«Es ist tatsächlich eine historische Wahl»

Die Schweiz hat als zweites europäisches Land eine Frauenmehrheit in der Regierung. Während der Historiker Urs Altermatt von einer historischen Wahl spricht, reagieren Frauen erstaunlich verhalten.

Die helvetische Frauenmehrheit: Micheline Calmy-Rey, Eveline Widmer-Schlumpf, Doris Leuthard und die neu in den Bundesrat gewählte Simonetta Sommaruga.

Die helvetische Frauenmehrheit: Micheline Calmy-Rey, Eveline Widmer-Schlumpf, Doris Leuthard und die neu in den Bundesrat gewählte Simonetta Sommaruga.

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Fast vier Jahrzehnte nach der Einführung des Frauenstimmrechts und 26 Jahre nach der Wahl der ersten Bundesrätin schrieb die Schweizer Bundesversammlung heute Vormittag mit der Wahl der Berner SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga und des Berner FDP-Nationalrats Johann Schneider-Ammann in den Bundesrat gleichstellungspolitische Geschichte. Nicht nur in der Schweiz, sondern europaweit, hat doch die Schweiz nun als zweites Land nach Finnland eine Frauenmehrheit in der Landesregierung.

Eine historische Bundesratswahl – doch die Freude über die Frauenmehrheit bleibt ausgerechnet bei vielen Frauen aus. Am wenigsten freuen sich die Vorkämpferinnen für Gleichberechtigung. Eine der bekanntesten der Schweiz, Julia Onken, will erst gar nicht darüber reden. «Wir nähern uns der Normalität, das ist alles», lautet der knappe Bescheid der Psychologin und Buchautorin gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Wenig euphorisch äussert sich auch die Historikerin und Gender-Spezialistin Heidi Witzig. «Ich würde dem nicht zu viel Bedeutung beimessen, es ist mehr ein symbolischer Akt.»

Keller-Sutter gegen Rime ausgeschieden

Wer auf fünf Bundesrätinnen gehofft hatte, wurde am Mittwochvormittag enttäuscht. Die St. Galler FDP-Kandidatin Karin Keller-Sutter, die sich während des Wahlkampfs einen ausgezeichneten Ruf in der Bundesversammlung geschaffen hatte, ist im vierten Wahlgang gegen den SVP-Kandidaten Jean-François Rime ausgeschieden. In den Bundesrat gewählt wurde dann der Berner FDP-Nationalrat Johann Schneider-Ammann.

Doch auch mit vier Frauen im Bundesrat schreibt die Schweiz europaweit Geschichte, wenn auch ohne grosse Beachtung. Der Politologe Claude Longchamp versteht nicht, weshalb man die Frauenmehrheit im Bundesrat nicht kommuniziert, um damit das Image der politischen Schweiz zu verbessern, wie er im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. Er spüre das diesbezügliche Desinteresse bei Frauen ebenfalls: «Die Frauenmehrheit ist als symbolischer Wert aus Sicht der Frauenbewegung zu oberflächlich.»

Frauenmehrheit kam eher zufällig zustande

Dass in wenigen Wochen erstmals vier Frauen im Bundesrat sitzen, ist nicht ein unmittelbares Resultat der gleichstellungspolitischen Bemühungen. Die Frauenmehrheit kam eher zufällig zustande, sagt der Polit-Historiker Urs Altermatt. Die Euphorie bleibe aus, weil sich die Frauenfrage normalisiert habe. Doch: «Ein Ereignis kann auch historisch sein, wenn es nicht als solches wahrgenommen wird. Und es ist tatsächlich eine historische Wahl, auch wenn die Frauenmehrheit vielleicht nur ein Jahr lang hält.»

Tatsächlich sind die Chancen gross, dass ab 2011 durch den möglichen Rücktritt von Micheline Calmy-Rey oder die wahrscheinliche Nicht-Wiederwahl von Eveline Widmer-Schlumpf die Männer im Bundesrat zahlenmässig wieder dominieren. «Wir sind jetzt ein Jahr lang so weit wie Finnland», sagt Heidi Witzig. Aber erstrebenswert wäre eine langfristige Geschlechterparität in allen Gremien und Behörden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.09.2010, 11:08 Uhr

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Frauen an der Macht

Finnland hatte bisher als einziges europäisches Land eine Frauenmehrheit in der Regierung. 11 von 20 Kabinettsmitgliedern sind weiblich. In Island, Dänemark, Norwegen und Schweden beträgt der Anteil der Frauen in der Regierung rund 50 Prozent. Im südlichen Europa ist Spanien das einzige Land mit Geschlechterparität in der Regierung: 9 von 18 Regierungsmitgliedern sind weiblich.

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