich habe Beni Thurnheer Unrecht angetan. Natürlich ist er älter geworden, natürlich hat er Fehler gemacht. Und ja, er passt nicht mehr wirklich in die heutige Zeit. «Wer braucht noch Karteikarten, wenn es das Internet gibt?», sagt er selber. Aber das ist nicht seine Schuld. Es ist wohl ähnlich wie mit der Schweizer Nationalmannschaft von 1994. Die hätte, trotz Sutter, trotz Chapuisat, wohl keinen Stich mehr gegen die hochgezüchteten Fussballprofis, die heute das Schweizer Trikot anziehen. Trotzdem bleibt für mich das Team von 1994 die beste Schweizer Nationalmannschaft aller Zeiten. Weil es meine Mannschaft war. So wie Beni Thurnheer der beste Sportmoderator aller Zeiten bleibt. Weil er mein Vorbild war. Es gibt wirklich nur einen wie Beni.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2015, 20:00 Uhr

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